Der Blick in die Akten der Ost-CDU Basis folgte mit gelegentlichem Murren der Parteilinie

Schon bald nach ihrer Gründung im Jahr 1945 wurde die CDU in der sowjetischen Besatzungszone unter dem Druck der neuen Machthaber zu einer Blockpartei umgeformt. Anfang der 1950er Jahre erkannte die Ost-CDU die „führende Rolle“ der SED vorbehaltlos an. Bedeutsame Widerstände innerhalb der Partei waren gebrochen worden, führende Persönlichkeiten hatten das Land verlassen oder wurden in Schauprozessen verurteilt. In den Folgejahren ordnete sich die CDU der SED mehr oder weniger kritiklos unter. Bis heute ist umstritten, inwieweit die Parteibasis die offizielle Linie der CDU-Spitze wirklich unterstützte.

von Dr. Rainer Erices

Auf Linie gebracht

Den Akten zufolge sind die internen Konflikte der Partei mit ihrer Basis in den 1950er-Jahren trotz umfassender Gleichschaltung nicht ausgelöscht. In den Stimmungsberichten aus den Thüringer Kreisen finden sich Hinweise auf ernstzunehmende Widerstände gegen die verordnete CDU-Linie. Grund für die Konflikte sind auch offen ausgetragene Differenzen zwischen Staat und Kirche. Pfarrer weigern sich, Jugendweihe-Kinder zu konfirmieren, Kirchenmitarbeitern werden Gehälter nicht ausgezahlt. Die Akten enthalten Angaben zu etlichen Parteiverfahren. Doch trotz der Kritiken - mehrheitlich weisen die Unterlagen der Kreisverbände nach, wie angepasst auch die vermeintliche Basis der Partei bereits zu dieser Zeit handelt. Dieses heterogene Bild von der Parteibasis prägt die folgenden Jahre.

Schlüsseljahr 1953 auch für die CDU

Josef Stalin (UdSSR/Generalsekretär Zentralkomitee KPdSU) während seiner Beerdigung, offen im Sarg aufgebahrt.
"Auch der größte Gegener des Kommunismus könne Stalin seine Achtung nicht versagen." Bildrechte: IMAGO

Eines der besonders ereignisreichen Jahre - auch für die CDU - ist 1953. Im Januar wird einer der führenden Parteifunktionäre, der DDR-Außenminister Georg Dertinger, von der Staatssicherheit verhaftet, um später mit offensichtlich konstruierten Vorwürfen als Staatsfeind verurteilt und geächtet zu werden. Die CDU-Parteispitze in Ost-Berlin fordert "umgehend einen Situationsbericht“ aus den Regionen. Eine Unionsfreundin aus Orlamünde meldet, die CDU-Mitglieder seien "äußerst empört“ - nicht etwa über das geheime MfS-Vorgehen sondern über die "schädliche Handlungsweise“ von Dertinger, sie spürten "tiefe Verachtung“. Die Schreiberin nimmt in den kommenden Jahren einen prominenten Platz im Bezirksvorstand der Partei ein.
Im März beschäftigt sich die DDR-CDU vor allem mit einer Distanzierung von ihrer angeblichen Schwesterpartei im Westen. Der CDU-Vorstand des Bezirkes Gera schreibt im März des Jahres ein "eindringlich mahnendes Schreiben“ an die hessische Union, dem Generalvertrag nicht zuzustimmen“. Dieser sieht in Übereinkunft mit den West-Alliierten eine Souveränität der Bundesrepublik vor. Die Kreisverbände werden "schriftlich verpflichtet“, "durch persönlich gehaltene Briefe Bundestagsabgeordnete aufzufordern, gegen die Ratifizierung des Generalvertrages zu stimmen“. Nach dem Tod von Stalin finden landesweit Trauermärsche statt. Auch die CDU beteiligt sich. In der Kreisstelle Eisenberg hält die Partei eine "kurze Feierstunde in würdigen Worten zum Tode des Marschalls Stalin“ ab. In einem Stimmungsbericht aus der CDU Gera heißt es, dass auch der größte Gegner des Kommunismus Stalin "seine Achtung nicht versagen“ könne.

Widerstände gegen Sprachregelung

Die Ereignisse vom Juni 1953 sorgen innerhalb der CDU für erhebliche Konflikte. Die Partei übernimmt die Sprachregelung der SED und wertet den Aufruhr als "faschistische Provokation". Das sorgt für Widerstände. Die Kreisvorsitzenden von Jena lassen ihre Parteispitze wissen: "Es ist mir nichts zur Ohren gekommen, was auf eine rein faschistische Vorbereitung und Durchführung schließen lässt“. Im Kreis Greiz glauben die Unionsfreunde nicht, "dass die Demonstrationen lediglich nur auf die Machenschaften ausländischer Provokateure zurückzuführen sind“. Allerdings, so beschwichtigt die Kreisspitze in ihrem Bericht an den Bezirksvorstand, seien die eigenen Leute "vielleicht“ kritischer als an anderen Orten, da man ja nicht dabei gewesen sei.


Der Kreisvorstand Saalfeld meldet wenige Tage nach dem 17. Juni, dass "in jeder Beziehung Ruhe und Ordnung“ wiederhergestellt sei, die Verantwortlichen sollten "zur Rechenschaft gezogen werden. Nach einem Demonstrationszug von Unterwellenborn in die Kreisstadt hatte der sowjetische Kommandant den Kriegszustand verhängt. Auch im Kreisverband Pößneck verurteilen die Mitglieder die Vorfälle.
Zusammenfassend berichtet der Geraer Bezirksvorstand, dass "viele“ Unionsfreunde zur Aufklärung und Beruhigung eingesetzt worden seien. In den meisten Fällen sei es gelungen, "größere Menschenansammlungen zu zerstreuen und Ausschreitungen zu verhindern“. Die Lage habe sich "nach kurzer Zeit, dank der aktiven Mithilfe unserer Unionsfreunde, der Staatsfunktionäre und nicht zuletzt das Eingreifen der Besatzungsmacht, bald wieder beruhigt“.

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18 Kommentare

18.04.2015 12:28 Merkwürden 18

Merkwürdig. Ich habe mal gegoogelt: als die CDU ihre Aufarbeitung vor Wochen ankündigte, waren alle Zeitungen voll davon - auch überregional. Jetzt sagen die ganzen Landesverbände ab, Thüringen kommt nicht voran, und das interessiert niemanden die Bohne. Außer ein paar Hanseln im Forum. Kann das mal jemand erklären?
Oder wars das jetzt oder wie oder was.

18.04.2015 12:14 Rächer 17

Mal eine Frage: Wieviele alte Blockpartei-Funktionäre gibt es denn heute noch in der CDU Thüringen - oder überhaupt in den neuen Ländern? Es besteht doch wohl ein großer Unterschied zwischen der alten und der Nachwende-CDU. Wäre ja mal schön, was von diesen alten Unionsfreunden zu hören, anstatt alles immer nur von außen zu bewerten.
Wie finden die eigentlich das Vorhaben, mal die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Wenn Sie Widerständler waren, könnten sie sich doch freuen...
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