NSU-Prozess in München Beate Zschäpe erklärt ihr Schweigen

Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe hat sich am Dienstag überraschend an das Gericht gewandt. Dabei versuchte sie ihr bisheriges distanziertes und weitgehend emotionsloses Verhalten im NSU-Prozess zu erklären. Von ihrem Verteidiger Mathias Grasel ließ Zschäpe in einer mehrseitigen Erklärung vortragen, dass sie sich so verhalten habe, um nicht psychisch zusammenzubrechen.

Als Beispiel nannte die Angeklagte im NSU-Prozess den Appell der Mutter des NSU-Mordopfers Halit Yozgat "von Frau zu Frau". Auch die Bekennervideos im Gerichtssaal mit den Bildern von Mordopfern und die Schilderung der rassistischen Motive des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) hätten sie erschreckt. Sie habe die Taten ihrer beiden langjährigen Untergrund-Kameraden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt damit nicht länger verdrängen können, so die 42-Jährige.

Außerdem hätten ihre Altverteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm sie angewiesen, zu schweigen und möglichst wenige Regungen zu zeigen. Sie sei jedoch von vielen Zeugenaussagen, insbesondere von Angehörigen der NSU-Opfer, erschüttert gewesen. Ihr Bedauern über die Taten des NSU und ihre Distanzierung von der rechten Szene seien ernst gemeint, hieß es.

Kühle Reaktion von Nebenklage-Anwalt

Nebenklage Anwalt Sebastian Scharmer, der Angehörige des Dortmunder NSU-Opfers Mehmet Kubaşık vertritt, zeigte sich von Zschäpes Aussagen wenig beeindruckt: "Es fiel mir schwer bei dieser Erklärung im Raum zu bleiben, weil sie gesagt hat sie würde ehrlich bedauern, aber trotzdem weiter keine Frage beantworten, das solle man ihr nicht übel nehmen. Das halte ich für ziemlich daneben, ich halte das für taktisch und es wird wahrscheinlich nicht verhindern, dass sie verurteilt wird.“ Auch Nebenklage-Anwalt Bernd Behnke sprach von einer "reinen Schutzbehauptung".

Erklärung unmittelbar vor Verkündigung des Gutachtens

Zschäpes Verteidiger verlas die Erklärung unmittelbar vor dem ursprünglich für Dienstag angesetzten Vortrag des Sachverständigen Henning Saß. Von dessen forensisch-psychiatrischen Gutachten zu Zschäpe hängt es maßgeblich ab, ob die Angeklagte irgendwann wieder frei kommt oder ob sie bis ans Lebensende in Haft bleibt, der sogenannten Sicherungsverwahrung, die sich an eine verbüßte Haftstrafe anschließt. Bereits am letzten Prozesstag des vergangenen Jahres waren offenbar Ergebnisse aus dem Gutachten durchgesickert. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete, gebe es laut Gutachter Saß bei Zschäpe keine Hinweise auf Schuldunfähigkeit oder verminderte Schuldfähigkeit. Wann er das Gutachten abgibt, ist unklar, da am Mittwoch nun zunächst die Prozessbeteiligten zu Zschäpes Erklärung Stellung nehmen.

NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München NSU
NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München Bildrechte: dpa

Zschäpes Verteidiger versuchen schon länger, die Fachkompetenz dieses Sachverständigen in Zweifel zu ziehen und seine Aussage im NSU-Prozess zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Das Gutachten von Saß hatte sich bereits vor Weihnachten wegen verschiedener Anträge verzögert. Nach der Stellungnahme am Dienstag beendete das Gericht den Verhandlungstag. Die anderen Prozessbeteiligten sollten Reaktionen auf die Erklärung von Zschäpe vorbereiten können.

Die Befragung des psychiatrischen Gutachters steht in Prozessen am Ende der Beweisaufnahme, die im NSU-Prozess voraussichtlich im Januar oder Februar geschlossen wird. Nach knapp vier Jahren würden dann nach den Plädoyers die Urteile im Mammutverfahren gesprochen. Zschäpe hatte fast 14 Jahre mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund gelebt. Während dieser Zeit sollen die beiden Männer zehn Morde aus überwiegend rassistischen Motiven und zwei Sprengstoffanschläge verübt haben. Zschäpe ist im NSU-Prozess wegen Mittäterschaft angeklagt. Sie selbst streitet die Tatvorwürfe ab.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN JOURNAL | 10.01.2017 | 19:00 Uhr Dieses Thema im Programm:
MDR THÜRINGEN - das Radio | Fazit | 10.01.2017 | ab 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2017, 20:01 Uhr