3. Liga

Fußball : HFC-Präsident: "Die Situation ist fragil"

Dr. Michael Schädlich (58) vom Halleschen FC ist kein typischer Fußballpräsident. Kein Lautsprecher, sondern eher der ruhige Analytiker. Kein Hinausposauner, sondern ein Zuhörer. Kein Befehler, aber durchaus ein Entscheider. Wir haben mit dem promovierten Wirtschaftswissenschaftler über die aktuellen Probleme der Fankultur gesprochen und wie ein Vereinschef damit umgeht. Er berichtet von einem "fragilen" Frieden und verrät, wie er die Fans auf ein entscheidendes Spiel eingeschworen hat.

Michael Schädlich (Präsident Hallescher FC)

Die HFC-Fans galten ja früher als Problemfans, wie haben Sie das in den Griff bekommen?

Die Frage ist provokant, also ich habe niemanden im Griff.

Da haben Sie Recht. Dann lassen Sie es uns so formulieren: Wie lässt sich das Gewaltproblem lösen? 

Das Phänomen lässt sich nur partnerschaftlich lösen. In Halle haben wir eine Gesprächskultur entwickelt, die von Respekt geprägt ist. Bei unterschiedlichen Positionen versuchen wir eine Lösung zu finden. So haben wir aktuell in unserem Verein eine gewisse Ruhe. Aber ich sage ganz klar: Dieser Frieden ist brüchig, ist fragil.

Wieviel Kontakt hat der HFC-Präsident mit den eigenen Fans?

Ich bin mindestens alle drei Wochen an einem Abend von 20 Uhr bis 24 Uhr im Fanhaus, wo die Fanszene e.V., die Ultras und das Fanprojekt ihre Probleme herantragen, ich aber auch meine Probleme darstelle. Es gibt keinen Tag ohne E-Mail-Verkehr mit Fanvertretern. Schauen Sie, wir haben den Professorensohn neben dem Lagerarbeiter. Alle haben ihre eigenen Ideen. Das Ganze wird dann projiziert auf ein Trikot und die gemeinsame Liebe zum Verein. Zu all den verschiedenen Fans versuche ich einen Zugang zu bekommen.

In der vergangenen Spielzeit hat der HFC ja das eine oder andere brisante Spiel bestritten. Die Derby gegen den FCM oder der verpasste Aufstieg in Meuselwitz mit vielen Fans oder das Endspiel gegen RB Leipzig. Wieviele Bauchschmerzen hatten Sie, dass da etwas passiert?

1:0 für den ZFC, der Meuselwitzer Sebastian Gasch (nicht im Bild) trifft bei einem Konter, Halle Torwart Darko Horvat ist chancenlos.
Trotz einer bitteren Pleite in Meuselwitz blieben die mitgereisten HFC-Fans gefasst. (Archivbild)

Ich bin heute zumindest deutlich sicherer, dass nichts passiert. Nehmen wir Meuselwitz: Da gab es ein Autocorso, das von den Fans selbst organisiert worden war. Dazu brauchst Du eine innere Fanstruktur. Wenn das schief geht, dann ist das natürlich Wasser auf die Mühlen von denen, die so etwas unverantwortlich finden. Wie schon gesagt, das ist alles fragil.

Oder nehmen wir das Meisterschaftsfinale gegen RB. Für uns ging es um den Aufstieg, für den eigentlichen Topfavoriten ja dann um nichts mehr. Da gab es eine Verabredung mit der Fanszene: Ich habe gesagt, wenn wir durch Schmähgesänge oder besonders aggressives Auftreten den Gegner, für den es ja um nichts mehr ging, zu einer Reaktion reizen, ihn besonders motivieren, was haben wir davon? Dann wird es für unsere Jungs ja nur schwerer! Und tatsächlich gab es bis zur 75. Minute fast keine Schmährufe gegen RB. Das war insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung. Nicht nur wegen des Aufstiegs.

Am Mittwoch gibt es in Sachsen-Anhalt den zweiten Runden Tisch zum Thema "Fußball und Gewalt". Was erhoffen Sie sich von ihm?

Das ist auf keinen Fall eine Alibi-Veranstaltung. Innenminister Stahlknecht ist dem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen. Da geht es vor allem darum, Erfahrungen auszutauschen und zuzuhören. Meine eigene Meinung sage ich da aber natürlich auch.

Fanchoreografie der HFC Fans. "kämpfen und siegen!".

Wie ist Ihre Haltung in Sachen Pyrotechnik?

Die Frage existiert ja nicht, wir sind in Deutschland stolz auf unseren Rechtsstaat und Pyrotechnik ist in Deutschland verboten. Ich stehe da eindeutig auf der Ebene des Gesetzes. Zumal dieses Risiko bei 10.000 oder 15.000 Zuschauern kaum kalkulierbar ist.

DFB und DFL diskutieren derzeit über den Strafenkatalog für die Klubs. Was schwebt Ihnen da vor?

Michael Schädlich, Präsident Hallescher FC
HFC-Chef Michael Schädlich

Also die Praxis bislang mit Geisterspielen erzielt keine Wirkung. Finanzielle Bestrafungen halte ich ohnehin für kontraproduktiv. Ich glaube auch nicht, dass mit Punktabzügen das Fehlverhalten gestoppt wird. Und reine Sitzplatz-Stadien oder personalisierte Tickets? Beides ist gesetzlich nicht gedeckt. Ich habe da auch keine Lösung. Es gibt keine ideale Strafe. Was ich glaube ist, dass das Problem an der Wurzel behandelt werden muss.

Was verstehen Sie darunter?

Da geht es um Sozialarbeit. Da geht es um Menschen, die in einer Familie groß geworden sind, die keine ist. Um Jugendliche, die in der Schule als Loser abgestempelt wurden oder um die, die ihre Berufsausbildung abgebrochen haben. Da ist das Fußballspiel der Anker. Da ist sehr viel sozialer Sprengstoff da und deshalb ist unheimlich viel Sozialarbeit in den Klubs notwendig. Und da sollten Politik und Verbände die Vereine unterstützen.

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2012, 12:33 Uhr

12. Gundolf:
"Bärendienst": Gemeint ist eine Bärenarbeit oder Riesenarbeit.
18.09.2012
18:21 Uhr
11. mattotaupa:
@jürgen (nr.8): zitat von wiki: "Die Redewendung „jemandem einen Bärendienst erweisen“ bedeutet, jemandem (u. U. guten Willens) einen Dienst zu leisten, dessen Resultat für den Empfänger negative Folgen hat." ist der kommentar in dem 2mal vom entsprechenden dienst die rede ist tatsächlich so gemeint? ich hoffe nicht.
18.09.2012
17:38 Uhr
10. Sascha:
Liber mdr, das Wort Looser bitte mal korrigieren. To lose: verlieren, Loser: Verlierer. Danke.
18.09.2012
15:43 Uhr
9. Andreas:
Genau wie Volkmar sehe ich dies auch es liegt an der Gesellschaft und dem damit verbundenen sozialen Umfeld wenn dies bröckelt ist viel Arbeit nötig um Gewalt zu verbannen und wieder Ruhe in soziale Umfeld zu bekommen. Denn viele Familien werden von der Politik und Ihren Machenschaften bei Problemen einfach in Stich gelassen.Das ist der Brennpunkt in der heutigen Zeit.
18.09.2012
09:01 Uhr
8. Jürgen:
Reden wir es auch schlecht? Zünden wir evtl. auch durch dieses Schlechtreden immer wieder das Feuer? Wenn man die Berichterstattungen der Medien einmal verfolgt, sind doch zu 99% nur die Negativaktionen der Fans zu lesen oder zu sehen. Die sind keineswegs zu befürworten! Schaut man mal genauer hin? Nein!! Fanprojekte, Fanzenen, Ultras usw. leisten Woche für Woche für ihre Vereine einen Bärendienst. Unerkannt, machen diese Menschen Fussball, der genauso viel Wert ist wie das was die Spieler für den Verein leisten. Ich kann nur den Weg des Herrn Schädlich befürworten, sich mit den Menschen zu unterhalten, die diesen Bärendienst tun. Das Böse ist nicht bei den Fans, sondern bei denen die den Aussenseitern keine Chance geben.
17.09.2012
21:01 Uhr
7. derfccer:
@vorredner: euer präsident weiß vovon er redet, denn diese derzeit heile welt ist nur solange heil und nicht fragil, solange der erfolg da ist. lasst mal drei vier niederlagen in folge sein, die ein oder andere falsche schiedsricherentscheidung - gegen ost-vereine geht sowas ja immer schnell - und schon ist es mit der hallenser herrlichkeit vorbei. und das die hallenser fankultur nicht als besonders friedfertig zu bezeichnen ist brauche ich ja wohl nicht explizit zu erwähnen... trotzdem gut was da zzt in halle abgeht! und das sage ich als bekennendes jena-mitglied :)
17.09.2012
20:45 Uhr
6. Kristallkugel:
Ja, so versteh ich's eigentlich auch: fragil als permanenter Zustand. Ich hätte als Interviewer an dieser Stelle trotzdem nachgehakt. Vielleicht gäbe es ja doch auch ne unerwartete Antwort?!?
17.09.2012
17:20 Uhr
5. mattotaupa:
@kristallkugel: fragil vielleicht, weil es "die fanszene" nicht als einheitlich handelnde personengruppe gibt. der verein versucht immer einen tanz auf dem vulkan. er muß vorgaben des dfb/nofv einhalten, da dort die regeln für den spielbetrieb gemacht werden, er muß gelder von sponsoren werben, die unterschiedliche interessen haben aber alle ein positives image bevorzugen und er muß die zuschauer/fan/mitglieder zufrieden stellen, die zwar meist größter aber nicht alleiniger sponsor sind und unterschiedlichste erwartungen (event vs. tradition) haben. ein kleiner fehler im getriebe (egal ob depperter zuschauer, sponsor oder undiplomatischer vereinsoberer) kann ganzes kartenhaus zum einsturz bringen.
17.09.2012
16:34 Uhr
4. exilant:
Reden kann er ja, unser Präsident. Alles in allem gehe ich mit den Aussagen mit, auch die letzte Antwort enthält viel Wahres. [...] | [Anmerkung der MDR.DE-Redaktion: zweiter Absatz entfernt, da inhaltlicher Fehler bereits behoben]
17.09.2012
15:35 Uhr
3. Kristallkugel:
Ja, ist ein wahrer Herr Nützlich, dieser Mann!! Auf dass sein Team noch lange intakt bleiben möge und weiterhin so verbindlich, gut und erfolgreich funktioniert! Etwas genauer hätte mich interessiert, warum er das Miteinander zwischen Verein und Fanszene als fragil beschreibt, ob es konkretere Gründe gibt als die indirekt genannten allgemeinen, in der "Natur der Sache liegenden" (Notwendigkeit permanenten sozialen Engagements). Alles Gute weiterhin von einem Exil-Hallenser, der heute Vieles aus seiner ehemaligen Heimat ambivalent empfindet, im (erfolgreichen) HFC aber spannende, schöne Empfindungen aus seiner Kindheit wieder entdeckt... Komisch ist Fußball!!
17.09.2012
15:29 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK