MDR-Thementag

Energiewende : Regierung beschließt Atomausstiegsgesetz

Die Bundesregierung hat das Atomstrom-Ausstiegsgesetz beschlossen: 2022 soll der letzte Atommeiler vom Netz. Die SPD will zustimmen, die Linke lehnt ab, die Grünen überlegen noch. Aber selbst in der Unionsfraktion gab es keine einhellige Unterstützung.

Die Bundesregierung hat die Kehrtwende in der Atompolitik vollzogen. Nur ein halbes Jahr nach dem Beschluss zur Laufzeitverlängerung billigte das Kabinett nun den stufenweisen Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022. Der Gesetzesentwurf soll am Donnerstag im Bundestag zur ersten Lesung und am 8. Juli dem Bundesrat vorgelegt werden.

Die letzten drei AKW sollen bis 2022 laufen

Die sieben ältesten AKWs und der Pannenreaktor Krümmel sollen abgeschaltet werden, die restlichen neun gehen zeitlich gestaffelt vom Netz. Vorgesehen ist außerdem, einen der Atommeiler, die nicht mehr ans Netz sollen, möglicherweise bis 2013 noch in Bereitschaft zu halten - für den Fall von Stromengpässen im Winter. Die mit der Laufzeitverlängerung beschlossene Kernbrennstoffsteuer für die Betreiber soll erhalten bleiben.

Parallel zur Abschaltung soll der Anteil erneuerbarer Energien ausgebaut werden: Bis 2020 auf mindestens 35 Prozent und bis 2050 auf 80 Prozent. Planungsvorgaben zum Netzausbau sollen nach dem Willen der Regierung beschleunigt werden. Verkehrsminister Peter Ramsauer kündigte ein Gebäudesanierungsprogramm an, nachdem ab 2012 jährlich 1,5 Milliarden Euro bereitgestellt werden sollen.

Kritik aus den eigenen Reihen

In der Unionsfraktion wurde aber auch Unbehagen mit der Energiewende deutlich. Nach Angaben des Fraktionschefs Volker Kauder stimmten acht der 237 möglichen Abgeordneten gegen die Gesetzespläne. Weitere acht enthielten sich. Der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach sagte, das sei für die Union nicht einfach. Die Partei müsse schon sehr genau erklären, warum sie die Wende mache.

Sachsens FDP-Chef Torsten Herbst sagte MDR INFO, keiner der Experten könne derzeit etwas über die Entwicklung der Energiepreise sagen. Unklarheit herrsche auch bei den technologischen Möglichkeiten, die erneuerbaren Energien zu speichern. Das sei aber die Voraussetzung für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung.

SPD signalisiert Zustimmung

Um im Bundesrat die erforderliche Mehrheit für das Vorhaben zu erreichen, muss die Opposition mit ins Boot. Die SPD signalisierte bereits Zustimmung. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sagte in der ARD, ein Konsens über den Atomausstieg in Deutschland sei möglich. Voraussetzung sei auch der jetzt von der Regierung geplante stufenweise Ausstieg aus der Atomenergie.

Grüne halten sich zurück, Linke dagegen

Die Grünen hielten sich mit einer Bewertung zurück. Sie wollen am 25. Juni auf einem Parteitag entscheiden, ob sie dem Gesetz zustimmen. Die Linke kritisierte, dass der Atomausstieg erst 2022 vollständig beendet würde. Das sei mit der Linken nicht zu machen, sagte Parteichef Klaus Ernst. Fraktionschef Gregor Gysi kritisierte, niemand stelle die soziale Frage. Er sprach sich zugleich für einen Sozialtarif für Geringverdiener aus. Schon jetzt hätten viele Hartz-IV-Empfänger fast doppelt so hohe Stromkosten wie in der Grundsicherung vorgesehen.

Röttgen: AKW-Betreiber können Strommengen übertragen

Bundesumweltminister Norbert Röttgen erklärte nach dem Regierungsbeschluss, er sei davon überzeugt, dass das neue Atomgesetz ein zentrales Innovations- und Modernisierungsgesetz werde. Es handle sich um einen Ausstieg ohne Vorbehalt und ohne Revision. Wie Röttgen erläuterte, können die AKW-Betreiber Strommengen von den stillgelegten AKWs auf laufende übertragen.

BDI für Atomausstieg und neue Klimaziele

Auch die Industrie unterstützt einen schnelleren Atomausstieg. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, sagte im Deutschlandfunk, der Ausstieg aus der Nutzung der Kernkraft sei offensichtlich gesellschaftlicher Konsens. Die Diskussion um die Frage des Risikos sei damit beendet. Allerdings sei es nicht möglich, in den nächsten drei bis vier Jahren die Grundlast aus Windkraft und Sonnenenergie zu produzieren. Stattdessen müssten mehr Gas- und Kohlekraftwerke eingesetzt werden, was mehr CO2-Ausstoß bedeute.

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2011, 20:45 Uhr

Ausstiegsplan der Koalition

Acht Atommeiler, die derzeit ohnehin nicht am Netz sind, werden nicht mehr hochgefahren.

2015 folgt dann Grafenrheinfeld in Bayern

2017 Gundremmingen B in Bayern

2019 Philippsburg II in Baden-Württemberg

2021 Grohnde in Niedersachsen, Brokdorf in Schleswig-Holstein und Gundremmingen C in Bayern

2022 Isar II in Bayern, Neckarwestheim II in Baden-Württemberg und Emsland in Niedersachsen.

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