Einbruchsopfer am aufgebrochenen Fenster ihres Einfamilienhauses bei Erfurt.
Einbruchsopfer am aufgebrochenen Fenster ihres Einfamilienhauses bei Erfurt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Einbruchserie in Thüringen Diebe in der Dämmerung

Thüringen wird von einer massiven Einbruchsserie heimgesucht. Seit mehr als vier Monaten hat es landesweit hunderte von Einbrüchen in Einfamilienhäuser gegeben. Offizielle Zahlen werden derzeit nicht genannt. Nach MDR-Informationen sind es aber in den zurückliegenden Monaten allein rund um Erfurt über 80 Einbrüche.

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Einbruchsopfer am aufgebrochenen Fenster ihres Einfamilienhauses bei Erfurt.
Einbruchsopfer am aufgebrochenen Fenster ihres Einfamilienhauses bei Erfurt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Regina und Johannes Meier* (*Name geändert) waren nur für einige Tage verreist. Sie ließen ihr schmuckes Einfamilienhaus in einem netten Erfurter Vorort alleine. Als sie nach dem Kurzurlaub Ende Februar wieder zurückkehrten, kam das böse Erwachen: das Haus war aufgebrochen worden. Über die Terrassentür waren die Diebe eingedrungen. Sie hatten im ganzen Haus ihre Spuren hinterlassen. Türen waren kaputt, Mobiliar zerstört und Schubladen zerwühlt. Gestohlen wurde im Grunde nicht viel, dafür aber umso Wertvolleres: Schmuck und Bargeld.

So wie den Meiers geht es derzeit vielen Eigenheimbesitzern in Thüringen. Besonders rund um die Städte Erfurt, Jena, Gotha und Nordhausen, weiß die Landespolizeidirektion (LPD). Dort haben die Beamten die Vorfälle seit November vergangenen Jahres im Blick. Hunderte Fälle haben sie inzwischen gezählt in Orten wie Güntersleben-Wechmar, Possendorf, Mühlberg, Jena-Ilmnitz, Geraberg, Artern oder Eisenberg (siehe Karte). Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Zu finden sind diese Informationen in einem vertraulichen zentralen Lagebild der LPD, das fast jeden Tag um einen neuen Fall ergänzt werden muss.

Hochprofessionell organisierte Banden

Dabei ergibt sich für die Fahnder ein Bild von hochprofessionell organisierten Banden, die bei den Einbrüchen methodisch vorgehen. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN bestehen sie aus mehreren Gruppen. Zunächst werden die Siedlungen durch eine Späher-Gruppe ausgekundschaftet. Eine zweite Gruppe ist für den Einbruch zuständig, eine dritte übernimmt die Beute und bringt sie an einen unbekannten Ort, wo sie zentral gelagert wird. Von dort aus wird das Diebesgut von Hehlern verkauft. Die Fahnder gehen davon aus, dass ein großer Teil der Beute über Online-Verkaufsplattformen, auf Secondhand-Märkten oder im Ausland zu Geld gemacht wird.

Polizei richtet Soko Dämmerung ein

Inzwischen hat die Thüringer Polizei auch regional reagiert. In Gotha wurde eine Arbeitsgruppe "City" eingerichtet. In Erfurt ist eine 30-köpfige Soko und in Jena eine Arbeitsgruppe unter dem Codenamen "Dämmerung" installiert worden. Der Name "Dämmerung" bezieht sich auf die bevorzugte Einbruchszeit der Diebe: Die frühen Abendstunden. Denn die Ermittler haben folgendes Vorgehen entdeckt: Wenn die Späher für den Einbruch grünes Licht geben, steigen die Diebe oftmals zwischen 18 und 21 Uhr in die Häuser ein - meist über die Terrassentüren. Mittlerweile werden aber auch Häuser am helllichten Tag ausgeräumt, wenn die Bewohner arbeiten sind.

LKA-Labore sind überlastet

Die Fahnder gehen allen Spuren nach. Daraus ergibt sich ein neues Problem: Die Ermittler finden immer wieder DNA-Spuren an den Einbruchsstellen, die sie an das Thüringer Landeskriminalamt zur Auswertung weiterleiten. Dort sind die Labore nach Informationen von MDR THÜRINGEN inzwischen überlastet. Eine Überprüfung der DNA-Proben kann daher Monate dauern. Erst dann kann in Datenbanken geschaut werden, ob es einen Treffer gibt oder andere Polizeidienststellen in Deutschland eine Übereinstimmung mit ihren Spuren feststellen können. Meistens haben die Verdächtigen Deutschland dann aber bereits wieder verlassen und sind anderswo in Europa unterwegs.

Zusammenspiel auswärtiger und lokaler Mafia-Gruppen vermutet

Die Fahnder gehen davon aus, dass die Täter nicht aus Thüringen kommen. Vermutlich reisen sie aus Osteuropa ein und sind nur für wenige Wochen in einer Region unterwegs. Dabei versuchen sie in kürzester Zeit, so viele Häuser wie möglich systematisch auszuräumen. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN besteht der Verdacht, dass die Einbrecherbanden von örtlichen Mafia-Gruppen unterstützt werden. Dazu zählen sichere Wohnungen als Unterschlupf, Fahrzeuge, nicht registrierte Handys für die Kommunikation sowie Werkzeuge für die Einbrüche. Unter anderem gibt es in Erfurt, Gotha und Jena armenische Mafia-Gruppen. In Sondershausen agiert seit Jahren eine kosovarische Gang, die von zwei Brüdern angeführt wird.  

Das Bundeskriminalamt (BKA) geht seit einiger Zeit davon aus, dass hinter diesen Banden große osteuropäische Mafia-Organisationen stecken. In der Fachsprache heißt das "Russisch-Eurasische Organisierte Kriminalität" (REOK). Sabine Vogt, Abteilungsleiterin Organisierte Kriminalität beim BKA, sagte MDR THÜRINGEN, dass dieses Mafia-System in Deutschland mittlerweile stark in die Alltagskriminalität einwirke. Die Einbrecher-Banden seien Teil einer OK-Struktur, die wie eine Verbrecher-Industrie funktioniere. Die einen kümmerten sich um Drogenhandel, andere um Geldwäsche, die nächsten um Kfz-Diebstahl und wieder andere würden deutschlandweit systematisch in Häuser einbrechen. Dahinter stecke auch eine riesige Hehlerstruktur, die dann die Beute umsetzt, so die BKA-Expertin. Das spüle den russischen, georgischen oder armenischen Mafiagruppen Millionen in die Kassen. "Die Organisierte Kriminalität ist beim Bürger an der Haustür angekommen", stellt Vogt fest.

Der Fall des Ehepaars Meier zeigt genau das. Sie haben jetzt den Ärger und die Kosten. Nicht zu vergessen die psychische Anspannung, sich in ihrem Haus nie wieder wirklich sicher zu fühlen. Das interessiert die Täter herzlich wenig. Sie sind Teil einer internationalen Verbrecher-Industrie, die derzeit durch Europa zieht. Thüringen ist nur ein Teil davon.

Zuletzt aktualisiert: 09. März 2016, 20:47 Uhr

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15 Kommentare

10.03.2016 13:02 mcstocker 15

Zu wenig Polizei..zu alte Technik und einen Datenschutz der professionelle Ermittlungsarbeit unmöglich macht...Der Bürger will keine Massendatenspeicherung..Also muss der Bürger damit leben, dass wenige Fälle aufgeklärt werden. Das Grundgesetz in der derzeitigen Form ist auf die digitale Welt nicht anwendbar. Und nein, die Kriminalität ist seit der Ostgrenzöffnung
nicht gestiegen :-). In der sächsischen Grenzregion gibt es schon seit Jahren ein massives Problem mit Einbrüchen und Diebstahl. Lass euch nur blenden von der Aufklärungsqote:-) Interessant ist doch eher, wie diese zustande kommt.

10.03.2016 10:53 Bingo 14

Wohnungseinbrüche Deutschland-Aufklärungsquote 15,5%, Gerichtsverfahren 2,6% das ist der" Deutsche Rechtsstaat".Wer schützt das Eigentum der Bürger.???????

10.03.2016 10:10 Bingo 13

Bewacht nicht nur Asylbewerberheime,Gerichte und Eure Machtzentralen sondern auch unsere Grenzen und unsere Bürger,dafür werdet Ihr gewählt oder gegebenenfalls abgewählt.(Wahltag ist Zahltag, der 13.3.16 ist so ein Tag in 3- Bundesländern.)

09.03.2016 12:10 Lyn 12

hoffentlich haben die Betroffenen eine Versicherung, die auch bei Einbruch zahlt.
Aber selbst wenn: Die Leute werden sich in den eigenen 4 Wänden nie wieder richtig sicher fühlen!
Ich habe auch ein Haus....allerdings ein Stück weit weg von der nächsten Autobahn was mich wohl bis zu einem gewissen Grad schützt, da der Fluchtweg für die Banden zu weit ist.

Wenn die EU zusammenklappt - und es wieder Grenzkontrollen gibt - hat das den absoluten Vorteil, dass die osteuropäischen Diebesbanden nicht mehr so ohne weiteres ins Land kommen. Damit dürfte dieser Spuk über kurz oder lang zumndest stark abnehmen.

09.03.2016 11:46 Atheist - aus Mangel an Beweisen 11

Ich kannte mal ein Land DDR genannt. Und wehe wehe das sozialistische Eigentum einer bestehle, so war er schnell ermittelt und verriegelt. Heute lebe ich in einem Land das das private Eigentum man nicht schützen kann, stattdessen werden Täter kaum ermittelt und selbst wenn dann nicht verriegelt. Die meisten haben vor 25 Jahren dafür gestimmt das wir Bananen gegen Sicherheit tauschen.

09.03.2016 11:15 Conny 10

In unserer Nachbarschaft in Nordsachsen ist es diesbezüglich NOCH ruhig. Gott sei Dank! Auch hier gibts Eigenheimsiedlungen die durch harte Arbeit der Bewohner entstanden sind und für manche auch Schulden bedeuten. Aber wenn ich mir die Thüringer Karte ansehe fällt auf dass alle Einbruchsorte in Autobahnnähe liegen und dadurch der Fluchtweg relativ schnell erreicht wird. Warum kann da nicht auch verstärkt an den Autobahnzufahrten kontrolliert werden? Irgendwas auffälliges muss doch da bemerkt werden (Kennzeichen der Fahrzeuge zu bestimmten Tageszeiten - aber die Autos sind ja vlt. auch geklaut) Aber dafür ist ja die Polizei zuständig. Sind hier aber nur meine Ideen. Bin nur traurig, dass die Opfer relativ allein dastehen und nen Haufen Ärger haben und von mentalen Schäden gar nicht zu reden.

09.03.2016 11:10 In diesem Sinne schon 9

@09.03.2016 10:42 Ichich (6 Irgendwelche Sparmaßnahmne haben nichts, aber auch gar nichts mit "Banken" zu tun.) Indirekt schon - wobei "Banken" für das dahintersteckende System steht, den Freihandel, den Sozialabbau und vor allem den asozialen Spitzensteuersatz in Deutschland eingeschlossen. Die Wahrnehmung des staatlichen Gewaltmonopols ist ein abolutes Basic eines jeden Rechtsstaates - wenn er das nicht mehr angemessen finanzieren kann, hat dieser Staat ein massive, seine Legitimität direkt berührendes Problem. Und in doiesem Zusammenhang fällt auch einem taubstummen Blinden auf, daß gewisse Interessengruppen in diesem Land stets und ständig nach oben fallen. Und seltsamerweise sind dieses Gruppen so gut wie immer im Umfeld des Finanz- und Anlagegeschäftes zu finden. Selbst bei massivstem Fehlverhalten ist eine proportional ausfallende persönliche Haftung so gut wie ausgeschlossen. So etwas prägt über die Jahre. Verstehen Sie also "Bankenrettung" allegorisch.

09.03.2016 10:52 Freia Türzuh 8

Und wenn doch mal einer dieser Verbrecher gefasst wird, bekommt er eine halbjährige Bewährungsstrafe, dank der milden deutschen Rechtsprechung...

09.03.2016 10:47 Selei 7

Wenn die Banden oder sogar einzelne Personen
bekannt sind muss es doch eine Möglichkeit
geben diese auszuschalten.
Sicherheitshaft oder was weiss ich wie man dem
begegnen kann. Im beste Fall in den Wasunger
Karnevalszug und dahin wo sie hergekommen sind.

09.03.2016 10:42 Ichich 6

@Danbke, die "Banken" waren vor allem Staats-, insbesondere Landesbanken. Bislang ist im übrigen kein Cent aus den staatl. Finanzhaushalten an die "Banken" geflossen", sondern es wurden "nur" Schulden erhöht. Irgendwelche Sparmaßnahmne haben nichts, aber auch gar nichts mit "Banken" zu tun.