Fußball | Länderspiel : Das leise Comeback des René Adler
812 Tage musste René Adler auf diesen Tag warten. Gegen Frankreich
kehrt der lange beste deutsche Torwart ins Nationalteam zurück. Der geborene Leipziger empfindet das als Lohn für Entbehrungen der Vergangenheit. Einen Kampf um den Stammplatz gegen Manuel Neuer will er aber nicht ausrufen. Statt verbalem Ballyhoo setzt der Keeper auf das Motto "In der Ruhe liegt die Kraft". Adler als Buddha - mit einem Hauch von Oliver Kahn.
René Adler verzog keine Miene. Und aus der Reserve locken ließ sich der Torwart vom Hamburger SV erst recht nicht. Ein neuer Torwart-Zoff? Gewiss nicht. Ruhig, fast schon monoton beantwortete der Schlussmann die Fragen zu seiner erstaunlichen Rückkehr ins Tor der Fußball-Nationalmannschaft. Trotz einer talentierten Nachwuchsriege wie wohl noch nie im deutschen Fußball mit Marc-André ter Stegen (Gladbach), Bernd Leno (Leverkusen), Ron-Robert Zieler (Hannover), Oliver Baumann (Freiburg) und Kevin Trapp (Frankfurt) oder dem konstant starken Dortmunder Roman Weidenfeller nominierte Bundestrainer Löw für die Partie am Mittwoch in Frankreich ausgerechnet Adler, der lange ganz weg vom Fenster war und dessen Nationalelf-Chancen gen Null zu gehen schienen.
Adler: "Sensationelle Geschichte"
Als "sensationelle Geschichte" empfindet Adler seinen Einsatz in Paris, den ihm Bundestrainer Joachim Löw versprochen hat. Das schon. Aber aus den für ihn so wichtigen 90 Minuten eine Kampfansage an Stammkraft Manuel Neuer zu machen, hält Adler für unangemessen - trotz der gereizten Kommentare des Münchner Konkurrenten zu der vertauschten Aufgabenverteilung in Paris. "Ich freue mich, wenn ich spielen kann. Ich denke, dass das eine Spiel nicht viel ändern wird an der Rollenverteilung. Das nehme ich mit und genieße es", sagte Adler in Frankfurt. Neuers Nörgelei ("Bei einem solchen Spiel wäre ich gerne dabei gewesen") und Ignoranz ("Ich habe seine Entwicklung nicht verfolgt, weil ich bei Bayern München spiele") wollte Adler nicht kommentieren. "Ich habe das gar nicht mitgekriegt. Es ist sein gutes Recht. Ich bin nicht in der Position, das zu bewerten", sagte Adler. Mit einem Typ wie ihm ist ein Torwart-Kampf wie vor der Heim-WM 2006 zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann nicht vom Zaun zu brechen. "Ich bin weit davon weg, dieses eine Spiel zu nutzen, um Druck zu machen. Ich bin da relativ gelassen, es kommt so, wie es soll", so der frühere Leverkusener weiter.
Schnelles Videostudium nach der Berufung
Es waren die kleinen Bemerkungen in Nebensätzen, die am Montag die Bedeutung seines elften Länderspiels für ihn preisgaben. Auf Routine und "sein Schema" habe er gesetzt, als Löws frohe Kunde am Freitag kam: "Um das alles nicht so hochzuhängen". Dennoch wurden vom HSV-Betreuerstab gleich Videosequenzen über Franck Ribéry und Karim Benzema zusammengestellt. Bei der Nationalmannschaft folgt weiteres Gegnerstudium. Nichts soll ihn am Mittwochabend im Stade de France überraschen können.
Karriere-Knick 2010 als deutsche Nummer eins
Adler hat in seinen Torwart-Jahren schon viel erlebt. Kurz vor der WM 2010 kam durch eine Rippenverletzung das Aus. Damals war der mit 15 Jahren vom VfB Leipzig nach Leverkusen gewechselte Adler die Nummer eins des Nationalteams. Neuer zog an ihm vorbei. In Leverkusen ging es bergab. Adler fiel verletzt acht Monate aus. Nach langen Verhandlungen entschied sich Bayer den Vertrag nicht zu verlängern. Die Rheinländer vertrauten nun dem vom VfB Stuttgart losgeeisten Supertalent Bernd Leno. Erst der Wechsel zum HSV im Sommer 2012 brachte die Wende für Adler. In der Hinrunde kürte ihn das Magazin "Kicker" zum besten deutschen Torwart. Nun darf er sich auf sein erstes Länderspiel seit dem 17. November 2010 freuen. Damals gab es ein 0:0 in Göteborg gegen Schweden.
Adlers Ehrgeiz riesig wie gehabt
Viel hat sich für Adler in seinem Leben seither verändert. Er wirkt ungewöhnlich ruhig für das aufgeregte Fußball-Geschäft. Nur eines ist gleichgeblieben. Eigene Patzer wie kürzlich im Nordderby gegen Werder Bremen kann er nicht vertragen. "Ich ärgere mich nach wie vor über Fehler. Das ist in mir, das ist der sportliche Ehrgeiz, der mich treibt." Das klingt dann doch ein bisschen nach Oliver Kahn. Nicht nur Buddha also.
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