Fußballspieler jubeln
Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Fußball | Regionalliga Zu alt oder zu teuer - das Dilemma der U23-Teams

Das Ansehen der U23-Teams ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. Ab Sonnabend spielt keine mitteldeutsche Nachwuchsmannschaft mehr in den obersten vier Spielklassen. Was sind die Gründe? Gibt es Gegenbeispiele? Wie sieht es in der Bundesliga aus?

von Dirk Hofmeister

Fußballspieler jubeln
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Sonnabend, 20. Mai, 15.20 Uhr. Während die Bundesliga-Mannschaft von RasenBallsport Leipzig noch auf den Startschuss zum letzten Spiel einer fantastischen Saison wartet, wird in Markranstädt schon gefeiert. Die Regionalliga-Saison der U23 von RB Leipzig ist vorbei. Auf den Abpfiff folgt eine kurze Abschiedszeremonie, ein letztes Abklatschen bei den Fans, Duschen, Umziehen - und dann in den Flieger nach Mallorca.

Den Saisonabschluss in der Sonne feiern, das machen jährlich Dutzende Fußballteams, vom Profi- bis zum Kneipenteam. Was die Reise der RBL-U23 besonders macht: Die Mannschaft wird in dieser Konstellation nie wieder zusammenkommen. Die Mannschaft wird komplett aufgelöst.

Mitteldeutschland (fast) ohne Reserveteams

John-Patrick Strauß trifft zum 1:0
U23-Duell in der Regionalliga: RBL II gegen Hertha II Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Bei der U23 von RBL hatte im Februar der vom Verein kommunizierte Rückzug für Diskussionen unter den Fans gesorgt, weil es bei RBL keine finanzielle Not für die Entscheidung gab. Einem Trend folgt die Abmeldung aber allemal: von den neun mitteldeutschen Erst- bis Drittligisten hält ab der kommenden Saison nur noch der 1. FC Magdeburg an seiner zweiten Mannschaft fest. Seit 2014 knüpft der Deutsche Fußball-Bund die Lizenzerteilung nicht mehr an ein U23-Team. Seither haben zahlreiche Klubs ihre Reserveteams aufgelöst. Von den aktuellen 36 Erst- und Zweitligisten spielen neun ohne eine U23, darunter Leverkusen, Frankfurt, Union Berlin oder Dynamo Dresden.

Riemer: "Teure Spieler oder Nachwuchs"

RB Leipzig U23
RBL-U23-Coach Klauß: "Ob sie Champions League spielen können, ..." Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Bei RBL kam die Abmeldung der U23 für viele Beobachter und Beteiligte aus heiterem Himmel. "Für mich war es extrem überraschend", sagt Noch-U23-Trainer Robert Klauß, der kommende Saison die U17 betreut. Die Spieler seien sogar "komplett geschockt" gewesen, "es hat sie richtig kalt erwischt." Auch den Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV) erreichte die Nachricht unvorbereitet. "Dass RB Leipzig seine U23 auflöst, hat uns schon sehr überrascht. Das wurde vorher anders kommuniziert", sagt Wilfried Riemer, Leiter Spielbetrieb beim NOFV. Verständnis für den Schritt hat Riemer dennoch: "Es gibt auch hier zwei Seiten der Medaille: Jeder Verein muss wissen, ob er teure Spieler verpflichtet oder den Nachwuchs ausbildet."

Rangnick: "Von der U19 nach oben"

Ralf Rangnick
Rangnick: "Der direkte Weg ist möglich" Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Nach Aussage von RBL-Sportdirektor Ralf Rangnick ist die U23-Auflösung keine Entscheidung gegen die Nachwuchsausbildung. Im Gegenteil: Es geht um eine Förderung von Nachwuchs, von noch jüngerem Nachwuchs: "Wir glauben, dass der direkte Weg von der U19 nach oben möglich ist. Der Weg von der U17, U18 oder U19 zu den Profis sei sogar Erfolg versprechender, erklärte Klauß im großen MDR-Interview: "Wir müssen die Jungs mehr und zeitiger fordern", so der 34-Jährige. Der aktuelle Kader könne die Anforderungen an die kommenden sportlichen Herausforderungen mit 1. Bundesliga und Champions League in der kommenden Saison nicht erfüllen: "Unsere U23-Jungs sind gut für die 2. Liga ausgebildet und sicher auch für einige Erstligisten interessant. Ob sie aber Champions League spielen können, wage ich zu bezweifeln."

Vorreiter Bayer Leverkusen

Rudi Völler
Vorreiter in Sachen U23-Abschaffung: Rudi Völler. Bildrechte: IMAGO

Wie RB Leipzig entschied sich 2014 auch Bayer Leverkusen für die Abmeldung seiner U23 aus rein sportlichen Gründen. Bei Bayer hatte es zwischen 2005 und 2014 kein U23-Spieler in die erste Mannschaft geschafft, weshalb der Verein einen Antrag auf die Regeländerung beim DFB stellte. Der damalige Bayer-Jugend-Trainer Sascha Lewandowski erklärte in der "Bild"-Zeitung, man wolle "sicherstellen, dass unsere Top-Talente schneller und besser für den Profifußball gefördert und integriert werden."

Hauptgrund für Abmeldung: Kein Geld

Mit dieser Herangehensweise sind Leipzig und Leverkusen im Profifußball dennoch die Ausnahme. Der Rückzug der zweiten Mannschaften folgt oft aus finanziellen Beweggründen. Je nach Spielklasse und Kadergröße kann eine U23-Saison schon einmal bis zu eine Million Euro kosten. Das ist zu teuer für viele Klubs. Ob Dresden, Aue, Chemnitz, Halle, Erfurt oder auch Eintracht Frankfurt - die Abmeldung der Reserveteams folgte mit Blick auf das Konto. Frankfurt setzt seither ganz auf den U19-Nachwuchs. Dresden oder Chemnitz lassen hoffnungsvolle Nachwuchsspieler und rekonvaleszente Profis in einer "Future League" spielen.

Jena: "Leisten uns ganz bewusst eine U23"

Jeaner Anhänger beim Auswärtsspiel in Leipzig
Jenaer Fans können auch weiterhin zu Spielen der zweiten Mannschaft fahren (Archiv). Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Eine mitteldeutsche Ausnahme ist neben dem 1. FC Magdeburg Regionalligist FC Carl Zeiss Jena. Auch die Thüringer halten an ihrer U23 fest. "Wir leisten uns ganz bewusst eine U23-Mannschaft", sagt FCC-Pressesprecher Andreas Trautmann: "Wir wollen den Sprung vom Nachwuchs zur ersten Mannschaft erleichtern. Zudem wollen wir Spielern nach einer Verletzung die Möglichkeit geben, im Wettkampf zu bleiben." Die Jenaer U23, die auf einen Kern von U21-Spielern setzt, spielt in der Oberliga, also derzeit nur eine Spielklassen unter den Profis. Doch auch schon hier scheint der Schritt zu groß. Nachwuchsspieler wie Tom Krahnert oder U23-Top-Torjäger Artur Mergel kommen in der Regionalliga nur sporadisch zu Einsätzen.

Palacios: Von Markranstädt über Mallorca in die Champions League?

Möglich, dass nach einem Drittliga-Aufstieg von Carl Zeiss in der kommenden Saison auch Spieler aus dem Leipziger Nachwuchs an den Kernbergen spielen. Mit Anthony Barylla, Alexander Siebeck und Fridolin Wagner sind bereits drei Kicker aus der U23 von RBL nach Zwickau und Karlsruhe in die 3. Liga gewechselt. Für alle Spieler, die RBL nicht verkaufen möchte, sieht der Plan von Sportdirektor Rangnick vor, sie in die 2. oder 3. Liga zu verleihen oder sie im Training an die Profis heranzuführen.

RB Leipzig - U23
RBL-Spieler Palacios im Duell mit Wolfsburgs Blaczykowski. Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Immerhin ein RBL-U23-Kicker hat es in der noch laufenden Saison sogar zu Erstliga-Einsätzen gebracht: Angreifer Federico Palacios Martinez durfte in Dortmund und gegen Wolfsburg für jeweils ein paar Minuten ran. Von Cheftrainer Ralph Hasenhüttl gibt es nun Signale, dass im nächsten Jahr weitere Minuten folgen könnten. "Wir haben den einen oder anderen auf dem Zettel, dass er im kommenden Jahr mit dabei ist. Federico Palacios ist da ein heißer Kandidat", erklärte der Österreicher. Vielleicht folgt ja für den 22-Jährigen auf das Party-Wochenende auf Mallorca eine Feierwoche mit Profivertrag.

Über dieses Thema berichtet "Sport im Osten" MDR FERNSEHEN | 20.05.2017 | ab 13.30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Mai 2017, 18:51 Uhr

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3 Kommentare

21.05.2017 20:11 MDR_Redaktion 3

@HardyF: Vielen Dank für die Anmerkung. Beim FCM wird die zweit Mannschaft weiterhin offiziell als U23 geführt. Daher wird dies hier im Artikal auch so benannt. Viele Grüße

21.05.2017 05:25 Mike 2

u23, eine teure mannschaft um verletzte profis spielpraxis zu geben. hat der fcm noch eine u23? nein, die zweite ist doch mehr ein freizeit team. kann mir nicht vorstellen das erfurt und co nicht auch eine zweite herrenmannschaft hat. wenn man noch in der stadtliga spielt sollten die kosten nixht so hoch sein. ausser bei erfurt und chemnitz, die müssen sparen.

20.05.2017 23:34 HardyF 1

Der 1. FC Magdeburg hat keine 2. Mannschaft mehr. im NOFV-Bereich sind dies Hertha BSC in der RL, Hansa Rostock und FC Carl Zeiss Jena in der OL.