selbstbestimmt - Reportage: Claudia im freien Fall
Bildrechte: MDR FERNSEHEN

selbstbestimmt! - Die Reportage | 23.07.2017 Claudia im freien Fall - Eine Fallschirmspringerin will hoch hinaus

Claudia Breidbach träumte lange vom Fallschirmspringen. Unmöglich mit nur einem Arm, sagten die meisten. Wie sie es trotzdem geschafft hat, zeigt "selbstbestimmt! - Die Reportage".

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"Ich kann das!" - der Satz kommt Claudia Breidbach offen, aber auch ein wenig trotzig über die Lippen. Die zierliche blonde Frau hat in ihrem Leben oft bewiesen, wozu sie fähig ist, obwohl sie mit einem großen Handicap zu kämpfen hat: Sie wurde ohne linken Unterarm geboren. Dennoch machte sie ihren Weg.

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Claudia Breidbach legt die Ausrüstung an. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Vor zwei Jahren stellte sich die 44-jährige, die in Koblenz lange als städtische Architektin arbeitete, einer neuen Herausforderung: Sie will Fallschirmspringen lernen. Unmöglich mit nur einem Arm, sagten die meisten. Ein Fallschirmlehrer aber ist beeindruckt von Claudias Willenskraft, tüftelt mit ihr zusammen an einer Technik, die das Steuern des Schirms mit einer Armprothese möglich machen soll. Und tatsächlich, es klappt, Claudia schafft ihre Lizenz mit Bravour, als erste einarmige Fallschirmspringerin überhaupt.

Wer in den Himmel will, muss ganz unten anfangen

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Absprung aus 4.500 Meter Höhe Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Aber die ehrgeizige Frau wollte noch höher hinaus: Gemeinsam mit drei Sportkameraden, einer davon ist ihr Freund Micha, gründet sie ein Sky-Diving Team und nimmt an Wettbewerben teil. Bei den Deutschen Meisterschaften im Herbst 2016 landete das Team "Karma" auf dem siebenten Platz. Doch wer in den Himmel will, muss ganz unten anfangen. Auf dem Flughafen Soest eine Handbreit über dem Boden wird fürs Formationsfliegen trainiert. Erst dann geht es mit einer 40 Jahre alten Bundeswehrmaschine, einer DO 28, in die Luft auf 4.500 Meter Höhe und das Ballett zwischen Himmel und Erde kann beginnen - bei 250 Stundenkilometer Fallgeschwindigkeit ...

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Claudias robuste Prothese für den Sprung Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Ich bin einfach stolz auf die Jungs, sie hätten ja auch sagen können, wir nehmen uns jetzt noch einen Mann. Das ist schon ein tolles Gefühl, weil ich wirklich lange gesucht habe, um Teamkollegen zu finden. Da gab es auch unschöne Sachen. Das Schlimmste, was ich gehört habe, war, das jemand sagte: 'Was willst du denn mit der Griffniete?' Das war schon hart. Aber der Typ hat jetzt auch kein Team mehr - und ich hab' ein Team.

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Gut 550 Sprünge hat sie schon geschafft. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Gut 550 Sprünge hat Claudia schon im Flugbuch - das Anlegen von Fallschirm und Gurtzeug fällt ihr heute kaum schwerer als nicht behindeten Team-Kollegen. Ein Fehler könnte gefährlich werden. Doch sie besteht darauf, alles selbst zu machen, gilt als "taff". Um mit den Jungs mithalten zu können, trainiert sie hart. Ein starrer Kunststoff-Arm hilft ihr, wenn es um die schiere Kraft geht wie im Fitness-Center, im Alltag etwa beim Autofahren wechselt sie auf die High-Tech-Hand, so kann sie sogar einen Wagen mit Schaltung fahren. Das macht sie flexibel und mobil, was wichtig ist für sie. Das 35.000 Euro teure Wunderwerk steuert sie durch Muskelimpulse aus ihrem Armstumpf. Es dauerte lange, bis sie die Hand einigermaßen beherrschte. Sie hat gekämpft darum - so wie von Kindesbeinen an, als kleines Mädchen bestand sie immer darauf, sich die Schuhe allein zu binden, erinnern sich die Eltern, die ihre Tochter eigentlich in ein Heim geben sollten, aber sie dann doch selber aufziehen wollten. Sie wissen noch, dass das Mädchen immer betete, damit ihr der liebe Gott einen Arm schicken möge, da "die Lieferung" ja nicht vollständig gewesen sei. Die Mutter dachte schon, ihre Tochter würde eines Tages Nonne.

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Sie kann auf ihr Team bauen. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Sie kann sich gut durchsetzen, das finde ich schon gut, das hat sie gelernt halt, aufgrund ihrer Behinderung von klein an. Und das kann sie dann auch bei harten Jungs.

Im ersten Windtunnel Deutschlands in Bottrop hat sie dann Jahrzehnte später ihre ersten Schwebeversuche gemacht, um auszuprobieren, ob der freie Falle mit der Prothese überhaupt funktioniert. Diese ersten Flugerlebnisse beeindrucken sie tief:

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Für den Alltag benutzt sie ihre Hightechhand Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Ich hab' noch nie so viel gelacht, also ich hab' wirklich gedacht, jetzt hebst du gleich ab und alle die, die da mitgeholfen haben, die das beobachtet haben, die kamen dann nachher zu mir. Wir hatten alle so einen Spaß und ja: Das hat mein Leben auch mit verändert, ich trau' mir seitdem viel mehr zu.

Und noch ein Experiment

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Ihr größtes berufliches Projekt, der Kulturbau am Koblenzer Zentralplatz, liegt hinter ihr. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Claudias größte berufliche Aufgabe als städtische Architektin war es, die Neugestaltung des Koblenzer Zentralplatz mit einem Kulturbau als stellvertretende Projektleiterin zu betreuen. Sie meistert sie mit Bravour. Danach verläuft der Alltag auf Arbeit wieder in ruhigeren Bahnen. Zu ruhig? Claudia beginnt, mit dem Gedanken zu spielen, in Marketing und Vertrieb von Hightech-Prothesen einzusteigen. Da sie selbst betroffen ist, weiß sie, worum es geht. Sie interessiert dabei nicht nur der technische, sondern auch der menschliche Aspekt. So wagt sie den Neuanfang. Das Fallschirmspringen hat sie mutiger und zugleich gelassener gemacht, sagt sie.

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2017, 12:04 Uhr