Ein Grabstein auf einem Tier-Mensch-Friedhof in Essen zeigt die Darstellung einer Tatze in einer Menschlichen Hand. Dazu stehen die Worte Immer verbunden.
Grabstein auf einem Tier-Mensch-Friedhof (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Fakt ist! aus Erfurt "Friedhöfe müssen moderner werden"

Im Trauerfall herrscht in Deutschland Friedhofspflicht. Ihre letzte Ruhe müssen Verstorbene in offiziellen Gräbern finden. Das ist ein Stück Bestattungstradition, meinen die einen. Andere halten das für überholt. Bei Fakt ist! trafen beide Seiten aufeinander.

Ein Grabstein auf einem Tier-Mensch-Friedhof in Essen zeigt die Darstellung einer Tatze in einer Menschlichen Hand. Dazu stehen die Worte Immer verbunden.
Grabstein auf einem Tier-Mensch-Friedhof (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO

Friedhöfe müssen moderner werden, um den Wünschen von Verstorbenen und Hinterbliebenen gerecht zu werden. Das sagte Gerd Rothaug, Chef des Bestatter-Verbands Thüringen, am Montagabend in der MDR-Sendung Fakt ist! aus Erfurt. Mit ihm in der Runde diskutierten mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Jörg Thamm und dem Pfarrer Ulrich Seidel zwei Verfechter sowie mit Torsten Schmitt ein vehementer Gegner der Friedhofspflicht.

Gerd Rothaug Vorsitzender Bestatter-Verband Thüringen e.V. „Wir brauchen auch in Zukunft den Friedhof als Ort der Stille und des Gedenkens.“
Gerd Rothaug Bildrechte: Gerd Rothaug

Rothaug sagte, "ein Friedhof ist ein Ort der Trauerbewältigung". Aber sie müssten sich auch bewegen und attraktiv sein. Dazu gehöre, dass Menschen zwischen mehreren Bestattungsoptionen wählen könnten. Als Beispiel nannte er die Ascheteilung - ein Teil wird wie gewöhnlich auf dem Friedhof beigesetzt, ein anderer Teil geht als Asche-Amulett oder in einer Urne mit nach Hause. An der Pflicht, sich auf dem Friedhof bestatten zu lassen, hält Rothaug aber fest. "Ein Friedhof ist ein Ort der Stille und gehört dazu."

200 Jahre Friedhofszwang in Deutschland

Gegenwird bekam der Chef des Bestatter-Verbands von Torsten Schmitt, der Mitglied bei Aeternitas ist, einem Verein, der sich für eine Öffnung der Bestattung einsetzt. Der Friedhofszwang sei eine unangemessene Bevormundung der Bürger und diene allein Lobbyinteressen", sagte er. Um im Trauerfall die Überreste des Verstorbenen in einer Urne mit nach Hause zu nehmen, wählten deshalb einige den Weg über das Ausland - Schweiz, Niederlande oder Tschechien, wo dies ganz legal ist. In Deutschland herrscht dagegen mit Ausnahme von Bremen seit 200 Jahren Friedhofspflicht und wird bei Verstoß mit einem Ordnungsgeld geahndet.

Torsten Schmitt Aeternitas e.V. - Verbraucherinitiative Bestattungskultur „Der Friedhofszwang ist eine unangemessene Bevormundung der Bürger und dient alleine Lobbyinteressen.“
Torsten Schmitt Bildrechte: Torsten Schmitt

In Thüringen öffnete sich das vor kurzem, wie auch in anderen Bundesländern längst geschehen: So machte die rot-rot-grüne Koalition den Weg für Waldbestattungen frei. Dabei handelt es sich streng genommen immer noch um Friedhöfe unter kommunaler Aufsicht. Dennoch ist eine Urnenbestattung zwischen den Bäumen möglich. Nur an der Umsetzung hapert es noch. So versucht die Stadt Bad Berka im Weimarer Land seit Jahren, einen Friedwald einzurichten, zog sogar bis vors Verwaltungsgericht und bekam recht. Doch bis heute gibt es im Ort keinen Bestattungswald. Frieder Witte von der Bürgerinitiative "Bestattungswälder in Thüringen" schob dies bei Fakt ist! auch auf den trägen Verwaltungsapparat.

"Friedhöfe verursachen enorme Kosten"

Jörg Thamm CDU Landtagsabgeordneter Thüringen „Die Friedhofskultur ist gesellschaftlich gewachsen und bedarf einer gewissen Ordnung.“
Jörg Thamm Bildrechte: Jörg Thamm

Der CDU-Landtagsabgeordnete Jörg Thamm sperrte sich wie seine Fraktion bis zuletzt gegen eine Öffnung des Friedhofszwangs - und hat dabei vor allem die Finanzen im Blick. "Ein Friedhof verursacht enorme Kosten", sagte Thamm, der als Bürgermeister der Landstadt Plaue im Ilm-Kreis selbst über eine Friedhofsanlage wacht. Nur wenn alle verpflichtet sind, sich auf einem Friedhof bestatten zu lassen, rechneten sie sich halbwegs, ohne dass Bürger zu sehr belastet würden oder die Kommunalaufsicht dazwischenfunke. Bei einer Abschaffung der Friedhofspflicht müssten vor allem kleinere Friedhöfe um ihre Existenz bangen, mutmaßte Thamm.

Dem entgegnete Schmitt, dass Geld nie ein Grund sein dürfe, um Grundrechte zu beschneiden. Und genau darauf laufe es hinaus. Zudem zeigten Beispiele aus dem Ausland, dass sich dennoch genügend Menschen auf dem Friedhof bestatten ließen. "Ich glaube nicht, dass der finanzielle Schaden so hoch ist", sagte Schmitt.

Ulrich Seidel, ein Pfarrer aus Markkleeberg, erwiderte: Friedhöfe gehörten zum menschlichen Kulturgut seit Anbeginn. Es sei eine Frage der menschlichen Würde: "Ich will nicht in einer Urne neben einer Rotweinflasche enden", sagte er, auch wenn die Idee mit dem Wein vielleicht gar nicht so schlecht sei. Friedhöfe seien Biotope - genau wie Rothaug hält auch er eine modernere Bestattungskultur für denkbar. Wo es passt, könne auf einem Friedhof beispielsweise ein Spielplatz gebaut werden. Auch gemeinsame Bestattungen von Mensch und Lieblingshaustier befürwortete er.

Bestattung mit dem Haustier in Jena-Burgau

Dr. Ulrich Seidel Pfarrer in Markkleeberg „Bestattung liegen mir mehr, als Hochzeiten“
Ulrich Seidel Bildrechte: Dr. Ulrich Seidel

Auf dem Friedhof Jena-Burgau werden in Thüringen voraussichtlich ab Januar 2018 die ersten Mensch-Tierbestattungen möglich sein. Zunächst soll es 75 Grabstätten geben. Bei Fakt ist! zeigte sich, dass viele Menschen in der Frage noch gespalten sind. Manche können es nicht glauben und halten das für einen Witz. Andere wiederum können sich das sehr gut vorstellen. Ähnlich gespalten sind die Menschen bei der Frage, wo sie bestattet werden wollen. In einer nicht-repräsentativen Umfrage im Vorfeld der Sendung hatte sich eine Mehrheit aber noch immer für eine klassische Bestattung auf einem Friedhof ausgesprochen.

Wo wollen Sie bestattet werden?

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 06. November 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2017, 01:15 Uhr

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19 Kommentare

08.11.2017 22:06 Julius 19

Ich bin erst 25 und absolut für den Friedhofszwang. Einerseits mag die Bestattungsform die Entscheidung des Verstorbenen (zu Lebzeiten) sein. Andererseits spielt sie für diesen keine Rolle mehr, für Angehörige und Freunde hingegen schon. Diese sind, sofern sie die Überreste besuchen wollen, auf Friethöfe angewiesen. Man stelle sich vor man müsste immer die verhasste Schwiegermutter besuchen um die Asche des verstorbenen Partners aufzusuchen.
Wie ich finde führt die Beschäftigung mit diesem Thema zu einer viel weitreicherenden Frage: Wer hat das Recht an den Verstorbenen überresten? Der Tote, die Angehörigen, oder der Staat? Wer darf über Verbrennung oder Erdbestattung entscheiden? Und wie schädlich sind Feuerbestattungen für das Klima? Klingt makaber, aber für mich ist klar, dass die Wahl der Bestattung nicht auf Kosten des Weltkliemas oder des Lebuns von Organempfängern gehen darf.

08.11.2017 21:53 Frank Spiekermann 18

Pfarrer, Bürgermeister und Bestatter fürchten eindeutig um ihre "Besitzstände". Geschenkt! Die Friehofspflicht wird garantiert in den nächsten Jahren zu Recht gekippt!
Und mit etwas Mundpropaganda findet man auch einen Bestatter seines Vertrauens der einem die Urne aushändigt.
Warum soll jemand außer mir bestimmen, was mit meiner Asche passiert.
Lebendig darf ich ja auch bestimmen, wohin ich gehe.

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