Erfurt-Halle/Leipzig So läuft die Fahrt auf der neuen Bahnstrecke

Am 13. Dezember nimmt die Bahn die neue Strecke von Erfurt nach Halle/Leipzig in Betrieb. Noch unternehmen ICE-Züge nur Testfahrten - jetzt durften Journalisten dabei sein. Ein Fahrvergnügen? Fragen und Antworten.

von Sebastian Großert

Wie ist das Fahrgefühl?

Schaukeln, Rattern, Stöße - all das gehört auf der neu gebauten Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn zwischen Erfurt und Halle/Leipzig der Vergangenheit an. Der Reisende hat das Gefühl, dass es immer nur geradeaus geht. Grund dafür ist die aufwändige Trassierung der Strecke mit Talbrücken, drei Tunneln, Einschnitten und Dämmen. Außerdem ähnelt die Strecke eher einer Autobahn als einer Bahntrasse: Die Schienen sind auf tausenden Betonplatten montiert statt auf Schwellen, die in einem Schotterbett liegen. Auf dieser "Festen Fahrbahn" liegt das Gleis felsenfest - entsprechend ruhig und gleichmäßig rollen die Züge selbst bei hohem Tempo darüber.

Wie schnell fahren die Züge?

Die Strecke ist zwischen Erfurt-Vieselbach und Gröbers bei Halle auf dem Leipziger Abschnitt für eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h ausgelegt. Zwischen Gröbers und Leipzig-Messe sind 250 km/h möglich, der Abzweig nach Halle kann mit bis zu 160 km/h befahren werden. Nur kurz vor der Einfahrt in die Bahnhöfe in Halle, Leipzig und Erfurt müssen die Züge deutlich langsamer fahren.

Zunächst werden die ICEs jedoch nur maximal 230 km/h schnell unterwegs sein. Der Grund: Die Bahn setzt auf der neuen Strecke nur einen einzigen ICE-Typ ein - den maximal 230 km/h schnellen Neigetechnikzug ICE-T. Die 70 Züge dieser Baureihe sind als einzige bei der Bahn mit dem neuen Zugsicherungssystem ETCS ausgestattet, das auf der neuen Strecke erstmals in Deutschland zum Einsatz kommt. Der Sprecher des Bauprojekts, Frank Kniestedt, sagt: Die Bahn will die Strecke später ausreizen, wenn schnellere Züge in ihrem Bestand ebenfalls mit ETCS ausgerüstet worden sind.

Wer fährt den Zug?

Auch die Züge auf der neuen Strecke werden von einem Lokführer gefahren - doch dessen Handeln wird noch stärker als bisher üblich von der Technik bestimmt. "Der Lokführer darf genau das, was das ETCS ihm vorschreibt", sagt Olaf Drescher, der Leiter des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit 8, das den Ausbau und Neubau der Bahntrasse von Nürnberg nach Berlin umfasst. Der Lokführer beschleunige und bremse, wenn er die Anweisungen des Systems aber ignoriere, greife die Technik ein. So veranlasste das System bei der Probefahrt mit Journalisten zum Test eine Schnellbremsung - ohne dass der Lokführer vorgewarnt war. "Der Weg von der heutigen zur automatischen Betriebsführung ist mit diesem System gering", sagt lakonisch Projektleiter Drescher.

Gibt es auch Güterverkehr?

Die Trasse ist für Personen- und für Güterzüge konzipiert - zunächst werden auf der Strecke aber ausschließlich Personenzüge verkehren. Frachtzüge sollen laut Projektleiter Drescher ab 2017 vor allem nachts auf der schnellen Trasse unterwegs sein. Die Bahn plane mit 80 Zügen pro Tag und Richtung und verhandelt darüber im Moment mit ihrer Frachttochter Schenker Rail und Drittanbietern. Damit die langsameren Güterzüge die ICEs nicht behindern, wurden vier Überholbahnhöfe errichtet.

Was gibt es zu vor dem Fenster zu sehen?

Verglichen mit der bisherigen Strecke durch das Saaletal erlebt der Reisende auf der Neubaustrecke herzlich wenig. Ortsdurchfahrten gibt es nicht mehr, die drei Tunnel bieten nur nackten Beton. Spannend sind allenfalls die Vorbeifahrt am Flughafen Leipzig/Halle auf der Leipziger Strecke und die langen Brückenüberfahrten, die einen weiten Blick ins Land zulassen.

Wie ist der Handy-Empfang?

"Endlich Zeit, Mails zu checken statt Verkehrsmeldungen", wirbt die Bahn - in der Realität ist der Handyempfang auf der neuen Strecke auch nicht besser als auf anderen Bahnstrecken. "Telefonieren wird auf der ganzen Strecke möglich sein", verspricht die Bahn. Schnelles mobiles Internet via Smartphone oder Tablet ist nur stellenweise verfügbar, zwischen den LTE-Bereichen ist immer mal wieder "EDGE-Land", also Gegenden, in denen das Laden einer Internetseite quälend lange dauert. Am besten dürfte Surfen auf der Strecke noch mit dem bahneigenen WLAN-Netz "Telekom_ICE" funktionieren. Wermutstropfen: Noch kommen nur 1.-Klasse-Reisende in den Genuss, dieses WLAN kostenlos nutzen zu können. In der 2. Klasse ist es noch kostenpflichtig - erst im Laufe des Jahres 2016 soll sich das ändern.

Was passiert im Notfall?

Feuerwehr und Rettungsdienst entlang der Strecke haben sich seit langem darauf vorbereitet, im Fall der Fälle bereit zu sein. Tunnel und lange Brücken sind mit Rettungsfahrzeugen befahrbar, damit die Retter an einen möglichen Unglücksort gelangen. Die Feuerwehren haben die Anfahrt zur Strecke geprobt, mehrere große Übungen absolviert - außerdem hat die Bahn ihnen Ausrüstung zur Verfügung gestellt.

Ist die Strecke schon "abgenommen"?

Wegen einer neuartigen Bauweise der "Festen Fahrbahn" hatte das Eisenbahnbundesamt die Zulassung zunächst verweigert: Der Behörde fehlte der Nachweis, dass die Gleisplatten auch auf den Brücken sicher genug arretiert sind. Die Bahn und der Lieferant der Gleisplatten, die österreichische Firma Porr, haben deswegen nachgearbeitet: Auf den Brücken wurden die Gleisplatten mit seitlichen Betonteilen zusätzlich stabilisiert. Die Kosten beliefen sich nach Bahnangaben auf rund eine Million Euro; getragen worden seien sie von Porr.


Nachtrag vom 2. Dezember: Eine unabhängige Prüfstelle hat für die nachgebesserte feste Fahrbahn auf Brücken grünes Licht. Zwar steht die Genehmigung durch das Eisenbahnbundesamt noch aus. Das Amt hatte aber im Vorfeld erklärt, das Votum der Prüfstelle zu akzeptieren. Die Bahn erwartet die Genehmigung des Bundesamts in den kommenden Tagen.

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2015, 08:27 Uhr