"Der Mensch erobert sich den Kosmos und wir sitzen in einem Gefängnis hinter Stacheldraht.“

Regelmäßig informieren sich die CDU-Bezirksvorstände über den Stand der ideologischen Schulung. Die Kreisverbände reichen dazu sogenannte Zirkelberichte weiter, in denen die Politschulungen ausgewertet werden. Punkt 2 in dem Formular trägt die Bezeichnung
"Welche Schwerpunkte gab es? (Argumente, Meinungen, Unklarheiten). Wie verlief der ideologische Klärungsprozess?“ Nur sporadisch finden sich deutlich kritische Diskussionen in den Unterlagen wieder. So entsteht in einem Meininger Zirkel 1962 eine "negative Diskussion“: "Der Mensch erobert sich den Kosmos und wir sitzen in einem Gefängnis hinter Stacheldraht.“
Zur Aufarbeitung der Person Stalin äußern die Teilnehmer, dass sie nicht verstehen, "weshalb man heute so breit diese Frage behandelt hat, da es doch jetzt noch genauso wie damals wäre. Es hätte keiner die Möglichkeit, seine Gedanken, wenn sie sich nicht auf der Linie bewegen, zu äußern, ohne Gefahr zu laufen, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.“

Schwachpunkt Wirtschaft

Aus dem Kreis Neuhaus wird 1963 gemeldet, dass ein Unionsfreund der Meinung gewesen sei, dass das wirtschaftliche Wachstumstempo der DDR dem einiger fortgeschrittener kapitalistischer Staaten noch nicht gewachsen sei. "Er belegte seine Meinung mit von mir unwiderlegbaren Beispielen.“

Trabi-Produktion im Werk VEB Sachsenring
"Wachstumstempo kapitalistischer Staaten nicht gewachsen" Bildrechte: IMAGO

Ein anderer Teilnehmer fragt, was aus den Christen werde, wenn der umfassende Aufbau des Sozialismus vollendet sein wird. Und: "Leisten wir als CDU nicht Handlangerdienste zu dieser Entwicklung?“ Im Wesentlichen jedoch beschäftigen sich die Zirkel mit dem "Versagen der Großbourgeoisie in der Geschichte“, der "Rolle Westdeutschlands als klerikal-faschistische Diktatur“ oder der "Richtigkeit des sozialistischen Weges in der Landwirtschaft“. Auf die Frage eines Unionsfreundes, ob sich ein Christ in der Politik von Hassgefühlen leiten lassen dürfe, erhält er die Antwort, "dass Verurteilung einer volksfeindlichen Politik durch einen Christen nichts mit Hass als einer Sünde gegen den Nächsten gemein hat. Es blieben keine Fragen offen.“

Keine Hinweise auf eigenständige CDU-Parteilinie

Wie stark die Parteispitze auf die CDU-Basis Einfluss nimmt, lässt sich aus einer überlieferten Anweisung des Bezirksvorstandes Erfurt von 1967 entnehmen. In Vorbereitung auf die anstehende Volkskammerwahl und die Feiern zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution in der Sowjetunion soll in jedem Kreis mindestens eine "christliche Persönlichkeit“ Stellung beziehen. Dabei soll "vor allem der Protest gegen die imperialistische Kriegspolitik zum Ausdruck kommen bis hin zu der Konsequenz, mit allen Kräften zur weiteren Stärkung und Festigung der DDR, unserem sozialistischen Vaterland, beizutragen. Wir empfehlen auch, das Auftreten des sowjetischen Ministerpräsidenten vor der UNO und das Referat Walter Ulbrichts auf der großen Wahlversammlung in Leipzig in die Aussagen einzubeziehen“, heißt es in der parteiinternen Anweisung.

Hinweise auf eine eigenständige Parteilinie der CDU finden sich insofern nicht, insgesamt  dominiert DDR-typische Demagogik. Alljährlich werden die Kreisverbände zusätzlich mit den offiziellen Verlautbarungen der CDU-Parteispitze konfrontiert. Seitenlange Berichte finden sich zum Niedergang des Westens. Das "Bonner Wirtschaftswunder wird durch ernste politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten erschüttert“, heißt es beispielsweise in einer Parteiinformation an die Basis von 1966.
Christliche Botschaften finden sich nur marginal. Die Vorgaben für die Weihnachtsansprachen in den CDU-Ortsgruppen enthalten die drei Punkte: mit Friedenssicherung Gott ehren, Sozialismus und Frieden sind identisch und "wir glauben, die Weihnachtsbotschaft am besten zu verwirklichen, wenn wir intensiv am umfassenden Aufbau des Sozialismus in unserer Republik teilnehmen.“

Listen von vielversprechenden Westbesuchern der iga anzulegen

Erfurt IGA Pressefest
Hier sollten "vielversprechende" Westbesucher angesprochen werden - die iga in Erfurt Bildrechte: MDR/Holger John

Vor der Gartenausstellung iga sollen die Erfurter Unionsfreunde Listen vorlegen, auf denen alle Besucher aus der Bundesrepublik verzeichnet sind, "mit denen bereits gute Verbindungen bestehen und gewährleisten, dass die Aussprachen einen politischen Erfolg versprechen“.
Auch rund um den Prager Frühling 1968 gleichen die Stellungnahmen der offiziellen Staatslinie. So berichten die Unionsfreunde von Gera-Mitte: "Mit großer Sorge wurden die versteckten Vorbereitungen zur Konterrevolution beobachtet.“ Die Ortsgruppe begrüßt daher "die sozialistische Hilfe der sozialistischen Staaten auch in militärischer Hinsicht" und stellt "mit tiefer Befriedigung“ fest, dass "der westdeutsche und USA-Imperialismus eine weitere Schlappe erlitten hat“. Der Wortlaut in den Bekenntnisschreiben der verschiedenen Ortsgruppen ähnelt sich auffallend, unterschrieben sind die Briefe von den jeweiligen Leitern.

Versorgungslage wird zunehmend zum Thema

Auch in den 1970er-Jahren fordert der CDU-Hauptvorstand unermüdlich eine Verbesserung der politisch-ideologischen Arbeit innerhalb der Partei, die Linie wird an die Basis durchgereicht. Vor allem sollen sich in den Köpfen der Mitglieder die drei "unverrückbaren“ Säulen ihrer Politik festsetzen: Treue zum Sozialismus, Zusammenarbeit mit der Partei der Arbeiterklasse und feste Freundschaft zur Sowjetunion. Ein klares christliches Bekenntnis, etwa der Glaube an Gott, fehlt.
Die politische Zielrichtung der Partei lässt sich am Bekenntnis des Nordhäuser Kreisvorsitzenden ausmachen, wonach "der Sozialismus die Lebensinteressen aller werktätigen Menschen wahrnimmt“. Kritik an der Partei und vor allem an der DDR wird vom Ost-Berliner Hauptvorstand frühzeitig unterbunden. Der Bezirksverband Gera wird besonders gemaßregelt. Hier komme es "bei einem nicht geringen Teil der Freunde immer noch zu einer Unterschätzung der Gefährlichkeit des Imperialismus“.

Abgesehen davon nehmen in den Unterlagen dieser Zeit die kritischen Diskussionen zu Versorgungsmängeln auffällig zu. "Unlauter" sei es, wenn Bürger für ihre Besucher aus der Bundesrepublik "Kartoffeln in größeren Mengen" einkaufen, meint ein Unionsfreund aus Eisenberg 1976. Die Basis beklagt sich über Wohnungsprobleme, den schlechten Straßenzustand, Sortimentslücken im Handel und eine schleppende Baustoffversorgung. Die Akten lassen diesbezüglich keinen Zweifel, dass die Parteisitzungen auch als Ventil für die Nöte von der Basis genutzt wurden.

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18 Kommentare

18.04.2015 12:28 Merkwürden 18

Merkwürdig. Ich habe mal gegoogelt: als die CDU ihre Aufarbeitung vor Wochen ankündigte, waren alle Zeitungen voll davon - auch überregional. Jetzt sagen die ganzen Landesverbände ab, Thüringen kommt nicht voran, und das interessiert niemanden die Bohne. Außer ein paar Hanseln im Forum. Kann das mal jemand erklären?
Oder wars das jetzt oder wie oder was.

18.04.2015 12:14 Rächer 17

Mal eine Frage: Wieviele alte Blockpartei-Funktionäre gibt es denn heute noch in der CDU Thüringen - oder überhaupt in den neuen Ländern? Es besteht doch wohl ein großer Unterschied zwischen der alten und der Nachwende-CDU. Wäre ja mal schön, was von diesen alten Unionsfreunden zu hören, anstatt alles immer nur von außen zu bewerten.
Wie finden die eigentlich das Vorhaben, mal die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Wenn Sie Widerständler waren, könnten sie sich doch freuen...
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