Fußball | Bundesliga Pokerspiel mit Werner und zwei Assen

Der Alltag hat RB Leipzig wieder. Und im Alltag fühlen sich die Leipziger offenbar wohl, denn nach drei verlorenen Topspielen konnte endlich wieder gewonnen werden. Aber auch aus anderen Gründen herrscht nun Erleichterung.

von Sven Kups

Timo Werner (RBL/re.) erzielt das 2:1.
Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Die Erschöpfung war den Spielern deutlich anzusehen, die Erleichterung aber auch: RB Leipzig hat gegen Hannover 96 einen 0:1-Rückstand in einen 2:1-Sieg verwandelt. Nach drei Niederlagen in drei Wettbewerben fuhr der Vizemeister endlich wieder einen Erfolg ein. Die drohende Diskussion über eine sportliche Krise ist damit vom Tisch, bevor sie wirklich beginnen konnte. Nicht nur medial, wie Diego Demme erleichtert anmerkte: "Es ist immer besser, wenn du mit einem Sieg in die Länderspiel-Pause gehst. Sonst hast du die Niederlage die ganze Zeit im Kopf."

Die Werner-Show mit Ärger und Freude

Nicht auszudenken, was bei einer Niederlage in Timo Werners Kopf losgewesen wäre. Der 21 Jahre alte Nationalspieler hatte in der ersten Hälfte durch sein uncleveres Eingreifen ein mögliches Tor von Marcel Sabitzer "geklaut", was den Österreicher fuchsteufelswild werden ließ. "Das hätte das entscheidende Tor sein können", erklärte Sabitzer hinterher seine harsche Reaktion auf dem Spielfeld, "denn gegen so einen kompakten Gegner muss manchmal ein Tor reichen. Das hätte es sein können." Und so sei es dann ein hartes Stück Arbeit über 95 Minuten gewesen.

"Timo hätte zum tragischen Helden werden können", befand ein ebenfalls erleichterter Trainer Ralph Hasenhüttl und erwähnte neben dem Abseitstor auch Werners Lattentreffer kurz vor der Pause. Aber sein Goalgetter lasse so etwas halt "nicht auf sich sitzen und legt dann noch mal eine Schippe drauf". Auf dieser Schippe waren übrigens die so messerscharfe wie präzise Vorlage zum 1:1 und das ausgesprochen sehenswerte Siegtor. Hasenhüttl: "Er nähert sich langsam wieder seiner Topform. Seine Läufe in die Tiefe sind nicht zu verteidigen."

Ralph Hasenhüttl
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Schatten und Licht

Der Sieg gegen den Tabellenvierten war jedenfalls ein hartes Stück Arbeit. Ein mal wieder dramatischer Mix aus Licht und Schatten bzw. umgekehrt, für den eben nicht nur Timo Werner steht. Sondern zum Beispiel auch ein Diego Demme, der mit 11,94 Kilometern wieder die weitesten Wege aller Spieler auf dem Platz gegangen ist und die entscheidende Flanke zum 2:1 geschlagen hat, zuvor aber mit nicht minder beeindruckender Passivität am Gegentor beteiligt war. Bei dem 0:1 hatte allerdings die gesamte Hintermannschaft der Leipziger gepatzt. Auch der frisch zum Nationalspieler gekürte Marcel Halstenberg.

Die Wende kam mit den Einwechslungen von Emil Forsberg und Naby Keita. Die beiden RB-Stars waren auch im übertragenen Sinne Asse, denn Hasenhüttl hatte mit ihnen hoch gepokert, sie geschont und erst in der zweiten Halbzeit aus dem Ärmel gezogen. Mit Erfolg: Mit ihnen hatte RB Leipzig plötzlich wieder ein offensives Mittelfeld, das die Stürmer mit Bällen versorgte. Davon profitierte auch 1:1-Torschütze Yussuf Poulsen: "Man hat gesehen, wie gut die sich in engen Räumen bewegen und Platz für die anderen schaffen."

Im Bild von links:  Yussuf Poulsen (9, RB Leipzig) und Julian Korb (4, Hannover).
Bildrechte: PICTURE POINT / S. Sonntag

Wie verwandelt

Forsberg/Keita waren wie eine Frischzellenkur für das gesamte Team, das urplötzlich ein Tempo und einen Druck an den Tag legte, als hätte es Kampf, Krampf und Gegentor davor überhaupt nicht gegeben. Als hätten die Leipziger nicht sieben Spiele innerhalb von nur 22 Tagen in den Knochen. Das merkten sie erst wieder, als das Spiel mit zwei schönen Toren gedreht und beendet war. Diego Demme fand es zum Beispiel "cool, dass man nach den vielen Reisen und Spielen mal wieder abschalten und regenerieren kann". Die diesmal ausbleibende Berufung zur Nationalmannschaft stört ihn nicht: „Ich genieße die freie Zeit jetzt.“

Gleiches gilt für Dauerkämpfer Marcel Sabitzer, der in diesen letzten sieben Partien stets in der Startelf gestanden und das diesmal "schon gemerkt" hat. Die Pause jetzt sei aber auch wichtig für den Kopf, schließlich sei man alle drei Tage unterwegs gewesen: "Wir kamen z.B. aus Porto zurück und hatten gleich am nächsten Tag schon wieder Abschlusstraining. Du kannst dich also nicht richtig vorbereiten und dich auf den Gegner immer nur mit Videos einstellen. Wenn du binnen 23 Tagen 100 Video-Sitzungen hast, steht dir das mental bis hier hin."

13 Tage lang ist jetzt Zeit. Zum Erholen und auch zum Verarbeiten der kräftezehrenden wie nervenaufreibenden Spiele. Was übrigens nicht nur für die Spieler gilt, sondern auch für die Fans.

v.l.: Marvin Bakalorz (6, Hannover), Marcel Sabitzer (7, Leipzig) und Waldemar Anton (31, Hannover)
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 05. November 2017 | 16:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. November 2017, 10:25 Uhr

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7 Kommentare

06.11.2017 10:49 Jw 7

Die Fans von H96 wurden zu recht bestraft für die überheblichen „Auswärtssieg“-Rufe ab der 60min. Genau wie RB letzte Saison gegen Bayern fürs tickitacka im Heimspiel.

06.11.2017 07:55 Bernd 6

@JR, es koennten auch weitere Verkäufe stattfinden. Ist auch klar englische, spanische, italienische und teilweise franzoesische Vereine scheinen unerschoepfliche Geldmittel zu haben. Und da koennte neben den beiden genannten auch Upamecano wechselwillig sein. Emil kann wohl durch Bruma ersetzt werden, hat dieser doch einige gute Szenen am Samstag gehabt und sogar besser nach hinten gearbeitet als Emil. Es fehlt aber noch an Konstanz, aber die Anlagen sind da. Upa kann durch Konate wohl ersetzt werden, dort braucht es Ersatz fuer Compper. Und sollte Timo Werner mal wechseln (wobei ich hoffe dass er noch bleibt) hoffe ich dass Kuehn den Sprung ins Profi-Team schafft, was er zur U19 WM gezeigt hat war schon vielversprechend.

05.11.2017 20:52 JR 5

Bei aller Erleichterung über die 3 eingefahrenen Punkte, besorgt mich ein wenig, wie in nächster Saison der Weggang von Keita und möglicherweise auch der von Forsberg kompensiert werden könnte. Die beiden Mittelfeldstrategen liefern so unglaublich viele Impulse, Ideen und Lösungen, dass es mir fast unmöglich erscheint, deren Fehlen adequat ausgleichen zu können.

05.11.2017 17:38 Bernd 4

@Rumpel, im Prinzip ist es ok wenn man über Regeln und deren Auslegung diskutiert, gerade beim Hand und Abseits gab es in den letzten Jahren viel Hin und Her. Aber erstens hätte Hannover hier etwas gesehen wären die Sicherheit auf den Schiri losgegangen, gab es doch während des Spiels so einige grüne Hilfs-Linienrichter. Interessanter bei dem nicht geahndeten Foul gestern in Dortmund (klarer Platzverweis) gibt es kaum Diskussionen. Vergleicht man die Szenen Orban/Sokratis war das gestern ein klarer. Egal Bayern hat beide Spitzenspiele mit 2 Toren Differenz gewonnen. Um das gegen uns zu schaffen, mussten sie aber einen runterstellen lassen.

05.11.2017 16:52 Klatschpappe 3

Für Einige gibt es keine Erholung. Die müssen in der Nationalmannschaft ran. Dies betrifft wohl
Poulsen, Forsberg, Werner, Halstenberg, Bruma, Sabitzer... Ich weiß nicht, wie man da Strategie trainieren kann. Für Forsberg und Poulsen viel Glück bei den Play-Offs.

05.11.2017 16:38 Rumpel 2

Aktiv könnte Werner nur werden, wenn er selbst den Ball auf Forsberg erlaufen hätte. Nachdem Forsberg die Flanke schlägt, ist es eine neue Spielsituation. Das sollte eigentlich Grundwissen sein - selbst bei der "Eintracht".

05.11.2017 15:10 Eintracht 1

Meiner Meinung Abseitsstellung beim 2:1 von Timo Werner ,
Werner steht im passiven Abseits bei der Flanke auf
Fossberg und wird aktiv beim Torschuss.