Fußball | Interview : Kramer: "Wir sind alle Interessenvertreter der Fans"
Am Sonntag ist VfB Auerbach-Geschäftsführer Volkhardt Kramer beim MDR-Webt@lk zu Gast. Grund genug, den 61-Jährigen schon im Vorfeld auf Herz und Nieren zu prüfen, dachte sich die Online-Redaktion, und hat Kramer zu den Fortschritten der Arbeitsgruppe "Task Force Sicherheit", seiner Einstellung zu den Ultras und zum furiosen Saisonstart seines Vereins befragt.
Am Sonntag geht der MDR-Webt@lk in eine neue Runde. Diesmal zu Gast: Der Chef der Ultras Chemnitz, Ronny Licht, und VfB Auerbach-Geschäftsführer und NOFV-Präsidiumsmitglied Volkhardt Kramer, der zugleich in der "Task Force Sicherheit" des DFB aktiv ist. Wie es dort läuft, was er über die Rolle der Fan-Beauftragten in der Arbeitsgruppe denkt und warum er sich neben dem perfekten Saisonstart seines Vereins am meisten über die Fans freut, hat er MDR Online erzählt.
Volkhardt Kramer im Blitzinterview über...
... die "Task Force Sicherheit" des DFB:
Bei der Task Force Sicherheit hat man versucht, ein möglichst breites Spektrum von Persönlichkeiten an den Tisch zu holen, die sich mit dem Thema Fußball und Sicherheit beschäftigen. Diese Arbeitsgruppe ist aber nur eine von vielen Maßnahmen des DFB, sozusagen ein kleiner Baustein im großen Ganzen. Wichtig ist die kontinuierliche Arbeit am Thema Sicherheit. Wenn ich 30.000 Leute im Stadion habe, gehe ich davon aus, dass der Großteil dasselbe will: Tollen Fußball, ein schönes Erlebnis, Begeisterung und den Sieg der eigenen Mannschaft. Und dazwischen sind dann halt ein paar, die Theater machen und Krawalle forcieren. Da müssen wir ansetzen, und da sind auch alle gefragt. Schön wäre es, wenn man eine Pille gegen Krawalle erfinden könnte. Aber man muss mit der Dummheit mancher Menschen leben und versuchen, dass die etwas Klügeren die etwas Dümmeren mitdisziplinieren.
... die Rolle der Fan-Beauftragten:
Bei den Gesprächsrunden der "Task Force Sicherheit" waren fünf Fan-Beauftragte mit am Tisch. Damit wurde auch die Sicht der Fans mit reingetragen und man hat in den Gesprächsrunden deutlich gesehen, wie die Fan-Beauftragten Themen aufgenommen haben. Es ist wichtig, dass Praktiker wie sie bei solchen Gesprächsrunden dabei sind. Sie müssen aber erkennen, dass sie die Interessenvertreter aller Fans sind. Das gilt nicht nur für die Hardcore-Fans. Sie sind auch beispielsweise für die Interessen der Rentner und Familien zuständig. Eines möchte ich zudem klarstellen: Wir alle sind Interessenvertreter der Fans. Wenn ich mich in meiner Position beim NOFV sehe, wollen natürlich auch wir, dass ein geordneter und sicherer Spielbetrieb läuft, an dem möglichst viele Fans und Zuschauer teilnehmen können. Kein Verbandsvertreter hat vor, Fans aus dem Stadion zu werfen, Emotionen zu unterdrücken oder Dingen einen Riegel vorzuschieben.
... Ultra-Fangruppierungen:
Von denen halte ich grundsätzlich ganz viel, da ich nämlich selbst ein ultra-begeisterter Fan bin. Und wenn ich die Ultras richtig verstehe, sind die ja nur noch mal verrückter begeistert als andere und möchten für ihren Verein alles geben. Ich glaube aber, dass sich in diesen Kreis Leute begeben haben, die diese ehrende Motivation nicht mit in die Gruppe bringen, sondern sich von diesen Prinzipien abwenden und aus diesem Kreis heraus für Krawall sorgen. Wenn ich sehe, dass ein Verein mit Geldstrafen belegt wird oder Fans von Spielen ausgeschlossen werden, dann ist das ja alles andere, was ein Ultra-Fan wollen kann. Da sollte die Ultra-Szene gut aufpassen, ob sie da nicht anders Einfluss nehmen muss.
... das Pyrotechnik-Verbot:
Hinter diesem Verbot stehe ich zu 100 Prozent. Es darf in einem Stadion nichts geben, was auch nur ein bisschen dazu beiträgt, die Gefahr zu erhöhen. Bundesligaspiele sind Großveranstaltungen, bei denen scheinbare Kleinigkeiten zu Katastrophen führen können. Das Argument, ohne Bengalos könne man seine Leidenschaft nicht richtig rüberbringen, ist schwach. Weder beispielsweise beim Eishockey noch beim Basketball zünden Fans Pyrotechnik – ihre Leidenschaft für den Sport bringen sie trotzdem zum Ausdruck. Bengalos sind in meinen Augen kein geeignetes Stilmittel, um Fanleidenschaft zum Ausdruck zu bringen. Das geht doch auch mit Choreographien, mit Spruchbändern, mit lautem Anfeuern… da liege ich mit den Ultras voll quer.
Ich möchte meine Enkel immer an der Hand nehmen und mit denen ins Fußballstadion gehen können, ohne mir sagen lassen zu müssen: Das geht nicht, das ist zu gefährlich. Alles was getan wird, um eine große Fußballfamilie zu verhindern, muss raus.
... den furiosen Auerbacher Saison-Auftakt und die veränderten Fans:
Mit solch einem Saisonstart hätten wir ganz bestimmt nicht gerechnet. Wir haben uns gegenseitig auf die Situation vorbereitet, dass wir nach vier, fünf Spielen noch nichts auf dem Konto haben außer Erfahrungen... Das es so ausgeht, hätten wir nicht gedacht, da sind wir natürlich freudig überrascht. Die Mannschaft hält toll zusammen und ist im Training voll konzentriert.
Neben den neun Punkten, die wir bisher auf dem Konto haben, sind die Fans die angenehmste Überraschung. Man hat uns ja immer ein "Tennispublikum" nachgesagt: Leichtes Händeklatschen und nach dem 3:0 wird es dann ein wenig lauter - so nach dem Motto. Zwar waren die Fans schon immer fußballbegeistert, aber eben ruhiger. Das ist jetzt deutlich mehr geworden. Ich habe den Eindruck, dass die Fans mit in die Regionalliga aufgestiegen sind. Die haben richtig Leidenschaft entwickelt!
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Die "Task Force Sicherheit"...
... ist eine von DFB und DFL ins Leben gerufene Arbeitsgruppe, in der Vertreter aus Politik, Justiz, Polizei, der Fußballverbände und Fan-Beauftragte, die über Sicherheit in Fußballstadien diskutiert und dahingehend eng zusammenarbeitet. Die 17-köpfige Expertengruppe soll laut DFB die aktuelle Entwicklung analysieren und praxisnahe Schritte aufzeigen. Volkhardt Kramer vom Präsidium des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV) wurde als Verantwortlicher für den Amateurfußball ernannt.
