Interview "Über dem, was dort passiert ist, schwebt der Verdacht eines Staatsverbrechens"

Wolfgang Schorlau hat das Thema "NSU-Terror" in einem Kriminalroman verarbeitet, der kürzlich erschienen ist und den Titel "Die schützende Hand" trägt. MDR THÜRINGEN-Redakterin Michaela Schenk sprach mit dem Autoren über seine Arbeit an dem Buch.

Wolfgang Schorlau, in Ihrem neuen Krimi "Die schützende Hand" greifen Sie den NSU Komplex auf. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ich wurde von vielen Leserinnen und Lesern auf das Thema hingewiesen und ich bin ein bisschen darum herumgeschlichen, wie die Katze um den heißen Brei. Ich dachte, das ist zu groß für meinen Stuttgarter Ein-Mann-Ermittler. Aber dann war ich in Köln eingeladen zu einer Lesung anlässlich "Zehn Jahre Anschlag" auf die Keup-Strasse, die türkische Geschäftsstraße in Köln. Dort lernte ich einen Rechtsanwalt kennen, der mir unglaubliche Geschichten erzählt hat, die er persönlich an dem Anschlag-Tag erlebt hat. Das war der Ausschlags-Punkt.

Liegt es also auch daran, dass Sie unmittelbar davon berührt worden sind, durch Menschen, die auch konfrontiert worden sind, die den Anschlag miterleben mussten?

Es ist schon etwas Besonderes, wenn man an dem Anschlagort, der Keup-Strasse, liest. Ganz entscheidend war aber auch, dass ich Gelegenheit hatte, mit Thüringer Polizisten zu sprechen, die schon sehr lange gegen die rechte Szene in Thüringen ermittelt haben. Und die Geschichten dieser Beamten, wie ihre Arbeit erschwert wurde, wie Verfahren niedergeschlagen wurden, wie der Thüringer Verfassungsschutz in die Arbeit der Polizei hineinoperiert hat, das war auch ein weiterer Grund, dass ich gedacht habe, das ist doch ein Fall für meinen Georg Dengler.

Wer Ihre Dengler-Krimis kennt, weiß, dass dieser trinkfeste ehemalige BKA-Kommissar Dengler ja Fälle aufgreift, die ein paar Jahr zurückliegen. Nun ist der NSU eine Sache, die noch in der Akutphase der Aufarbeitung liegt. Was hat das für Ihre Aufarbeitung bedeutet?

Mir wurden so viele unglaubliche Geschichten zugetragen, dass ich mich entschlossen habe, diese in Form des Romans öffentlich zu machen.

Dabei war mir klar, dass ich ein hohes Risiko eingehe, weil dieser Fall ja gewisser Maßen noch lebt. Und wir stehen kurz vor der Aussage von Beate Zschäpe in München und man weiß gar nicht, welche Finten und Haken dieser Fall noch schlagen wird. Es gibt einen neuen Untersuchungsausschuss in Berlin, dem ich auch mit gewissen Erwartungen und Optimismus entgegensehe. Also, da kann noch sehr viel geschehen, aber das Entscheidende ist: Es sind noch so viele Fragen offen und auf einige dieser Fragen, die aber in der Öffentlichkeit noch gar nicht so im Fokus sind, auf die wollte ich mit dem Buch hinweisen.

Dabei muten Sie Ihren Lesern ja auch einiges zu…

Ja, das ist wahr.

Wie ist das abgeklärt worden, möglicherweise durch die Juristen Ihres Verlages, dass es trägt, auch Fotos vom ausgebrannten Camper am Tatort in Eisenach zu zeigen?

Der Verlag hat eine gewisse Routine darin, meine Texte sozusagen juristisch prüfen zu lassen. Das ist auch in diesem Fall geschehen. Aber das literarische Interesse überwiegt und in gewisser Weise auch das Allgemein-Interesse über solche Überlegungen. Aber wir sind auch der Auffassung, wir haben da nichts verbrochen.

Das spannende an Ihren Krimis ist immer die große Nähe zwischen Fiktion und Fakten. Die Frage ist für mich, die Fakten, die Sie eingebracht haben, die entwickeln sich plausibel. Am Ende steht ein neuer 4. November 2011 in Eisenach.  Aber wie belastbar ist das, was Sie da in der Fiktion entwickeln?

Ich bemühe mich, dass die Fakten, die für meine Figur in meinem Dengler-Roman sozusagen entwickelt werden, stimmen. Da glaube ich, doch sehr sorgfältig zu arbeiten. Das alles, was die Figuren damit machen, wie sie dort agieren, das ist natürlich erfunden. Das ist Fiktion. Und in einem Nachwort bemühe ich mich noch einmal sorgfältig zu trennen, wo die Tatsachen enden und wo die Fiktion beginnt.

Im Grund genommen habe ich versucht, eine Gesamterzählung dieses NSU-Komplexes zu unternehmen, denn es fällt doch schwer, aus den unterschiedlichen Veröffentlichungen, mal hier dies, mal jenes, sich doch ein Komplettbild zu machen. Und die andere noch zusammenhängende Erzählung, die es noch gibt, ist im Grund genommen die Klageschrift im Prozess gegen Beate Zschäpe, die Klageschrift der Bundesanwaltschaft. Und die halte ich in wesentlichen Punkten für falsch.

Soweit haben Sie sich mit Ihrer Arbeit noch nie aus dem Fenster gelehnt..

Das ist wahr…

Im Nachwort versuchen Sie noch einmal zu trennen, was ist Fiktion und was die Situation. Aber bei der Frage "Staatsverbrechen - Ja oder Nein", verschwimmt diese Kontur. Deshalb die Frage an Sie persönlich: Wie bewerten Sie den NSU-Komplex, die ganze Geschichte – Staatsverbrechen, Ja oder Nein?

Ich meine, was die Behörden gemacht haben, wie die in Thüringen die rechtsradikale Szene aufgeplustert haben, das halte ich für ein großes Verbrechen. Also der Einsatz der V-Leute, die Ausstattung der Szene mit finanziellen Mitteln, mit Sachmitteln, aber auch mit Organisation. Also das hat mir schon den Atem verschlagen. Das muss ich Ihnen wirklich sagen. Und über dem, was dort in Eisenach-Stregda passiert ist, über dem schwebt in der Tat der Verdacht eines Staatsverbrechens.

Wir kennen in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von Verschwörungstheorien. Fühlen Sie sich frei davon, dass Sie ja möglicherweise ungewollt denen Argumente geben, die diesen Verschwörungstheorien nahe sind?

Ich habe ein bisschen ein Problem mit dem Begriff Verschwörungstheorie. Weil dieser Begriff transportiert gewissermaßen die Behauptung, es gebe keine Verschwörung. Und da bin ich mir mittlerweile nicht mehr so sicher.  Ich lass' das auch eine Figur mal sagen: Wenn eine Theorie alle Widersprüche stimmig erklärt, dann ist sie valide. Tut sie das nicht, ist sie falsch. So würde ich die Sache sehen. Ansonsten bemühe ich mich wirklich -  und das glaube ich merkt man dem Buch auch an -  die Tatsachen sprechen zu lassen.

Die Kanzlerin hat vor etwa drei Jahren den Aufklärungswillen postuliert. Wie werten Sie den auch im Rückblick auf die zurückliegenden Jahre?

Der Aufklärungswille ist bei den Behörden nicht so besonders groß entwickelt für mein Dafürhalten. Beim ersten Bundestagsuntersuchungsausschuss haben die Behörden ja enorm gemauert. Insbesondere bei den Inlandgeheimdiensten gibt es ja die seltsame Krankheit, die offensichtlich das Gedächtnis angreift. Akten kamen im großen Umfang gar nicht oder geschwärzt an. Und das ist, glaube ich, noch ein Riesen-Problem: Dass im Augenblick, um den Fall herum, auch ein Machtkampf stattfindet zwischen der Exekutiven und der Legislativen. Es gibt sehr aktive Untersuchungsausschüsse, der in Thüringen ist sicher ein sehr gutes, positives Beispiel. Aber insgesamt ist dieser Machtkampf zwischen Exekutive und Legislative noch nicht entschieden. Wir sind mittendrin. Ich war mal auf einer Veranstaltung in Weimar und auf dem Podium saß die CDU-Politikerin Frau Dr. John (NSU-Opferbeauftragte der Bundesregierung - d.Red.), und die erklärte, dass die politischen Eliten die fachlichen Eliten nicht mehr kontrollieren – oder nicht mehr kontrollieren können. Und das hat mich sehr, sehr nachdenklich gemacht.

Das kommt ja schon fast einer Bankrotterklärung gleich.

So habe ich das auch empfunden.

Ihr Buch ist seit einigen Tagen auf dem Markt. Haben Sie schon Reaktionen auch von denen, die bei der Aufklärung an Rädern drehen?

Ich habe Kontakt zu einigen Mitgliedern in Untersuchungsausschüssen, die kennen mich, die kennen auch das Buch. Es gab auch ein paar Gespräche im Vorfeld. Was das Buch leisten kann ist, dass es ein bisschen einem größeren Publikum die immer noch offenen Widersprüche in diesem NSU-Komplex darlegt. Das ist vielleicht die Aufgabe, die dieses Buch auch hat.

Der Charme ist ja, dass Sie die einfachen Fragen rausschälen, die eigentlich auch einfache Antworten provozieren. Sie haben die bevorstehende Aussage von Frau Zschäpe schon angesprochen. Haben Sie da persönliche Erwartungen?

Ich bin wahnsinnig neugierig, was sie zu sagen hat. Denn sie weiß natürlich eine ganze Menge. Ihre bisherige Verteidigungsstrategie habe ich nie verstanden. Denn es ist ja klar, über ihrem Haupt schwebt sozusagen ein Urteil, das lauten kann, lebenslänglich und anschließende Sicherungsverwahrung. Und sinnvoller wäre es ja tatsächlich zu reden, um die Sicherheitsverwahrung weg zu bekommen und um jedes Jahr weniger zu kämpfen.

Ein erfahrener Kriminalpolizist hat mir mal erklärt, wenn ein Angeklagter vor Gericht schweigt, hat das meistens einen von drei Gründen: Der erste Grund ist, man schützt eine geliebte Person, meistens ein Kind, vielleicht einen Liebhaber, aber eher ein Kind. Zweitens: Der oder die Angeklagte fürchtet sich vor etwas mehr, als das Gericht als Strafe verhängen kann; und Drittens – es gibt einen Deal im Hintergrund. Das sind die drei Gründe und wenn man unter dem Gesichtspunkt auch den Auftritt und die Verteidigungsstrategie von Zschäpe in München sich noch einmal überlegt, dann ist das vielleicht auch ganz aufschlussreich.

In Baden-Württemberg steht jetzt schon fest, es soll einen zweiten Untersuchungsausschuss geben, so wie in Thüringen schon ein Gremium weiter arbeitet. Baden-Württemberg ist ihre Heimat. Ist das zu nah für Sie und eine literarische Auseinandersetzung? Oder ganz konkret: Wird es eine Fortsetzung "NSU Komplex" geben?

Im Augenblick beschäftigte ich mich damit nicht, weil ich auf einer umfangreichen Lesungen-Reise bin. Aber ich habe das im Blick und beobachte sehr genau, was da passiert. In Baden-Württemberg, Stichwort Ku-Klux-Klan-Mitgliedschaft einer größeren Anzahl von Polizisten, das seltsame Ableben von Zeugen in Baden-Württemberg - da liegt natürlich wahnsinnig was im Argen.

Aber Thüringen war deshalb interessant, weil man fast den Eindruck hatte, die Dienste wollten da irgendein Experiment machen.  Ich weiß nicht was, aber irgendwas haben die da ausprobiert.

Lesung Wolfgang Schorlau 26.01.2016
Deutsches Nationaltheater
Theaterplatz 2 · 99423 Weimar

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2015, 16:51 Uhr