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Fußball : Fanforscher: "Nie war es so sicher wie heute!"

Rassismus beim Sachsenderby, Randale beim Leipziger Stadtduell, Cybermobbing gegen die Profis Frahn (RB Leipzig) und Pezzoni (Köln) - der Fußball sorgt in diesen Tagen mal wieder für heftige Schlagzeilen. Wir haben mit dem Fanforscher Professor Doktor Harald Lange vom Institut für Fankultur (Uni Würzburg) über die aktuellen Probleme gesprochen. Er beschreibt, warum die Fans aufbegehren, wann die Klubs gefordert sind und welche Art von Geisterspiel er spannend finden würde.

Fußballfans im Stadion.

Herr Lange, wenn man die aktuelle Nachrichtenlage betrachtet: Kann man überhaupt noch zum Fußball gehen ohne Angst haben zu müssen?

Harald Lange
Prof. Harald Lange vom Institut für Fankultur der Uni Würzburg

Ein Stadionbesuch ist, rein statistisch gesprochen, so sicher wie noch nie. Es gab in der vergangenen Saison rund 800 Verletzte. Das betrifft die 1. und 2. Bundesliga sowie die 3. Liga. In Relation zu den Zuschauerzahlen gab es noch nie so wenig Verletzte. Zum Vergleich: Auf dem Münchner Oktoberfest gibt es pro Tag 800 Verletzte. Und da sagt keiner, dass das gefährlich wäre. Aber: Das Thema Fans ist in den letzten zwei Jahren zusehends in die Öffentlichkeit gerückt, auch durch Äußerungen von Politikern, deshalb scheint es subjektiv gefährlicher geworden zu sein.

Gibt es denn in Sachen Gewalt einen Unterschied zwischen Ost und West?

Das wird zwar gerne kolportiert, lässt sich statistisch aber nicht belegen. Jede Stadt und jeder Verein hat so seine Probleme. Das ist aber kein Ost-West-Problem.

Ein heißes Thema hier in Mitteldeutschland ist der von Red Bull unterstützte Klub Rasenballsport Leipzig. Die Leipziger nehmen den Verein an, wie die Zuschauerzahlen zeigen, viele Fans in der Region lehnen den Klub aber auch ab. Warum kochen die Emotionen da so hoch?

Das ist ein sehr gutes Beispiel, um über Fankultur ins Gespräch zu kommen. RB steht bei den traditionsbewussten Fans im Abseits, weil sie als Inbegriff der Kommerzialisierung verstanden werden. Sie sind so etwas wie die Hausmarke des modernen Fußballs, die Kritik auf sich zieht. Ob das nun berechtigt ist oder nicht. Die Ultrabewegung, die Red Bull am heftigsten kritisiert, steht für völlig andere Werte. Eben für Tradition, Mitbestimmung, das Vereinswappen, den Stadionnamen und die Herkunft der Spieler. Nicht für eine zusammengekaufte Mannschaft und einen Konsumenten, der sich nach dem Motto "Let me entertain you" drei Stunden am Sonnabend unterhalten lässt. Da ist Red Bull einfach das Kommerzialisierungsbeispiel par excellence.

Ein neues Problem im Fußball ist Cybermobbing. Wer macht so etwas?

Feiglinge machen so etwas, die nutzen die Anonymität des Internets, um ihre Meinungen zu äußern, da bietet das Internet solche Möglichkeiten. Das ist eine Entwicklung, mit der wir zunächst leben müssen. Wenn ein User mit seinem Namen die Drohung versehen müsste, dann würde er sich das genauer überlegen.

Beim 1. FC Köln wurde der Spieler Kevin Pezzoni nach einem 0:2 in Aue nicht nur im Netz, sondern auch noch vor dem Haus bedroht. Beim 1. FC Magdeburg gab es Ende des vergangenen Jahres einen ähnlichen Fall, als Daniel Bauer an seiner Haustür bedroht wurde. Wie sollen die Klubs mit solchen Fällen umgehen?

Man darf diesen Leuten keinen Zentimeter Raum geben. Diesen Forderungen darf man nicht nachgeben. Auch wenn der Fall Pezzoni ziemlich undurchschaubar ist, lässt es hier und da doch den Schluss zu, dass der Verein eingeknickt ist. So etwas darf auf keinen Fall passieren. Opfer von Internet-Mobbing müssen geschützt werden. Da muss man ganz klar Position beziehen und sagen: "Das hat bei uns keinen Platz. Da gehen wir schonungslos gegen vor." Das ist unendlich wichtig für unseren Fußball.

Kommen wir zu Strafen für Vereine nach Ausschreitungen: Haben sich da die Geisterspiele bewährt?

Fenerbahce Frauen-Fans
Männer mussten bei "Fener" draußen bleiben

Nein, das ist die denkbar schlechteste Lösung. Ein "No-Go". Man muss immer nach Möglichkeiten suchen, dass Zuschauer ins Stadion kommen können.  Eine sehr originelle Variante gibt es in der Türkei: Bei als Geisterspiel angesetzten Fenerbahce-Punktspielen 2011 und 2012 kam man auf die Idee nur Frauen und Kinder unter 12 Jahren als Zuschauer zu akzeptieren. Einmal kamen 41.000 und sorgten für eine ganz spezielle Stimmung. Das hatte einen leicht erzieherischen Effekt, traf aber nicht mit der kompletten Wucht.

Das Verbot von Pyrotechnik trifft die Fanszene scheinbar ins Mark. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Das Thema ist besonders heikel und extrem schwierig. Juristisch ist die Sache klar, es ist gefährlich und verboten, Ende der Diskussion. Man hat bis zum Herbst 2011 versucht, mit den Ultras Regeln zu finden und war da auf einem sehr guten Weg, einen gemeinsamen Verhaltenskodex zum kontrollierten Abbrennen zu finden. Kurz vor dem DFB-Pokalspiel Dortmund gegen Dynamo wurden diese Gespräche abgebrochen. Es folgte eine "Basta-Politik", mit der man den Zorn der Ultras geradezu kultiviert hat.

Der Einsatz von Pyrotechnik ist seitdem angestiegen. Das Ganze hat jetzt Symbolcharakter. Psychologisch und soziologisch sage ich: Auch wenn Pflöcke bereits eingeschlagen wurden, der Diskurs darüber sollte wieder aufgenommen werden. Es geht um die Kernfrage: Sollen die Fans nur Konsumenten sein? Oder dürfen sie mitbestimmen? Werden sie wenigstens in ihrer kritischen Haltung wahr - und für ernst genommen? Und diesen kritischen Grundimpuls beim Fußball, natürlich ohne Gewalt, den halte ich für unverzichtbar.

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2012, 16:08 Uhr

38. Hopfenpflanzer:
@pukki. Natürlich habe ich nachgedacht und selbstverständlich geht es in erster Linie um die Vermarktung des Produktes. Doch wie jeder weiß, ist der Erfolg eines Produktes nicht für die Ewigkeit bestimmt. Und so ist es lukrativ in einige Nischen zu investieren. Sollte die Brause durch die steigende Konkurrenz vor die Hunde gehen, besteht dennoch die Möglichkeit die Marke RB durch den Sport zu erhalten. Was kann es denn besseres Geben als eine dauerhafte Absicherung. Die Werbung für das Produkt, für die Brause- ist ein schöner und kostenloser Nebeneffekt. @Mauri. Ich bin auch kein großer "Fan", ich bin eher großer Fussball!!! Fan. Zum Glück besitzt jeder eine ganz andere Vorstellung von Spaß. Und vielen gefällt es sich hinzusetzen und einfach mitfiebern. In Ruhe und Gemütlichkeit. Bei solchen Sachen wird man sich nie einig ;) mfg Hopfenpflanzer
13.09.2012
22:25 Uhr
37. Ex-Jenaer:
ich finde den artikel sehr sachlich. klar, dass es dennoch diskussionen geben wird. vor allem wegen der fankultur und des einen vereins. ich finde es richtig, dass ein verien sich unterstützung bei kindern und jugendlichen holen möchte, familien lockt. man definiert fussball als familienunterhaltung. und jeder, der hier unsachlich dagegen "pöbelt", stützt diese idee indirekt. von mir natürlich klares vortum gegen rbl, weil es halt eine firmentochter und kein verein ist, klares vorum für kontrolliertes abbrennen von bengalos, klares voum gegen gewalt in jeder form. für mitbestimmung der fans und für echte mitglieder in den vereinen. vlt könnte der herr prof lange den dfb in zukunft ein wenig beraten? die diskussion wäre wahrscheinlich um einiges sachlicher und im ergebnis würde sich mancher ostverein und -fan nicht immer verraten und verkauft vorkommen. eiserne grüße
13.09.2012
19:35 Uhr
36. pukki:
@Hopfenpflanzer (33): "beschränkten wirtschaftlichen Horizont"?? Hallo? hast du mal nachgedacht? Einem Unternehmen geht es immer nur darum seine Produkte zu verkaufen. Alles was ein Unternehmen nach außen hin veranstaltet ist Marketing. Selbst Produkte werden unter Berücksichtigung von Marketingaspekten geplant. Wenn ein Unternehmen, an einem Standort (an dem sie nicht ansässig sind) einen Verein gründen/aufkaufen, was hat das Unternehmen damit wohl vor? Denen geht es nicht um den Fußball (der ist nur Mittel zum Zeck). Die wollen an das Geld, das es mit Fußball zu verdienen gibt.
13.09.2012
16:02 Uhr
35. pukki:
@13: stimme dir zu. Der MDR sollte mal damit aufhören Tatsachen zu beschönigen. Rote Brause sponsort den "Verein" nicht. Er hat ihn selbst gegründet und bestimmt darüber, was in dem "Verein" passiert. Und die sog. Fans dieses "Vereins" sollten sich mal fragen, ob sie sich gerne fremdbestimmen lassen...
13.09.2012
15:53 Uhr
34. Mauri:
@Hopfenpflanzer: Deinem Text nach zu urteilen bist du alles andere als ein Fan! Klar geht man in erster Linie des Spiels wegen ins Stadion, aber auch um Spass zu haben, mit Freunden/Kollegen zu quatschen und meiner Meinung nach eben auch seinen Verein anzufeuern! Ohne Fans wäre der Fußball nichts! Fußballspiele ohne Singen? *gähn* Den Artikel finde ich im Übrigen sehr sehr gut - das hier wieder die ganzen RB-ler aus den Löchern gelockt werden weniger - Ihr werdet nie in Liga 2 oder 1 landen! Kann mir nicht vorstellen, dass Ihr grundsätzlich in Leipzig akzeptiert werdet - komm aber nicht von dort - in Zwickau liebt man euch zumindest nicht ^^
13.09.2012
14:41 Uhr
33. Hopfenpflanzer:
Fans machen das Spiel interessant? Also als langjähriger Fussball Fan, gehe ich zu den Spielen um mit meinem Verein mit zu fiebern und das Spiel anzusehen und nicht!!!; Fans laut singen zu hören oder Choreografien zu bewundern. Ich halte die RB Entwicklung als durchaus positiv. Das RB Werbung macht ist kein Geheimnis, jedoch ist ein Team die beste Absicherung und Investition die man machen kann. Wer behauptet, dass RB es nur wegen Werbung macht, besitzt einen sehr beschränkten wirtschaftlichen Horizont. mfg Hopfenpflanzer
13.09.2012
11:55 Uhr
32. Michael M.:
Es ist in keinster Weise "originell" Männer auszusperren. Ist ist ganz einfach diskrimminierent und antifeministisch. Mit so einem Murks werden Geschlechterbilder nur noch weiter festgeschrieben. Frauen sind demnach liebe nette Mädchen die sitzen und klatschen. So ein dümmlicher Sexismus von einem Professor. Herzlichen Glückwunsch und der MDR gibt ihm auch noch eine Plattform. Und wenn man sich mal die Bilder anschaut haben auch die Frauen einen Supporter-Block gebildet und Pyro gezündet. Außerdem zeigt das Beispiel AJAX AFC wohl das es mit den Anti-Diskrimminierungsrichtlinien der EU nicht hinhaut ein Geschlecht in Sippenhaft auszuschließen. Interessant auch, dass er vorher Geisterspiele als No-Go bezeichnet.
13.09.2012
11:31 Uhr
31. Bierfreund:
Ich finde den Artikel auch sehr gut,nur der Vergleich mit dem Oktoberfest hingt ein wenig,weil bei einem Bundesligaspiel mehr Ordner und Polizisten im Einsatz sind als an einem Oktoberfesttag.Da ich auch schon oft beim Fußball war,würde ich auch sagen dass es kein Risiko ist ins Stadion zu gehen.
13.09.2012
11:21 Uhr
30. emilou:
Ob man sicher sein kann, daß die Leipziger RB angenommen haben? Ist doch die Frage, wer da ins Stadion geht.Ob da nicht auch viele Stadionbesucher Gegner von RB sind. Bleibt nur zu hoffen, daß das Konzept einfach nicht aufgeht und sich damit selbst erledigt. Klar ist es mittlerweile bei allen Vereinen üblich, daß Spieler eingekauft werden, aber letztlich haben sich Fankulturen über viele Jahrzehnte entwickelt. Und meiner Meinung nach sind die Fans (sofern nicht nur auf Gewalt aus) das Salz, das das Spiel interessant macht. Und zwar die Fans, die zu ihrem Verein auch stehen, wenn er mal grade erfolglos ist. Und bei solchen künstlich geschaffenen Supervereinen werden halt nunmal nur die Fans, die vorher noch nicht aktiv waren und durch den Erfolg auf den Verein aufmerksam werden. D.h. wenn es nicht so gut läuft, wechseln vermutlich viele schnell zu einem anderen Verein, der erfolgreicher ist. Und das sind ja dann keine Fans im eigentlichen Sinn.
13.09.2012
09:19 Uhr
29. emilou:
In Sachen Pyro sollte man vielleicht mal eine Umfrage in den Stadien starten oder meinetwegen auch mal nur in der Fankurve. Ich denke, daß im Grunde nur ein paar wenige das toll finden. Wenn ich schon allein an den Qualm denke, dem man dann ausgesetzt ist ... Nee ich weiß nicht. Ich mag Feuerwerk, aber doch nicht diese stinkenden Fackeln, sondern das Feuerwerk am Himmel. Und vor einem SPiel find ich die Choreos ohne diese Fackeln viel beeindruckender, weil da wirklich viel Arbeit drin steckt.
13.09.2012
09:16 Uhr

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