selbstbestimmt! | 05.02.2017 Scheinbar hilflos - Stark gegen Gewalt

Die alarmierende Faktenlage: Frauen mit Behinderung erleben zwei- bis dreimal so häufig sexualisierte Gewalt wie Frauen ohne Behinderung. Wir stellen ein Trainingsprogramm vor, dass diesen Frauen Selbstbewusstsein und Strategien zur Selbstverteidung beibringt.

selbstbestimmt! Superheldin gegen Gewalt
Die Kampagne "Superheldin gegen Gewalt" macht auf Gewalt gegen behinderte Frauen aufmerksam. Und macht Mut, sich zu schützen und sich zu wehren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Tabuthema

Jede zweite Frau mit einer Behinderung ist sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Am Arbeitsplatz, zu Hause oder in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Das besagt eine Studie der Bundesregierung aus dem Jahr 2011. Ein Grund dafür liegt darin, dass diese Frauen selten lernen, auf ihre Gefühle und Bedürfnisse zu hören.

Die Frauen lernen wenig, dass das, was sie selber spüren und wollen, wichtig ist und ernst genommen wird. Und dadurch werden sie natürlich auch häufiger, leider, zu Betroffenen von Übergriffen und Gewalt.

Sabine Lubetzki, WenDo-Trainerin
selbstbestimmt! WenDo-Training
Teilnehmerinnen aus der Lindenwerkstatt Leipzig beim WenDo-Training Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sabine Lubetzki hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen mit Handicap selbstbewusster und wehrhafter zu machen. Im gesamten mitteldeutschen Raum bietet sie sogenannte WenDo-Kurse an. WenDo ist eine Art Powertraining für Frauen, auch für scheinbare Hilflose.

WenDo WenDo ist kein Kampfsport. WenDo ist ein Weg zu mehr Selbstsicherheit und Selbstbehauptung für Frauen und Mädchen, eine Art Präventionsprogramm gegen Gewalt.

Der Name setzt sich vermutlich aus einer Abkürzung für das englische women (Frau) und dem japanischen Wort Do (Weg) zusammen.

"Nein sagen" kann man lernen

Die Diakonische Einrichrichtung Lindenwerkstatt in Panitzsch bei Leipzig hat die WenDo-Trainerin Sabine Lubetzki engagiert. Die Teilnahme an ihren Kursen ist kostenlos, weil sie als Rehasport gelten und damit vom Arzt verschreibbar sind. Eine Veränderung sei bei den Frauen nicht sofort sichtbar, doch die Kurse lohnen sich, sagt die Sozialarbeiterin der Werkstatt:

Selbstbehauptung und Selbstbewusstsein, die passieren nicht einfach so, zack und dann sind sie da. Das muss trainiert werden, das muss präsent sein. Und deswegen ist es ganz wichtig, dass halt stetig, dass wöchentlich geübt wird. Gerade solche Sachen, wie mal lautstark schreien, die Stimme erheben, mal ganz bewusst sagen: Nein, das gefällt mir nicht. Das möchte ich nicht, hier wird eine Grenze überschritten für mich.

Christin Wolf Sozialarbeiterin Lindenwerkstätten

Die Frauen sollen lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen und sich Respekt zu verschaffen. Auch lautstark. Damit solche Erfahrungsberichte, wie sie Sabine Lubetzki permanent in ihren Workshops hört, immer seltener werden:

selbstbestimmt! Sabine Lubetzki
WenDo-Trainerin Sabine Lubetzki Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass der Kollege in der Werkstatt übergriffig war, sie an die Brust gefasst hat, bis hin zu Schlimmerem. Ich habe auch Geschichten von Vergewaltigungen gehört. Oder manche Frauen erinnern sich im Kurs, dass ja der Nachbar, der immer so nett war, sie als Mädchen begrapscht hat. Aber leider wird einer Frau oder einem Menschen mit einer Behinderung, vor allem mit einer geistigen Behinderung, meist weniger geglaubt: Die bildet sich das ein. Das hat die sich ausgedacht. Die ist ja sowieso dumm.

Sabine Lubetzki

Inzwischen gibt es in vielen Städten Hilfsangebote speziell für Frauen mit Behinderung, die Gewalt erleben mussten. Die Webseite "Suse hilft" vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe bietet einen umfassenden Überblick und fasst viele nützliche Informationen zusammen - auch in Leichter Sprache.

Tipp der Redaktion

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2017, 15:20 Uhr