Eine Sängerin und ein Gitarrist auf der Bühne
Von den Kirmesbühnen sind Coverbands nicht wegzudenken. Und sorgen ordentlich für Stimmung. Bildrechte: MDR/Jana Münkel

Cover-Fakten Fakten rund ums Covern

Was heißt "Covern" eigentlich genau? Seit wann wird gecovert? Was darf man beim Covern, was nicht? Und was ist an dem Klischee dran, dass Coverbands als "gescheiterte Musiker" gelten? Wir haben in der Literatur zur Coverforschung recherchiert und bei Experten nachgefragt.

von Jana Münkel

Eine Sängerin und ein Gitarrist auf der Bühne
Von den Kirmesbühnen sind Coverbands nicht wegzudenken. Und sorgen ordentlich für Stimmung. Bildrechte: MDR/Jana Münkel

Was bedeutet "Covern“ eigentlich?

Das Wort "Covern" kommt aus dem Englischen. "To cover" bedeutet im Deutschen so viel wie etwas "bedecken" oder "abdecken". Der Musikwissenschaftler Marc Pendzich von der Universität Hamburg definiert das Covern in seiner Doktorarbeit als "Neufassung eines zuvor auf Tonträger veröffentlichtem Musikwerks, das von anderen Interpreten neu eingespielt oder live dargeboten wird." Es geht darum, den Originalsong so wiederzugeben, dass er wiedererkennbar ist. Für Professor André Schmidt von der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar hat das etwas mit der "Seele" des Songs zu tun: Laut Professor Schmidt versuchen die Bands, die Seele des Songs zu finden und so wiederzugeben, dass der Song weltweit als das Original erkannt wird.

Der Musikwissenschaftler Marc Pendzich grenzt außerdem verschiedene Begriffe vom Covern ab, die oft verwechselt werden:

Als einen Remix bezeichnet Pendzich Neuabmischungen von aktuellen Songs, die von DJs angefertigt werden. Dabei entsteht zum Beispiel ein Techno-Mix eines Songs, der in der Original-Version eher langsam und kuschelig klang.

Ein Sample (deutsch: Auswahl, Muster) ist ein kleiner Ausschnitt aus einer Tonaufnahme. Diese kurzen Sequenzen, manchmal nur eine kurze Basslinie, werden in einem neuen Song verarbeitet.

Was genau ist eine Coverband?

Coverbands können in drei verschiedene Kategorien eingeteilt werden.

Eine Top-40-Coverband covert die aktuellen Charts oder Songs, die früher erfolgreich in den Charts waren und einem breiten Publikum bekannt sind. Hier geht es vor allem darum, mit möglichst bekannten Songs für Stimmung beim Publikum zu sorgen.

Ein Westernhagen-Double streckt die Zunge heraus, neben ihm steht ein Gitarrist.
Dieses Westernhagen-Double nennt sich "Mariuzz" und heißt eigentlich Peter Zahn. In seiner Tribute Show imitiert er Westernhagen täuschend echt. Bildrechte: MDR/Jana Münkel

Eine Tribute-Band spielt nur Songs von einer bestimmten Band und kopiert sie bis ins kleinste Detail. Es geht um die gesamte Show, die möglichst nah an die der Original-Band herankommen soll. "Es ist wichtig, dass bei Tribute Bands das gesamte multimediale Umfeld das Original erreicht", erklärt der Musikprofessor André Schmidt aus Weimar. "Es geht darum, dass das Instrumentarium klingt wie bei den Originalen und dass die Klamotten so aussehen." Auch Mimik und Gestik guckt sich das Double vom Original ab. Der Vorteil von Tribute Bands laut Professor Schmidt: Der Eintritt ist deutlicher günstiger als bei der echten Band. Unter 150.000 Euro sei ein halber Abend Queen nicht möglich. Ab 1.500 Euro könne man aber schon eine ganz ordentliche Queen-Coverband buchen. "Und wenn ich unten im Saal mit meiner Freundin tanze, Drinks zu mir nehme und der da oben sieht so aus und singt auch noch wie Freddy, und ich hab da 20 Euro Eintritt bezahlt, dann ist das doch okay!"

Eine Revival Band spielt die Musik von Bands nach, deren Musiker entweder nicht mehr leben oder nicht mehr zusammen auftreten. "Revival" heißt auf Deutsch "Wiederbeleben". Viele Revival Bands nähern sich auch optisch dem Original, doch das ist hier nicht Pflicht. Hier kann auch die Musik im Vordergrund stehen. In der Alltagssprache ist die Verwendung von Tribute und Revival Band oft nicht eindeutig voneinander getrennt.

Welches sind die am meisten gecoverten Songs?

The Beatles mit Paul McCartney (l-r), John Lennon, Ringo Starr und George Harrison (undatierte Aufnahme).
Laut dem "Guinness Buch der Rekorde" ist "Yesterday" von den Beatles der am häufigsten gecoverte Song. Bildrechte: dpa

Dies ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Die deutsche Musikverwertungsgesellschaft GEMA erhebt keine Zahlen nur für Coverversionen und kann dazu deshalb keine Auskunft geben.

Als der weltweit am häufigsten gecoverte Song gilt "Yesterday" von den Beatles. Laut "Guinness Buch der Rekorde" wurden allein zwischen 1965 und 1985 1.600 Versionen des Songs neu aufgenommen, unter anderem von Elvis Presley und Frank Sinatra. Jedoch listet auch das Guinness Buch der Rekorde seit 1990 keine "meistgecoverten Songs" mehr auf. Thomas Wagner von der Website coverinfo.de sieht das als einen Hinweis, dass es keine verlässlichen Informationen zu der Frage gibt: "Das zeigt, dass wohl niemand eine präzise Antwort geben kann. Das hängt ja auch davon ab, welche Cover-Versionen überhaupt gezählt werden sollen: Tonträger-Veröffentlichungen, Internet-Veröffentlichungen, Live-Auftritte?" Da es keine zentrale Musik-Datenbank über alle Veröffentlichungen der Welt gebe, müsse diese Frage also unbeantwortet bleiben, so Wagner.

Seit wann gibt es in Deutschland Coverbands?

The Lords
The Lords aus Berlin (hier im Jahr 2010) gewannen 1964 einen Wettbewerb in Hamburg, weil sie die Beatles am besten coverten. Bildrechte: MDR/Thomas Fettin

Der Musikprofessor André Schmidt verortet die Entstehung von deutschen Coverbandszene zeitlich Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre. "Nach dem zweiten Weltkrieg schwappte die Dixielandszene aus den USA rüber und ab 1960 kam der Beat. In Hamburg gab es Wettbewerbe, wo Bands gekürt wurden, die wie die Beatles spielen." Diese Wettbewerbe bezeichnet Professor Schmidt als Beginn der deutschen Coverwelle. Bei dem ersten dieser Wettbewerbe 1964 in Hamburg gewann die Berliner Beatles-Coverband "The Lords". "Die hatten die gleiche Besetzung wie die Beatles, haben sich genauso die Haare wachsen lassen, haben die gleichen Ausfallschritte nach vorn gemacht", erläutert Professor Schmidt.

Hinzu kommt laut Professor Schmidt noch ein anderer Aspekt, der Coverbands damals so erfolgreich werden ließ: Die Menschen waren damals noch nicht so mobil. Man flog nicht einfach nach England, um die Beatles zu sehen. Mit der gleichzeitigen Entwicklung der Schallplattenindustrie sei das Covern zum ganz normalen alltäglichen Musikgebrauch geworden.

Das Covern hat bis heute deutlich an Bedeutung gewonnen: Nach einer Studie des Musikwissenschaftlers Marc Pendzich von der Universität Hamburg hat sich der Anteil von Coverversionen in den Charts zwischen den 80er Jahren und Mitte der 2000er mehr als verdreifacht.

Was ist dran an dem Klischee, dass nur gescheiterte Musiker in Coverbands spielen?

Ein Ipad mit Noten
Meist gibt es für die Coversongs keine Noten. Die Musiker müssen alles abhören und nachspielen. Das erfordert hohes musikalisches Können. Bei dieser Bandprobe haben sich die Musiker die Noten selbst notiert. Bildrechte: MDR/Jana Münkel

Nichts, diese Annahme sei verallgemeinernd und unfair, sagt der Musikprofessor André Schmidt. Covern sei auch eine Kunst: "Das Covern von Songs ist fast schwerer als die Interpretation eines klassischen Stücks, weil es in der Regel keine Noten gibt." Die Musiker müssen also ganz genau heraushören, was sie wann spielen oder singen müssen. Es erfordert viel Tüftelarbeit, bis jeder Akkord und jede Zeile sitzen und bis der Song so klingt wie im Original. Das Covern habe mit Oberflächlichkeit nichts zu tun, erklärt Professor Schmidt. Im Gegenteil: Es erfordere ein hohes musikalisches Können. "Popmusik ist rhythmisch extrem anspruchsvoll. Gerade deswegen ist das Covern nicht oberflächlich, sondern absolut künstlerisch wertvoll."

Gegen das "Klischee vom gescheiterten Musiker" spricht auch, dass in der Coverbandszene viele professionelle Musiker anzutreffen sind. Viele Musiker, die in Coverbands spielen, haben sogar ein klassisches Musikstudium absolviert. Viele haben früher selbst Songs geschrieben und dann festgestellt, dass sie als Coverband und mit bekannten Songs deutlich mehr gebucht werden als mit ihren eigenen, unbekannten Songs. Das sei so wie beim Fußball, erklärt Professor Schmidt: Es gibt ein paar, die schaffen es als Profis nach ganz oben. "Aber nicht alle können Madonna werden und es mit ihren eigenen Songs schaffen. Und da ist das Covern eine gute Möglichkeit, um regelmäßig an Auftritt zu kommen und Geld zu verdienen."

Die Bands lernen laut Professor Schmidt durch das Covern viel für ihre eigenen Songs: "Vieles, was durchs Covern gelernt wird, fließt später in eigene Kompositionen mit ein." Das bestätigt auch Bernd Wuttke, der heute als Grönemeyer-Cover auftritt. Er war von Grönemeyers Sprach-Verschachtelungen so fasziniert, dass ihn das für seine eigenen Songtexte inspiriert hat.

Was ist erlaubt beim Covern, was nicht?

Wenn eine Band einen Song bearbeiten oder umgestalten möchte, muss sie in jedem Fall die Urheber um Erlaubnis fragen. Songs, die wie das Original nachgespielt werden, bei denen also nichts verändert wird, dürfen ohne Genehmigung gecovert werden. Aber auch bei den Songs, die unverändert in Konzerten gecovert werden, stehen den Urhebern sogenannte Verwertungsrechte zu. In Deutschland werden diese Rechte von der GEMA verwaltet ("Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte"). Bei Konzerten läuft das so, dass der Veranstalter eine Titelliste der gespielten Songs bei der GEMA einreicht. Der Veranstalter muss außerdem einen bestimmten Betrag an die GEMA abführen, der sich unter anderem nach der Besucherzahl des Konzerts richtet. Die GEMA ermittelt dann anhand der Titelliste, welche Komponisten, Textdichter und Musikverlage Geld erhalten. Die Coverband selbst erhält für die Aufführung der gecoverten Songs von der GEMA kein Geld.

Könnte man ein Sinfonieorchester einfach als riesige Coverband bezeichnen?

Ein Mann sitzt am Klavier und lacht
André Schmidt ist Professor für Schulpraktisches Klavierspiel an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Bildrechte: MDR/Jana Münkel

Die Musiker in einem Orchester spielen die alten Werke von Komponisten nach. Man könnte also sagen, dass Orchester eigentlich Werke "covern", weil sie versuchen, so nah wie möglich an das Original heranzukommen. Der Musikprofessor André Schmidt bestätigt, dass es zwischen dem Covern und der Interpretation eines klassischen Werkes Ähnlichkeiten gibt: "In Wirklichkeit ist das Covern nichts anderes als die klassische Interpretation. Wir bauen Instrumente aus der Renaissancezeit nach und versuchen, die Stücke in der Spieltechnik der damaligen Zeit aufzuführen. Das ist nichts anderes, als das Original von vor hunderten von Jahren zu covern. Da unterscheidet sich die Interpretation in der Klassik mit dem modernen Cover eigentlich in nichts." Einen Unterschied sieht Professor Schmidt aber trotzdem: In einem Orchester habe nur einer das Sagen, der Dirigent entscheide als Chef, wie die Musik gespielt werde. In einer Coverband sei das anders, da würde kollektiver entschieden.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN JOURNAL | MDR FERNSEHEN | 23.08.2017 | 19:00 Uhr
MDR THÜRINGEN - Das Radio | 23.08.2017 | ab 15 Uhr

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2017, 17:10 Uhr

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