MDR-Thementag

Chancen und Risiken der Energiewende : Die Strom-Revolution

Nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im März 2011 hat kaum ein anderes Land so radikal reagiert wie Deutschland. Angesichts des öffentlichen Drucks wurden ältere Atommeiler sofort vom Netz genommen. Im Sommer 2011 beschloss der Bundestag den Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2022. Diese schnelle Energiewende ist eine Herausforderung - technologisch und finanziell.

Das Kernkraftwerk Brokdorf mit einer Photovoltaikanlage im Vordergrund
Photovoltaikanlage und Windrad vor dem AKW Brokdorf.

Atomkraftwerke haben noch vor kurzem mehr als ein Fünftel des deutschen Stroms geliefert. Binnen zehn Jahren sollen sie abgeschaltet werden. 2011 kam erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als aus Atommeilern. Der Anteil von Windkraft, Biomasse, Wasser und Photovoltaik stieg auf 20 Prozent an. Mehr als die Hälfte des Stroms stammt weiter aus den fossilen Energieträgern Braun- und  Steinkohle sowie Erdgas. Vor allem regenerative Energien sollen künftig die schwindende Atomkraft ersetzen. Geregelt wird die Energiewende über das Erneuerbare Energien Gesetz EEG.

Wind, Sonne, Wasser marsch

Stromerzeugung in Deutschland
Stromerzeugung in Deutschland 2011

Der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland soll bis 2020 auf mindestens 35 Prozent steigen, bis 2050 schrittweise auf 80 Prozent. Parallel sollen alte Kohlekraftwerke durch moderne Kohle- und Gaskraftanlagen und effiziente Kraft-Wärme-Kopplung ersetzt werden. Dabei setzen vor allem Sachsen und Sachsen-Anhalt weiter auf Braunkohle als preiswerten Brennstoff. Weiterer Schwerpunkt der Energiewende ist die Senkung des Energieverbrauchs. Bis 2014 will die Bundesregierung jährlich 1,5 Milliarden Euro für die energetische Gebäudesanierung bereitstellen. Dämmung und Modernisierung sollen steuerlich gefördert werden. Doch bislang blockiert der Bundesrat das geplante Gesetz.

Die Energiewende birgt zugleich Chancen und Risiken. In vielen Bereichen der alternativen Energien sind deutsche Unternehmen Vorreiter. Ende 2010 waren etwa 367.000 Menschen in der Branche beschäftigt. Andererseits bringt der Abschied von der billigen Atomkraft steigende Strompreise mit sich.   

Bildergalerie: Regenerative Energien

Biogasanlage in Reichenbach im Vogtland Windräder einer Anlage bei Magdeburg Windpark Baltic 1 in der Ostsee

Die Tücken der Energiewende

Ein großes Problem der Energiewende ist, dass Wind und Sonne nicht gleichmäßig Strom liefern. Bei Spitzenlast müssen Kohle- und Gaskraftwerke Engpässe ausgleichen, um eine stabile Versorgung zu gewährleisten. Stromspeicher und eine dezentrale Stromversorgung sollen Abhilfe schaffen. Ein weiteres Problem: Strom aus Windparks im Norden muss zu den Ballungszentren im Süden transportiert werden. Dafür muss das deutsche Stromnetz ausgebaut und angepasst werden. Die Energiekonzerne und Netzbetreiber rechnen mit Milliardenkosten - und höheren Strompreisen. Experten warnen vor einer zu starken Belastung von Wirtschaft und Verbrauchern.

Außerdem hat die hohe Einspeisevergütung - d.h. der garantierte Abnahmepreis für Solarstrom - zu Mitnahmeeffekten geführt und treibt die Stromtarife in die Höhe. Eine Senkung der Förderung ist beschlossene Sache. Doch davon sieht sich die deutsche Solarbranche bedroht, die ohnehin unter der Billigkonkurrenz in Fernost leidet. Ungelöst ist auch weiter die Frage, wo deutscher Atommüll entsorgt werden soll. Bund und Länder suchen nach einer geeigneten Endlagerstätte. Doch auch für die Altlasten werden hohe Summen veranschlagt - etwa für die Sanierung der Deponie Asse.

Strompreisentwicklung
Strompreisentwicklung in Deutschland

Ein Jahrhundert-Thema

Die Energiewende ist eine hochkomplexe Herausforderung für die gesamte Gesellschaft - für die nächsten Jahrzehnte. Dabei stehen strategische Entscheidungen an, wie trotz Schuldenkrise die milliardenschweren Investitionen in regenerative Energien und dezentrale Netzstrukturen, in Energiesparprogramme sowie der Wechsel hin zur E-Mobilität geschultert werden können. Trotz des Umbruchs muss jederzeit eine stabile Energieversorgung gewährleistet sein, soll die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig bleiben und Strom für die Bürger bezahlbar. Außerdem verfolgen Stromkonzerne und Netzbetreiber ihre eigenen Interessen, aber auch die mitteldeutsche Solarbranche, die Braunkohlewirtschaft und die politischen Akteure. Angesichts dieser Komplexität werden die Rufe nach einem Bundes-Energieministerium immer lauter - auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff sprach sich im MDR-Interview dafür aus.

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2012, 19:21 Uhr

Durchschnittliche Kosten der Stromerzeugung (2011)

Braunkohle - 2,40 Cent/kWh
Atomstrom - 2,65 Cent/kWh
Wasserkraft - 4,3 Cent/kWh
Erdgas - 4,9 Cent/kWh
Windkraft - 9 Cent/kWh
Photovoltaik/Freilandanlagen - 15 Cent/kWh

(Quelle: CDU-Sachsen)

Kosten für Strom nach der Formel Erzeugungspreis + Subvention + externe Kosten

Wasserkraft - 6,5 Cent/kWh
Windkraft - 7,6 Cent/kWh
Braun-/Steinkohle - 12,1 Cent/kWh
Atomstrom - 12,8 Cent/kWh
Photovoltaik, je nach Anlage - 24,4 Cent/kWh

(Quelle: Grüne, 2011)

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