Thüringer Arbeitsmarkt Tausende mit Behinderung auf Jobsuche

Etwa 940 Firmen in Thüringen zahlen nach Angaben der Landesarbeitsagentur lieber eine Ausgleichsabgabe, als einen schwerbehinderten Menschen einzustellen. Deshalb fehlten mehr als 5.000 Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap, sagte der Geschäftsführer der Landesarbeitsagentur, Kay Senius, am Donnerstag. Für manche Schwerbehinderte, die oft trotz guter Ausbildung länger als ein Jahr ohne Job sind, sei der Arbeitsmarkt fast verschlossen. Das solle nicht länger hingenommen werden.

UN-Behindertenrechtskonvention Ramelow: "Die Unterschiede wertschätzen lernen"

Vor genau zehn Jahren brachten die Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention auf den Weg. Bei einem Aktionstag im MDR LANDESFUNKHAUS rief Ministerpräsident Ramelow daher zum Abbau von Ängsten und Barrieren auf.

Eine Gebärdendolmetscherin sitzt auf einem Stuhl dem Publikum bei einer Veranstaltung zum Thema 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention im Foyer des MDR-Landesfunkhauses Thüringen gegenüber und gestikuliert, im Hintergrund ist der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow in der ersten Stuhlreihe erkennbar
Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt für Gehörlose: Anlässlich der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention vor zehn Jahren haben sich am Donnerstag zahlreiche Menschen mit und ohne Handicap im MDR LANDESFUNKHAUS in Thüringen getroffen. Ein Thema des Aktionstages: Wie lässt sich die Teilhabe im Alltag noch weiter verbessern? Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Eine Gebärdendolmetscherin sitzt auf einem Stuhl dem Publikum bei einer Veranstaltung zum Thema 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention im Foyer des MDR-Landesfunkhauses Thüringen gegenüber und gestikuliert, im Hintergrund ist der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow in der ersten Stuhlreihe erkennbar
Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt für Gehörlose: Anlässlich der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention vor zehn Jahren haben sich am Donnerstag zahlreiche Menschen mit und ohne Handicap im MDR LANDESFUNKHAUS in Thüringen getroffen. Ein Thema des Aktionstages: Wie lässt sich die Teilhabe im Alltag noch weiter verbessern? Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Der Direktor des MDR-Landesfunkhauses Thüringen, Boris Lochthofen, der Beauftragte für Menschen mit Behinderungen des Freistaats Thüringen, Joachim Leibiger, und der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow posieren nebeneinander stehend auf einem roten Teppich im Foyer des MDR-Landesfunkhauses Thüringen für ein Foto
Eingeladen hatten der Behindertenbeauftragte der Landesregierung, Joachim Leibiger (Mitte), sowie LANDESFUNKHAUS-Direktor Boris Lochthofen (links). Ministerpräsident Bodo Ramelow (rechts) ermunterte die Zuhörer in seiner Rede, gemeinsam Berührungsängste und Barrieren abzubauen. Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Dutzende Besucher mit und ohne Rollstühle sitzen im Publikum bei einer Veranstaltung zum Thema 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention im Foyer des MDR-Landesfunkhauses Thüringen und lauschen einem Redner
"Eine bunte Gesellschaft gelingt nur, wenn wir uns in unserer Unterschiedlichkeit wertschätzen", sagte der Ministerpräsident in seiner Ansprache. Jeder Mensch habe Talente, und alle seien eine Bereicherung für die Gesellschaft. Als eine der größten, aktuellen Herausforderungen nannte Ramelow die Inklusion in den Schulen. Die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft ist eines der Ziele, die die Konvention der Vereinten Nationen aufzählt. Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow steht hinter einem Rednerpult und spricht vor einem Publikum im MDR-Landesfunkhaus Thüringen anlässlich der Veranstaltung zum Thema 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention
Im Alltag gebe es genug Beispiele, wie Menschen mit Behinderung das Leben erschwert wird. So berichtete Ramelow von Autofahrern, die mancherorts auf dem Gehsteig parken - und so Rollstuhlfahrern oder Eltern mit Kinderwagen den Weg versperren. "Diese Arroganz und Rücksichtslosigkeit hat mit Geld nichts zu tun, sondern mit einer bestimmten Haltung", kritisierte der Linke-Politiker. Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Die Moderatorin der Veranstaltung zum Thema 10 Jahre UN-Behindertenrechtskonvention im Foyer des MDR-Landesfunkhauses Thüringen, Brigitte Schramm, steht neben dem Beauftragten für Menschen mit Behinderungen des Freistaats Thüringen, Joachim Leibiger, sowie Richard Hahnemann vom Landesbehindertenbeirat und liest mit einem Mikrofon in der Hand von einem Zettel eine Laudatio für Hahnemann ab
Doch abgesehen von kritischen gab es auch lobende Töne: Richard Hahnemann (rechts) setzt sich seit 60 Jahren für die Teilhabe und Rechte von Menschen mit Behinderungen ein. Zuletzt hatte sich der 80-Jährige im Landesbehindertenbeirat engagiert. Moderatorin Brigitte Schramm las die Laudatio für Hahnemann. Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
Richard Hahnemann vom Landesbehindertenbeirat nimmt anlässlich seiner Ehrung für 60 Jahre aktive politische Arbeit für Menschen mit Behinderungen eine getöpferte, in Folie eingewickelte Vase mit einem Relief entgegen
Hahnemann vertritt mit seiner politischen Arbeit Menschen, deren Sinne beeinträchtigt sind - er selbst ist sehbehindert. Der Begriff "behindert" ist jedoch nach Ansicht vieler gar nicht mehr zeitgemäß: So heißt es in der UN-Konvention, dass "dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht". Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner
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Licht und Schatten bei der Beschäftigung Behinderter lägen in Thüringen dicht beieinander, sagte Senius. Er räumte ein, dass es nach wie vor Berührungsängste und Vorurteile gebe. Diesen wollten die Arbeitsagenturen unter anderem mit der derzeit laufenden Kampagne "Wer integriert, der profitiert!" begegnen. So gebe es etwa 5.000 Kleinbetriebe, die Behinderte einstellten, ohne dazu gesetzlich verpflichtet zu sein. Als Beispiel nannte Senius die Erfurter SB Grünbau GmbH, die bei 17 Beschäftigten sechs schwerbehinderte Arbeitnehmer beschäftige. Deren Geschäftsführer Matthias Brauer berichtete von Praktika, die seine Firma anbiete. Danach werde über eine Festanstellung entschieden. "Wir halten niemanden hin." Wichtig sei die staatliche Förderung, aber auch die fachliche Unterstützung von Arbeitsagentur und Verbänden. Nach seiner Erfahrung seien behinderte Menschen sehr motiviert und loyal. Senius sagte, ihr Potenziel werde noch zu oft unterschätzt. Wenn das Arbeitsumfeld entsprechend organisiert werde, könnten auch sie in ihrem Bereich volle Leistung bringen.

Nach Zahlen der Landesarbeitsagentur sind derzeit in Thüringen 24.300 schwerbehinderte Arbeitnehmer beschäftigt. 6.200 sind arbeitslos, darunter mehr als 40 Prozent länger als seit einem Jahr.

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2016, 20:19 Uhr

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1 Kommentar

01.12.2016 19:05 guantche 1

Es waren bisher staatliche Institutionen, die mir als Schwerbehinderten, die Krüppel
zwischen die Beine geworfen haben. Lächerlich, wenn die Politik
so tut, als wenn sie sich jetzt kümmern will. Euch traue ich nicht
mehr.