Erfurt Haft- und Bewährungsstrafen nach Mafia-Schießerei

Im Prozess um eine Mafia-Schießerei in Erfurt hat das Landgericht Haft- und Bewährungsstrafen verhängt. Der Hauptangeklagte muss für vier Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Doch den Angeklagten droht bereits ein neues Verfahren. Es geht um die Schlägerei beim Abraham-Boxkampf.

von Ludwig Kendzia

Damit hatte an diesem späten Abend des 22. April dieses Jahres keiner gerechnet: Da stand nach zwölf Runden ein strahlender Arthur Abraham im Ring der Erfurter Messehalle, sein Trainer Ulli Wegner freute sich, dass sein Schützling den Gegner Robert Krasniqi nach Punkten geschlagen hatte. Und es hätte nach einem großen Sportevent friedlich zu Ende gehen können. Doch dann flogen plötzlich Stühle.

Männer gingen schreiend aufeinander los. Schwarz gekleidete Security-Mitarbeiter versuchten den Überblick zu behalten. Es brach eine 13. Kampf-Runde außerhalb des Boxrings an. Mittendrin der Berliner Profiboxer Karo Murat. Er war an diesem Abend Gast beim Kampf Abraham vs. Krasniqi.

Murat war plötzlich umringt von knapp einem Dutzend Männer. Einer von ihnen warf einen Stuhl nach ihm. Es flogen Fäuste und Flaschen. Erst nach Minuten hatte das Sicherheitspersonal die Lage wieder im Griff. Ergebnis: Murat blutete im Gesicht und musste genäht werden. So schnell die Schlägerei ausgebrochen war, so schnell waren die mutmaßlichen Angreifer wieder verschwunden.

Wüste Schlägerei

Doch nach Informationen von MDR THÜRINGEN sind inzwischen alle Tatverdächtigen identifiziert. Was für die Polizei nicht so schwierig war. Es waren genügend Fotografen und Kameraleute in der Messehalle vor Ort, die den Überfall dokumentierten. Beim Auswerten der Bilder stießen die Fahnder des Landeskriminalamtes auf "alte Bekannte". Denn alle Männer, die an der Schlägerei beteiligt waren, sind auch wegen der armenischen Mafia-Schießerei im Juni 2014 vor dem Landgericht Erfurt angeklagt worden.

Weil dies so ist, hat neben dem LKA auch die auf organisierte Kriminalität spezialisierte Staatsanwaltschaft Gera den Fall der Schlägerei an sich gezogen. Dabei gilt es vor allem zu klären, warum die mutmaßlichen armenischen Mafiamitglieder auf Murat, der selber armenisch stämmig ist, losgegangen waren. Sein Manager hatte noch am Abend nach der Schlägerei gesagt, dass die Angreifer Murat auf Armenisch angeschrien hätten. Doch für das LKA in Thüringen stellt sich die Frage: Gibt es eine Verbindung zwischen Murat und der armenischen Mafia-Gruppe aus Erfurt? Der zuständige Geraer Oberstaatsanwalt Thomas Riebel wollte sich gegenüber MDR THÜRINGEN zu den Einzelheiten der laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Landeskriminalamt ermittelt

Fakt ist, die Fahnder haben zwei Männer als Haupttäter bei dem Angriff auf Murat identifiziert. Bei beiden handelt es sich um mutmaßliche Bosse der armenischen Mafia-Gruppe in Erfurt. Sie sind, mit den neun anderen Männern, wegen der Schießerei vor der Erfurter Spielothek im Sommer 2014 angeklagt worden. Einer von ihnen gehört zu den sechs Angeklagten, gegen die das Verfahren im Oktober vergangenen Jahres gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt wurde. Der andere musste sich aber, mit noch vier Anderen, vor dem Landgericht verantworten und erhielt am Donnerstag sein Urteil: Für vier Jahre und drei Monate muss er nun ins Gefängnis. Für einen weiteren Haupttäter verhängte das Gericht eine Strafe von acht Monaten Haft. Die anderen drei Angeklagten erhielten Strafen zwischen neun und sieben Monaten auf Bewährung.

Schwieriges Verfahren

Seit Mai 2015 hatte das Landgericht Erfurt gegen die elf Männer verhandelt. Das Verfahren gestaltete sich zäh und schwierig. Die Verteidiger überzogen die Kammer immer wieder mit Befangenheitsanträgen. Es dauerte Wochen, bis der Staatsanwalt überhaupt die Anklage verlesen konnte. Dem Vorsitzenden Richter Markus von Hagen drohte zeitweise die komplette Verfahrensführung zu entgleiten. Hauptbeweisstück der Anklage ist ein Überwachungsvideo von den Kameras in der Spielothek. MDR THÜRINGEN hatte im November vergangen Jahres die Aufnahmen öffentlich gemacht. Zu sehen ist, wie sich in der Spielhalle knapp zwei Dutzend Männer treffen. Als die letzten beiden Männer dort ankommen, eskaliert die Situation innerhalb von Sekunden. Auf den Bildern der Außenkamera ist zu sehen, wie zwei Männer flüchten und ein Dutzend mit Pistolen bewaffnet auf sie feuert.

Mafiaboss war in Erfurt

Bis heute ist nicht genau ermittelt worden, was der Grund für die Schießerei war. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN waren Mitglieder einer armenischen Mafia-Gruppe aus Berlin und Leipzig nach Erfurt gereist. Unter ihnen war auch eine Mafia-Autorität. Karapeth M. gilt für die Fahnder als ein sogenannter "Dieb im Gesetz". Sie sind die obersten Bosse der großen russisch-eurasischen Mafiaclans. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes gibt es von ihnen knapp 600 weltweit. Die Tatsache, dass ein solcher Boss bei dem Meeting in Erfurt dabei war, deutet daraufhin, dass es um eine wichtige Angelegenheit ging.

Was genau, darüber rätseln die Ermittler noch immer. Genauso rätselhaft bleibt bisher das Motiv der Schlägerei nach dem Abraham-Boxkampf. Für den deutsch-armenischen Boxer Karo Murat ist die Sache noch glimpflich ausgegangen. Er musste genäht werden, aber kann am 1. Juli in Dresden gegen Dominic Bösel um den Europameister-Titel im Halbschwergewicht boxen. Dann fliegen die Fäuste im Ring.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: Radio | 01.06.2017 | 05:00 Uhr
THÜRINGEN JOURNAL | 01.06.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2017, 05:00 Uhr

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2 Kommentare

03.06.2017 12:31 Wolfgang Heß 2

Kein vernünftiger Mensch kann nachvollziehen, dass Kriminelle in diesem Land immer noch mit Samthandschuhen angefasst werden.

01.06.2017 15:39 4711 1

In deutschen Landen fühlen sich all Ganoven dieser Welt sicher u. Behütet, Dank einer rücksichtsvollen Jutiz u.Politik!

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