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Fußball | Regionalliga | Hintergrund Spielerberater hierzulande - Mutti statt Millionen

Sie sind überall und doch unsichtbar: Spielerberater. Sie drehen das große Rad und verdienen kräftig mit. 49 Millionen Euro kassierte Ex-Pizzabäcker Mino Raiola, als Paul Pogba zu ManUnited ging. Beim 222-Millionen-Transfer von Neymar sollen zusätzlich bis zu 100 Millionen geflossen sein. Summen, die eine Branche in Misskredit brachten. Der Agent ein Nimmersatt? Stimmt dieses Bild auch in unserer Region? Wir haben in der Regionalliga recherchiert. Fazit: Hier werden kleine Brötchen gebacken.

von Christian Kerber und Steffen Reichert

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"Mit der 3. und 4. Liga hat das rein gar nichts zu tun", sagt Spielerberater Alexander Fröhlich von der Dresdner Agentur "Fröhlich Sportmanagement" zu den geradezu absurden Berater-Provisionen bei Pogba und Neymar. Den großen Reibach macht er nicht.

Dresdner Fröhlich als Ausnahmeerscheinung

Alexander Fröhlich (Spielerberater
Spielerberater Alexander Fröhlich Bildrechte: Fröhlich Sportmanagement

Fröhlich ist eine absolute Ausnahmeerscheinung. Ganze fünf von 225 aktuell beim DFB registrierte Beratern kommen aus Mitteldeutschland. Der Grund ist relativ simpel: "Bei uns im Osten spielt nicht die Musik, in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wird ein ganz anderes Geld umgesetzt", sagt der Diplom-Sportmanager, der unter anderem fünf Regionalliga-Kicker unter Vertrag hat und dessen Aushängeschild Bundesliga-Profi Tony Jantschke (Mönchengladbach) ist. Ohnehin ist das mit dem Geldverdienen so eine Sache: "Wenn nichts Außergewöhnliches passiert, kann man die ersten fünf Jahre mit jungen Spielern gar kein Geld verdienen“, sagt Fröhlich. Es gebe zuweilen eine Art "Aufwandsersatz".

Erste Verhandlungen für Bruder Christian

Christian Fröhlich (Dynamo Dresden, li.) mit seinem Bruder und Berater Alexander Fröhlich.
Anfang 2004 betreute Alexander Fröhlich (re.) seinen Bruder Christian beim damaligen Regionalligisten Dynamo Dresden. Bildrechte: IMAGO

Der 45-Jährige hatte mit Anfang 20 einen Kreuzbandriss und "tingelte danach noch durch Deutschland", wie er es selbst desillusioniert nennt. Als er in Riesa auf sein Geld warten musste, war Schluss. Früh eine schwere Verletzung, einige Wechsel und kein Geld – Fröhlich hat die dunkle Seite des Glamour-Geschäfts Fußball selbst kennen gelernt. In den Bereich Beratung schnupperte er dann erstmals, als er Bruder Christian, ein großes Talent, das unter anderem bei Dynamo Dresden, 1860 München, dem Chemnitzer FC, Carl Zeiss Jena und dem FC St. Pauli spielte, bei Vertragsgesprächen unterstützte.

Wie wird man Spielerberater? Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, es kann sich also jeder so nennen. Beim DFB genügen ein polizeiliches Führungszeugnis und 500 Euro für die Registrierung. Seit die FIFA im März 2015 die offizielle Lizenzierung für Spielerberater wieder abgeschafft hat, sind die Landesverbände dafür zuständig. Die 2007 gegründete "Deutsche Fußballspieler-Vermittler Vereinigung e.V." (DFVV) dient der deutschen Interessenvertretung der ehemaligen lizensierten Spielervermittler, will Transparenz schaffen und die Arbeit der deutschen Spielerberater in ein deutlich seriöseres Licht rücken. Auf ihrer Mitgliederversammlung im Juni in Hannover verabschiedete der DFVV einen Verhaltenskodex.

Im Gegensatz zum Klischee, dass Agenten ihre Klienten zum Wechseln drängen und dabei abkassieren, sieht die Wahrheit eher so aus, dass Agenten bei Vertragsverlängerungen am Brutto-Jahresgehalt partizipieren. Nach MDR-Recherchen bekommt ein Regionalliga-Spieler im Schnitt rund 1.000 Euro im Monat. Fröhlich spricht von acht bis zwölf Prozent, die sein Dachverband DFVV als Provision empfiehlt. Die "Deutsche Fußballspieler-Vermittler-Vereinigung" wurde 2007 gegründet und ist so etwas wie der seriöse Dachverband einer umstrittenen Branche. Fröhlich gehört zu den Gründungsmitgliedern. 67 von rund 400 deutschen Beratern haben sich dem DFVV angeschlossen.

Kilometerfresser und Telefonjunkie

Tony Jantschke (Borussia Mönchengladbach)
Fröhlichs wertvollstes Pferd im Stall ist ein Fohlen: Tony Jantschke wird bei Borussia Mönchengladbach als "Fußballgott" verehrt und trägt auch schon einmal die Kapitänsbinde. Bildrechte: IMAGO

Fröhlichs Alltag ist deutlich weniger bunt, als es die Hochglanzbilder mancher Berater vermuten lassen. Viel Kilometerfresserei über Autobahnen auf diverse Sportplätze, viel Telefonieren. Am Wochenende versucht er so viele Spiele wie möglich zu sehen, um die eigenen Klienten und mögliche künftige unter die Lupe zu nehmen. Ab der C-Jugend spricht er die Eltern an und versucht Talente an sich zu binden. Am Montag wird das Fußballgeschehen des Wochenendes ausgewertet, etliche Telefongespräche mit seinen Spielern inklusive. Einige brauchen ihn aber auch nur für Vertragsgespräche. Unter der Woche ist er ebenfalls viel auf Achse: Dann trifft er Manager, Trainer, betreibt Netzwerkpflege. Und dann lotst er einen wie den bei Chemnitz ausgemusterten Thomas Birk quer durch die Republik ins Saarland. Kaum vorstellbar, dass das ohne einen professionellen Berater passiert wäre.

Haifischbecken Beratung

Dietmar Demuth
Fußballtrainer Dietmar Demuth Bildrechte: IMAGO

Wie fragwürdig aber auch der Umgang mit Beratern sein kann, zeigt eine Episode im Fußballbuch von 2016. "Mroskos Talente" erzählt die Lebensgeschichte des Scouts und späteren Spielerberaters Lars Mrosko. Als er Verteidiger Joan Oumari 2011 vom damaligen Drittligisten SV Babelsberg zu Rot-Weiß Erfurt vermittelte und damit dessen Gehalt verdreifachte, gab es richtig Ärger. Babelsbergs Trainer Dietmar Demuth (heute Coach von Chemie Leipzig) war sauer, dass er es nur über eine SMS erfuhr und ließ ausrichten: Der Mrosko mache keinen Deal mit den Filmstädtern mehr. Das sei ganz mieser Stil. Das Problem an dieser Beurteilung: "Aber ich habe doch zweimal versucht, Demuth zu erreichen, und ihn in einer SMS um einen dringenden Rückruf gebeten!", verteidigte sich Mrosko. Vergeblich. Er blieb auf der schwarzen Liste. Fußball als Haifischbecken.

Das Fußballbuch 2016: "Mroskos Talente - das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts" von Ronald Reng Das Fußballbuch des Jahres 2016 beschäftigte sich mit der Lebensgeschichte eines Bundesliga-Scouts. Lars Mrosko arbeitete sich aus dem Berliner Kiez Neukölln zu einem anerkannten Scout hoch, der für Bayern München und den VfL Wolfsburg arbeitete. Wolfsburgs Star-Stürmer Edin Dzeko, der die Wölfe später zur Deutschen Meisterschaft schoss und 2011 für die damalige Bundesliga-Rekordsumme von 34 Millionen Euro zu Manchester City wechselte, entdeckte er in der tschechischen Provinz. Als Mrosko in Wolfsburg keine Zukunft mehr hat, wechselt er auf die Spielerberater-Seite. Und fühlt sich fortan "wie ein Staubsaugerverkäufer". Er kämpft ums Überleben in einem Business, motiviert von der Liebe zum Fußball, die bisweilen blind macht. Im größeren Rahmen beschreibt das Buch darüber hinaus, wie sich in ganz konkreten Fällen Transfers anbahnen, wer mitverdient und wie sich die Konkurrenz auf dem Markt zunehmend verschärft. Autor Ronald Reng hatte zuvor unter anderem die Biographie "Robert Enke – ein allzu kurzes Leben" geschrieben.

In der Regionalliga Nordost haben immerhin 60 Prozent der Spieler einen Berater, also mehr als die Hälfte. Bei den Vereinen ist der ambitionierte Aufstiegsanwärter Energie Cottbus ganz vorne: 91 Prozent der Akteure werden beraten, dahinter folgt mit einem gewissen Abstand Wacker Nordhausen mit 72 Prozent. Selbst beim drittletzten, Aufsteiger Chemie Leipzig, sind es noch 50 Prozent. Der VfB Auerbach und der FSV Luckenwalde haben mit 36 bzw. 31 Prozent den geringsten Anteil.

Spielerberater
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Regionalliga- und Nationalspieler werden von Familienangehörigen beraten

Julian Brandt (Leverkusen)
Nationalspieler Julian Brandt von Bayer Leverkusen Bildrechte: IMAGO

Schaut man sich an, welche Agenturen die meisten Klienten haben, dann ragt ein Modell heraus: Die Familie. Satte 28 Spieler werden von Familienangehörigen beraten. Auch im aktuellen Nationalmannschaftsaufgebot sind es drei Akteure, die von der Familie beraten werden: Sami Khedira, Julian Brandt und Sebastian Rudy. Brandts Vater Jürgen soll nach Enthüllungen des "Spiegel" nach dem Transfer von Wolfsburg zu Leverkusen bereits über eine Million Euro abgeräumt haben. Mesut Özil wurde einst von seinem Vater Mustafa beraten. Die Trennung 2013 geriet zur "Schlammschlacht" ("Die Welt"), weil Mustafa Özil 630.000 Euro an Provisionen verlangte.

Andreas Petersen setzt auf das Familien-Modell

Einer, der nicht viel auf Berater in der Regionalliga gibt, ist Germania Halberstadts Trainer Andreas Petersen. Der Vater von Bundesliga-Spieler Nils (aktuell Freiburg) hat eine klare Meinung: "Ich sage, in der vierten Liga sind Spielerberater Nonsens, aber wir müssen uns den Gegebenheiten fügen. Wenn du nicht mitmachst, kriegst du keine Spieler. In dieser Liga kann sich jeder Spieler mit seinen Eltern, seinem Kumpel beraten, was möglich und wichtig für ihn ist. Sollte man dann den Schritt in die dritte Liga gehen, gibt es genügend seriöse Berater, denen man sich anschließen kann."

Sein Kollege Heiko Scholz vom 1. FC Lok Leipzig hat da eine etwas differenziertere Meinung: "Die Spieler müssen wissen, mit welchem Berater sie zusammenarbeiten. Es gibt solche, die nur Geld verdienen wollen. Und es gibt ganz wenige, die sagen: 'Pass auf Kleiner, mach einen Schritt zurück, du musst in der Regionalliga spielen, damit du vielleicht noch mal zwei Schritte nach vorn machen kannst und irgendwann mal in der dritten Liga spielst.'"

Größte Regionalliga-Agentur ohne öffentlichen Auftritt

Die größte richtige Agentur in der Regionalliga Nordost ist ein Mysterium: "MD Sportmanagement" hat 14 Viertliga-Kicker unter Vertrag, aber weder eine Internetseite, noch ein Facebook-Auftritt noch ist sie beim DFB registriert. Es folgen mit 12 bzw. 11 Akteuren "Funke Spielerberatung" und "Eurosportsmanagement". "Funke" sitzt in Köln, besitzt Facebook- und Instagram-Auftritte und ist vor allem auf Spieler aus der 3. und 4. Liga spezialisiert. "Eurosportsmanagement" ist breiter aufgestellt: Von der Homepage grüßt Bayern Münchens Torjäger Robert Lewandowski, direkt über der Drittliga-Premiere von Maximilian Weiß (FC Carl Zeiss Jena) und einem Glückwunsch zum Aufstieg der A-Jugend des Chemnitzer FC. Einer ihrer Klienten im Profibereich ist Gracjan Horoszkiewicz. Der ehemalige Kapitän der polnischen U20-Nationalmannschaft verlängerte nach einer gewissen Bedenkzeit beim ZFC Meuselwitz. Eine Agentur mit der ganzen Bandbreite der Branche: Zwischen Horoszkiewicz und Lewandowski. 

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Zuletzt aktualisiert: 08. September 2017, 18:02 Uhr

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2 Kommentare

06.09.2017 21:34 Streifenkarl 2

Ernie, was willst Du uns sagen?

06.09.2017 17:09 Ernie 1

da kommen einem die Tränen-ein Regionalligaspieler ca.1000Euro im Schnitt!! Und die armen Berater erst!!