Bundestagswahl 2017 Kommentar: Angela Merkel ist eine beschädigte Wahlsiegerin

Die CDU gewinnt mit deutlichen Verlusten. Die SPD erlebt das schlechteste Ergebnis seit 1949. Die AfD wird drittstärkste Kraft - die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl kommentiert MDR THÜRINGEN-Chefredakteur Matthias Gehler.

Deutschland steht wirtschaftlich hervorragend da. Die Arbeitslosigkeit hat ein historisches Tief. Außenpolitisch ist unser Land ein Fels in der Brandung. Humanistisch hat Deutschland sein großes Herz für die Flüchtlinge gezeigt. Und nun das Ergebnis dieser Bundestagswahl. Es gleicht einer Zeitenwende. Nicht zuletzt herbeigeführt durch Angela Merkel. Sie hat an der Spitze der CDU und als Kanzlerin in mehreren Bundesregierungen Verantwortung getragen. Das Wahlverhalten der Deutschen ist somit auch das Ergebnis ihrer Politik.

Matthias Gehler
MDR THÜRINGEN-Chefredakteur Matthias Gehler. Bildrechte: MDR/Annett Stiebritz-Stepputat

Erstens: Angela Merkel hat die CDU in die Mitte gerückt und die andere große Volkspartei ist unter die Räder gekommen – auch wenn das schlechteste Ergebnis der SPD in ihrer bundesdeutschen Geschichte - vor allem hausgemacht ist. Zudem hatte die SPD nie ein Rezept gegen die Linken und als Regierungspartei waren ihr zeitweise die Hände gebunden.

Zweitens: Angela Merkel bekommt die Quittung für 2015. Sie hatte zunächst von vielen umjubelt die Grenzen geöffnet, aber war zu zögerlich in den weiteren Schritten – sei es in der Integration oder im Zurückschicken der Flüchtlinge, sei es in Ordnung und in Sicherheit oder im Handeln gegen die Ängste der Bürgerinnen und Bürger. Zeitweise sah Deutschland überfordert aus. So etwas ging nicht ohne Blessuren für die Kanzlerin. Vor allem aber hat das Raum für eine extreme Partei wie die AfD geschaffen, der eine gut situierte, in der Mitte platzierte, diplomatische Politik - in Teilen der Bevölkerung - wenig entgegenzusetzen hat. Der historische Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag als drittstärkste Kraft, wird Inhalt und Form der Debatten in der deutschen Volksvertretung radikal ändern.

Drittens: Angela Merkel ist eine beschädigte Wahlsiegerin. Sie hat zwar wieder die meisten Stimmen aller Parteien eingefahren, aber die Verluste sind immens – das zweitschlechteste Ergebnis in der Geschichte der CDU. Das schwächt die eigene Position und das sind die Vorboten einer schwierigen Regierungsbildung. Merkel wird sich freuen, dass die FDP nun wieder mit im Bundestag sitzt. Dafür kann sie wenig, auch wenn der unrasierte Lindner einen Gegen-Typ verkörpert, den man im Unionslager nicht findet.

All das nutzt trotzdem nicht der Mitte in der deutschen Parteienlandschaft. Die Mitte schrumpft. Die Ränder sind stark geworden. Zumindest mit diesem Trend sind wir angekommen in Europa. Das ist europäische Normalität. Nicht beruhigend – aber es tröstet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 24. September 2017 | 19:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2017, 19:56 Uhr

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1 Kommentar

25.09.2017 09:18 Röhrerstolt 1

Ja, Deutschland steht wirtschaftlich hervorragend da. Viele Menschen in diesen Land bekommen davon jedoch nicht mehr viel ab. Besonders im Osten.

Die Löhne sind auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung immer noch nicht auf Westniveau. Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten immer weiter.
Auf der Bank gibt es keine Zinsen mehr, nur noch Gebühren. Als Folge haben sich viele Bessergestellte Immobilien, sprich Wohnungen gekauft. Dadurch steigen die Mieten.

In Ballungsräumen wird es für sozial schwache Leute schwierig, überhaupt noch bezahlbaren Wohnraum zu bekommen. Das sind Probleme, die viele Leute betreffen. Die Politik weiß das zwar, aber sie hat zu wenig dagegen getan.

Hinzu kommen prekäre Arbneitsverhältnisse. Im Alter über 40 wird es schon schwierig, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, von dem man vernünftig leben kann. Für viele bleibt nur noch Leiharbeit oder Arbeitslosigkeit. Da staut sich Frust auf. Die Politik muss sich mehr kümmern.

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