selbstbestimmt! – die Reportage | MDR FERNSEHEN | 14.02.2016 | 08:00 Uhr Ich drück dir einen Daumen!

Vom Fichtelberg zu den Paralympics

Sie sind schnell, stark und schwer motiviert: Verena Bentele, Andrea Eskau, Josef Giesen und Thomas Oelsner. Jede Menge Medaillen haben sie international bereits erkämpft. Der Film begleitet die Ski-Athleten der deutschen Nationalmannschaft bei der Vorbereitung auf die Paralympics in Vancouver. Dazu holt Bundestrainer Werner Nauber seine Schützlinge immer wieder in seine Heimat, zum Training auf dem Fichtelberg.

Verena Bentele ist von Geburt an blind. In die Nationalmannschaft kam sie mit 13 Jahren. Die Biathletin, vierfache Weltmeisterin und zwölffache Paralympics-Siegerin ist seit 2014 Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Die Biathletin galt in ihrem Team als "Goldgarantie". Aufgrund ihrer Erblindung war sie auf einen Begleitläufer angewiesen. Bei den Schießübungen kam sie alleine klar. Sie brauchte dazu nur einen Kopfhörer, denn sie schoss nach Gehör: Je höher der Ton, desto näher war sie dem Ziel.

Szene aus "Ich drück dir einen Daumen!"
Andrea Eskau: Langläuferin, Biathletin und außerdem erfolgreiche Radbike-Sportlerin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zum Team für die zehnten Paralympischen Winterspiele 2010 in Vancouver gehörte auch Andrea Eskau, die seit einem Fahrradunfall querschnittgelähmt ist. Schon früh hatte sie sich für Sport interessiert, begann als Leichtathletin, entdeckte dann das Rennrad für sich und kam so zum Triathlon. Nach dem Radunfall musste sich Andrea neu ausrichten.

Die Thüringerin arbeitet als Diplom-Psychologin am Bundesinstitut für Sportwissenschaft, ein Job, der ihr den Freiraum für das aufwendige Trainingsprogramm lässt. Der aktive Sport helfe ihr, man bekomme immer neue Aufgaben, sagt sie. Für die Paralympics tauschte sie deshalb gerne den Rollstuhl gegen den Schlitten ein. Bereits 2008 hat sie eine paralympische Goldmedaille im Handbike erkämpft, Doppelgold bei den Paralympics in London 2012 sowie Doppelgold bei den Winter-Paralympics in Sotschi 2014.

Szene aus "Ich drück dir einen Daumen!"
Abschied mit Bronze: Josef Giesen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Josef Giesen, Leistungssportler im Biathlon, ist contergangeschädigt, ihm fehlen die Arme. Im Winter zieht es den Emsländer ins Erzgebirge. Angesichts des fortgeschrittenen Alters benötigt er manchmal etwas längere Pausen: "Leistungssport mit 48 ... da dauert die Erholungsphase länger bis zum zweiten Training." Bei Schießübungen darf er eine federnde Auflage zum Schießen nutzen, eine Sonderanfertigung aus Thüringen. Mit einem dritten Platz im Biathlon-Langstreckenrennen der Paralympics von Vancouver beendete der Emsländer seine internationale Karriere.

Szene aus "Ich drück dir einen Daumen!"
Thomas Oelsner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Thomas Oelsners linker Arm ist seit einem Motorradunfall gelähmt: Es war die Zeit, als sich der kontaktfreudige Athlet am liebsten verstecken wollte. "Ein Jahr habe ich nur rumgehangen, bis mich Freunde schließlich zurück in die Loipe prügelten." In den Achtzigerjahren hatte er an der Kinder- und Jugendsportschule Oberhof von Olympia geträumt. Doch mit 21 Jahren schien von einem Tag auf den anderen seine Leistungssportkarriere beendet.

Die Mühen waren nicht umsonst, im Behinderten-Leistungssport fand er wieder neue Herausforderungen. Kaum zwei Jahre nach seinem Unfall gewann er dreimal Gold. Nur vier Tage trainierte Thomas mit dem Team der Behindertensportler, wurde für die Europameisterschaft 1993 nachgemeldet und holte prompt zwei Goldmedaillen, auch zur Freude des Trainers Werner Nauber. Nach den Winter-Paralympics in Kanada erklärte er das Ende seiner Karriere.

Mit Werner können die Athleten punkten

Szene aus "Ich drück dir einen Daumen!"
Trainer Werner Nauber Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Sportler gehen offen mit ihren körperlichen Einschränkungen um – hart, aber herzlich. Jeder ein Einzelkämpfer mit Teamgeist. Ein wahrer Jungbrunnen für Werner, die Frohnatur aus dem Erzgebirge. Nauber holt seine Schützlinge zum Training am liebsten in seine Heimat, auf den Fichtelberg. Bis 1964 war er aktiver Läufer beim SC Traktor Oberwiesenthal. Durch eine Verletzung musste der damalige DDR-Junioren-Vizemeister seine aktive Laufbahn früh beenden. Nach dem Fernstudium an der DHfK Leipzig wurde er zu einem der gefragtesten DDR-Langlauftrainer, später Wachser und schließlich Co-Trainer der bundesdeutschen Mannschaft.

Erst als Rentner kümmerte er sich um das deutschen Biathlon- und Langlauf-Behindertenteam. Ganz so leicht fiel es ihm anfangs nicht, sich auf die Athleten mit Handicap einzustellen:

Das einzige Problem, das ich am Anfang hatte, war ja, dass ich als Nichtbehinderter Berührungsängste hatte, mit den Behinderten umzugehen. Meine Athleten dagegen haben keine Berührungsängste, auf nichtbehinderte Menschen zuzugehen. Also, wenn der Josef Giesen ohne Arme die rechte Hand entgegenstreckt zum Guten-Tag-Sagen, da erschrecken ja viele erstmal.

Werner Nauber

"Werner ist technisch, taktisch und psychologisch perfekt – ein absoluter Gewinn für uns!" So urteilt das gesamtes Team, das offen mit seinen Handicaps umgeht – hart, aber herzlich, wenn beispielsweise Thomas Oelsner seiner Teamkollegin Verena Bentele Mut macht: "Ich drück dir einen Daumen! Den rechten, denn der linke ist gelähmt."

Wunder kann auch Werner Nauber nicht vollbringen, doch wie er seine Erfahrungen mit ganzem Herzen, voller Kraft und einer gehörigen Portion Humor weitergibt – das muss man erleben.

Knutschen könnte ich den Werner für seinen Enthusiasmus. Wie der Werner sich freut, das hat echt was von 'nem Kleinkind. Wenn man auf dem Laufband schnell läuft oder auch draußen schöne lange Schritte macht, dann kommt er an und sagt: Ach, Verena! Und drückt einen kurz – das ist einfach total cool!

Verena Bentele

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2016, 12:43 Uhr