Handball | Interview : Kretzschmar: "Deutscher Handball denkt zu kurzsichtig"
Stefan Kretzschmar ist aus der deutschen Handballszene kaum wegzudenken: Der frühere Nationalspieler ist für Sport1 als Handball-Experte aktiv und auch bei der Weltmeisterschaft in Spanien wird der gebürtige Leipziger die deutschen Spiele analysieren. An erster Stelle steht aber Zweitligist DHfK Leipzig: Dort ist Kretzschmar seit drei Jahren ehrenamtliches Aufsichtsratmitglied. Was er mit dem Verein anstrebt, wie es seiner Meinung nach mit der deutschen Nationalmannschaft weitergehen soll und was er dem DHB-Team bei der WM in Spanien zutraut, hat er im MDR-Interview verraten.
Stefan Kretzschmar ist so etwas wie das Aushängeschild des deutschen Handballsports: Bei Liga-Spielen analysiert er die Partien und auch bei der Handball-WM in Spanien wird er als Experte vor Ort sein.
Unangefochtene Nummer eins sei aber die Aufgabe beim Handball-Zweitligisten SC DHfK Leipzig, erklärte Kretzschmar im Interview mit dem MDR - auch wenn es dort momentan nicht so richtig laufe. Dafür sieht Kretzschmar mehrere Gründe: Zum einen sei der lange Ausfall von Thomas Oehlrich und Eric Jakob derzeit einfach nicht zu kompensieren. Darüber hinaus sei man in Jahr zwei nach dem Aufstieg nicht mehr der Überraschungsgegner. Zudem sei mit dem Umzug in die Leipziger Arena viel Atmosphäre verlorengegangen - auch wenn dieser Umzug dringend nötig gewesen sei, um langfristig das Ziel "Aufstieg in die erste Liga" zu schaffen. Und das kann für Kretzschmar gar nicht schnell genug gehen:
Man habe in Leipzig "keinen großen Mäzen, der hier das Geld reinhaut und mit dem man sofort wahnsinnig qualitativ hochwertige Spieler kaufen kann", so Kretzschmar weiter. Das Team entwickele sich Schritt für Schritt - das aber trotzdem relativ schnell. Wenn man die letzten drei Jahre Revue passieren lasse, sei da eine deutliche Entwicklung zu erkennen.
Deutsche Nationalmannschaft für Kretzschmar Sorgenkind
Eine deutliche Entwicklung, die Kretzschmar gar nicht gefällt, ist die in der deutschen Nationalmannschaft. "Wir laufen Gefahr, als Sportart ins Hintertreffen zu geraten", sprach Kretzschmar seine Besorgnis aus. So sei es nach dem Gewinn des WM-Titels 2007 verpasst worden, den Sport stärker zu bewerben. Ein konkretes Beispiel dafür sei der THW Kiel. Zu Null Meister geworden, Champions League-Sieger und deutscher Pokal-Gewinner - und bei der Sportlerwahl nur Platz fünf:
Da stelle sich natürlich die Frage, was da nicht stimme. Kretzschmars Fazit: Liga und Nationalmannschaft arbeiteten nicht ordentlich zusammen, zudem wachse der Druck der Vereine auf die Spieler. Das gehe so weit, dass viele Spieler sich aus der Nationalmannschaft zurückzögen, um fit für die Liga zu sein.
Der deutsche Handball sei reif für Veränderungen - nicht nur in Sachen DHB-Struktur. Auch beim Terminplan müsse sich etwas tun, um die Spieler zu entlasten.
Mit Blick auf die anstehende Weltmeisterschaft in Spanien zeigte sich Kretzschmar positiv: Mit ein bisschen Glück im Achtel- und Viertelfinale traue er der DHB-Auswahl das Erreichen des Halbfinales zu. Ein Muss sei es aber, die Vorrunde zu überstehen.
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