Fußball | Randale
"Neonazis statt Fußball-Chaoten"
Beim Fußballverein Roter Stern Leipzig ist der Angriff von Neonazis am vergangenen Wochenende in Brandis noch immer ein Thema. RSL-Pressesprecherin Claudia Krobitzsch war dabei. Im Interview mit dem MDR spricht die 26-Jährige über Angst, die Rolle der Polizei und das nächste Spiel.

Der Überfall ist jetzt fünf Tage her. Ist bei Ihrem Verein inzwischen etwas Ruhe und Normalität eingekehrt?
Auf keinen Fall. Seit Samstag Abend haben wir permanent mit der Sache zu tun, denn es gab und gibt irre viele Anfragen der Medien. Inhaltlich konnten wir uns damit noch gar nicht auseinandersetzen. Dafür war überhaupt keine Zeit.
In der Mannschaft stand ein Rückzug aus der Liga zur Debatte. Gibt es eine Entscheidung?
In der Teamsitzung wurde lange über die Vorfälle diskutiert. Vor allem die Spieler, die noch nicht so lange bei uns sind, waren ziemlich geschockt. Andere waren solche Sachen schon gewöhnt, wenn auch nicht in dieser Brutalität. Letztendlich aber haben sich alle dafür entschieden, weiterzumachen.
Der Rote Stern hatte seit seiner Gründung 1999 immer wieder Ärger mit Neonazis gehabt. In der letzten Zeit schien das kaum noch der Fall gewesen zu sein, oder?
Naja, ab und zu haben wir schon solche, ich nenne es mal "Begegnungen". In Oschatz wurden wir mit dem Hitlergruß begrüßt. Oder in Mörtitz: Da kam während des Spiels das Gerücht auf, dass Nazis draußen auf uns warten. Wir wurden dann von der Polizei rausgeleitet.
Von vier Beamten wie in Brandis?
Nein, eigentlich sind bei unseren Spielen immer zwei bis drei Einsatzwagen in der Nähe.
Ausgerechnet diesmal aber nicht …
Stimmt, das ist im Nachhinein betrachtet schon etwas komisch.
… zumal es entsprechende Ankündigungen und Hinweise gab. Woher wussten Sie davon?
Wir wussten nicht, dass etwas passieren soll. In unserem Gästebuch gab es eine entsprechende Bemerkung, aber dem haben wir nicht viel Beachtung geschenkt. Da wird immer viel geschrieben und gemutmaßt. Entscheidend ist, dass Brandis nach eigener Aussage über den Buschfunk Hinweise erhielt und das der Polizei mitgeteilt hat. Außerdem hat der Fußball-Verband kurzfristig noch den Schiedsrichter ausgetauscht, weil man Randale befürchtet hat.
Der besagte Schiedsrichter hat in seinen Bericht aufgenommen, dass sich ein RSL-Reservespieler mit einer Eckfahne bewaffnet und an den Prügeleien beteiligt hat. Den Namen wollten Sie nicht rausrücken …
Ich selber habe das nicht gesehen. Aber das spielt auch keine Rolle, denn das läuft in eine völlig falsche Richtung. Wir wurden von Neonazis angegriffen, die wie angestochene Tiere auf uns zugestürmt sind. Wir konnten dort gar nicht weg und mussten uns verteidigen. Zu behaupten, ein RSL-Spieler habe andere Leute angegriffen, ist absolut lächerlich und verdreht alles.
Kommen wir zur Rolle der Polizei. Was kann man den vier Beamten vor Ort vorwerfen?
Gar nichts. Die kamen erst auf den Sportplatz, als die Prügelei voll im Gange war. Und sie wurden von den Nazis auch gar nicht beachtet.
In einer Pressemitteilung der Polizei hieß es, die herbei gerufenen Einsatzkräfte hätten die rivalisierenden Gruppen getrennt. In anderen Schilderungen ist davon nicht die Rede. Wie war es aus Ihrer Sicht?
Eine Fantrennung, von der anfangs die Rede war, gab es schlicht und ergreifend nicht. Das Stadion wurde auch nicht geräumt, denn als die Verstärkung eintraf, waren die Nazis längst weg. Ich bin nicht mal sicher, ob die überhaupt noch einen der Angreifer zu Gesicht bekommen haben.
Außerdem schreibt die Polizei, sie sei am Ende von beiden Gruppen angegriffen worden …
Das ist genauso völliger Blödsinn wie viele andere Sachen. Ich weiß auch nicht, wie die darauf kamen, dass unser Torwart schwer verletzt wurde. Wahrscheinlich war die erste Pressemitteilung wie ein Reflex. Man wollte es wohl als übliche Auseinandersetzung von Fußball-Chaoten darstellen. Aber es war ein Angriff von Neonazis.
Am vergangenen Montag gab es ein Treffen von Vertretern der Polizei, des Sächsischen Fußballverbandes, dem FSV Brandis und dem Roten Stern. Was kam dabei heraus?
Eigentlich nichts. Wir haben erklärt, Anzeige erstatten zu wollen. Und der sächsische Polizeipräsident Merbitz hat die Ermittlungen quasi zur Chefsache gemacht. Mehr ist nicht passiert.
Angriffe von Neonazis auf eher linke Fußballfans sind nichts Ungewöhnliches. Eine Strafverfolgung scheiterte häufig auch daran, dass die Opfer nicht aussagen bzw. nicht mit der Polizei zusammenarbeiten wollten. Wie sieht es diesmal aus?
Wie gesagt: Wir haben als Verein Anzeige erstattet. Es wird entsprechende Zeugenaussagen geben. Wir haben uns diesen Schritt sehr gut überlegt, denn die damit verbundene Angst ist nicht unbegründet.
Wie ist Ihr Eindruck von den jetzigen Ermittlungen der Polizei?
Das ist schwer zu sagen. Aber die Polizei ist mächtig unter Druck geraten. Unter den Teppich kehren oder im Sande verlaufen lassen kann man diese Angelegenheit nicht mehr.
Konnten Sie aus den Vorfällen irgendwelche Konsequenzen ziehen? Werden Sie bei den künftigen Auswärtsspielen irgendetwas anders machen?
Am Sonntag haben wir erstmal ein Heimspiel gegen Mügeln-Ablaß. Da wollen wir zeigen, wie viele wir sind. Über das nächste Auswärtsspiel haben wir uns noch keine Gedanken gemacht. Dazu kamen wir ganz einfach noch nicht.
Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2009, 20:29 Uhr

