Martin Park zeigt einen Globus.
Martin Park zeigt Schülern einen Reliefglobus. Bildrechte: WDR/MDR

selbstbestimmt! Die Reportage | 16.07.2017 Blind. Na und? - Der außergewöhnliche Lehrer Martin Park

"Ein blinder Erdkundelehrer?" Noch vor einem Jahr konnte sich das kaum ein Kollege vorstellen, doch mittlerweile besteht kein Zweifel mehr, dass Martin Park der geborene Pädagoge ist. Ein Jahr lang hat Autor Frank Papenbroock "den blinden Lehrer" begleitet und dabei das Porträt eines beeindruckenden Menschen gezeichnet.

Martin Park zeigt einen Globus.
Martin Park zeigt Schülern einen Reliefglobus. Bildrechte: WDR/MDR

Martin Park ist Referendar an einem Gymnasium nahe Freiburg - und blind. Seine Schüler haben sich längst an ihren Lehrer gewöhnt. Sie verhalten sich außergewöhnlich ruhig für eine Klasse pubertierender Schüler.

Mit den Schülern auf einer Ebene

Die Jugendlichen hier müssen sich selber disziplinieren. Funktioniert die Technik nicht, machen die Schüler ihren Lehrer schnell darauf aufmerksam. Dann wird es ruhig im Klassenzimmer, und es wird konzentriert gearbeitet. Statt Kreide und Tafel benutzt Martin Smart-Board, Laptop und Beamer. "Das ist viel besser am Computer", sind sich die Schüler einig. Nach einem Jahr Unterricht an der Schule sitzt bei Martin jeder Handgriff.

Martin Park ist unterwegs mit seinem Blindenhund.
Martin Park fährt täglich mit der Bahn zur Schule. Auf dem Weg begleitet ihn sein Blindenhund. Bildrechte: WDR/MDR

Und die Kommunikation zwischen Lehrer und Schülern funktioniert. Wenn Martin seine Fächer Erdkunde und Französisch unterrichtet, ist das Unterricht für die Sinne. Seine Schüler lieben insbesondere seine detailreichen Schilderungen der Natur. Kein anderer Lehrer beschreibt ihnen den Geruch von verwittertem Granit oder den Wind auf den Pyrenäen anschaulicher, und nur wenige können besser von aufregenden Trips nach Nepal berichten als er. Und sie lieben es, "dass er nicht einer ist, der nur vor der Klasse steht und redet, sondern dass man wirklich kommunizieren muss und irgendwie auf einer Ebene ist".

Auch Martins Schulleiter ist begeistert von dem angehenden Lehrer in seinem Team. Er würde ihn gern als Lehrer übernehmen, aber die Entscheidung dafür liegt nicht bei ihm.

Ich würde ihn gerne bei mir behalten. Weil ich ihm auch menschlich näher gekommen bin, weil wir in diesen 18 Monaten vieles gemeinsam bearbeitet haben, viel Gespräche miteinander geführt haben, eine Wegstrecke gemeinsam gegangen sind.

Schulleiter Hans Joachim Kraus

Umzug in die alte Heimat

Mutter Edith geht mit Martin spazieren.
Mutter Edith geht mit Martin spazieren. Bildrechte: WDR/MDR

Martin hofft, nach dem Referendariat an der Schule bleiben zu können, mit der er vertraut ist. Denn Nachwuchs steht ins Haus. Doch es kommt anders. Das baden-württembergische Schulministerium bietet Martin eine Stelle im 200 km entfernten Kirchheim unter Teck an. Er und seine schwangere Frau Ester müssen umziehen. In Freiburg lassen sie viele Freunde zurück und Ester eine Stelle als Organistin. Nun muss alles neu organisiert und erobert werden. Zum Glück ist Martin die Stadt vertraut. In Kirchheim ist er aufgewachsen und auch seine Mutter lebt noch hier. Sie habe ihren Martin "nie in Watte gepackt", sondern gefordert wie ein sehendes Kind.

Ich habe meinen Martin alleine großgezogen ab dem fünften Lebensjahr, und es hat recht gut geklappt. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass ein blindes Kind alles selber macht. Weil ich ja nicht ewig lebe...

Edith, Martins Mutter

Ein intensives Leben

Das Ehepaar Park fährt mit einem Tandem durch die Natur.
Martin ist grne in der Natur unterwegs, ob auf dem Tandem mit seiner Frau Ester... Bildrechte: WDR/MDR

Und so wurde aus dem blinden Kind ein außergewöhnlicher Erwachsener. Ein extrem lebensfroher Mensch, dem seine Erkrankung keinerlei Grenzen zu setzen scheint. Er liebt seine Familie, seinen Beruf und seine Hobbys. Auch wenn sie viel von ihm abfordern. "Ich für mich glaube, dass ich kein schöneres Leben haben könnte. Selbst wenn ich sehen könnte, glaube ich, würde ich kein schöneres Leben haben, weil auch dann die Gewichtung anders läge", resümiert Martin.

Es ist völlig illusorisch zu glauben, dass mit dem Sehsinn das Leben besser würde. Das ist Blödsinn! Das glaub ich nie! Denn wenn sie dann mal um sich gucken, da müssten ja alle Sehenden total glücklich sein. Sind sie's?

Martin Park

Martin Park beim Klettern.
... oder zum Klettern in den Felswänden. Bildrechte: WDR/MDR

Zuletzt aktualisiert: 13. Juli 2017, 16:11 Uhr