Die Innenstadt von Wittenberg mit Blick auf die Schlosskirche.
Die Innenstadt von Wittenberg mit Blick auf die Schlosskirche. Bildrechte: dpa

"Fakt ist!" aus Erfurt über das Lutherjubiläum Theologe Wolff: Ein Reformationsjahr wie übergestülpt

Es ging um Glaubensbotschaft, Geld und Luthers Judenfeindlichkeit: Bei Fakt ist! diskutierten die Studiogäste durchaus kontrovers Erfolge und Misserfolge des Jubiläums anlässlich 500 Jahre Reformation.

Die Innenstadt von Wittenberg mit Blick auf die Schlosskirche.
Die Innenstadt von Wittenberg mit Blick auf die Schlosskirche. Bildrechte: dpa

Das Reformationsjubiläum ging an der Wirklichkeit der Kirchengemeinden vorbei. Zu dieser Einschätzung kam der frühere Leipziger Thomaspfarrer und Autor Christian Wolff in der MDR-Sendung Fakt ist! aus Erfurt. Gerade Gemeinden in Ostdeutschland wüssten oft nicht, wie es weitergeht, sagte er. "Es wird personell beschnitten und es herrscht viel Frust". Er hätte sich deshalb gewünscht, dass zum Reformationsjubiläum über die Situation der Kirchen in einer säkularen Gesellschaft viel mehr gesprochen werde. Doch dieser Wunsch sei unerfüllt geblieben.

Laut Wolff befindet sich die Kirche gegenwärtig in einer Krise. Die evangelische Kirche habe es anlässlich 500 Jahre Reformation weder geschafft, dies deutlich nach außen zu kommunizieren, noch die Krise innerhalb der Kirche offen anzusprechen. "Es war wie übergestülpt, auch wenn Wunderbares dabei war", sagte Wolff über das Reformationsjubiläum. Er und der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer hatten zuletzt bereits in einer Streitschrift von einem verschenkten Reformationsjahr gesprochen, was innerhalb der evangelischen Kirche auch auf Kritik gestoßen war.

Irmgard Schwaetzer: Viel ist in Bewegung gekommen

Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschland
Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschland Bildrechte: Irmgard Schwaetzer

Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche, Irmgard Schwaetzer, widersprach der Einschätzung. "Absicht war es, mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen", sagte sie. Das Interesse an der Glaubensbotschaft sei sehr groß gewesen. Die reformatorische Theologie - in direkter Beziehung zu Gott stehen und dabei keinen Priester oder Theologen zu brauchen - sei Anspruch gewesen. Schwaetzer beobachtete: Bei den Gottesdiensten in Wittenberg sei dabei ganz viel in Bewegung gekommen. Aber sie sagte auch, dass nicht alles gut war zum Reformationsjubiläum. Darüber müsse geredet werden. Ähnlich sah das später die ehemalige Wittenberger Pfarrerin Kristin Jahn. "Da ist einiges falsch gelaufen, auch wenn wir den schönsten Sommer in Wittenberg erlebt haben", sagte sie.

Der Journalist Benjamin Lassiwe begleitete das Jubiläum intensiv. Ihm zufolge hat vor allem der Staat profitiert, während die Kirchen sich fragen lassen müssen, was sie falsch gemacht haben. "Die Hotels waren voll, es war unmöglich in Wittenberg eine Unterkunft zu bekommen." Dagegen habe die "Weltausstellung Reformation" in der Lutherstadt nicht gerade viele Besucher angelockt. Ähnlich war dies beispielsweise bei den Kirchentagen "Auf dem Weg" wie in Leipzig. Die Veranstalter planten mit 50.000 Tickets, verkauft wurden gerade mal 15.000. Lassiwe sprach von einem falschen Konzept in Wittenberg. Statt Kirchen-Pavillons im Park hätte man das Fest in die Wittenberger Altstadt verlegen sollen.

Giordano Bruno Stiftung: Luther nicht feierwürdig

Maximilian Steinhaus
Maximilian Steinhaus von der Giordano Bruno Stiftung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu einem vernichtenden Ergebnis kam unterdessen Maximilian Steinhaus von der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung, die nach eigenen Angaben für einen Humanismus im Sinne der Aufklärung steht. "Die Kirche hat die Chance vertan, sich endgültig von Luther zu lösen", sagte er. Luther habe massiv gegen Juden gehetzt, Steinhaus sprach von einem "regelrechten Vernichtungsprogramm". "Luther ist absolut nicht feierwürdig", sagte er weiter. EKD-Synodenpräses Schwaetzer erwiderte vehement: Man habe sich mit Luthers Judenfeindlichkeit klar auseinandergesetzt und davon distanziert. "Ich frage mich, auf welchen Veranstaltungen Sie waren", sagte sie in Richtung Steinhaus. Anstoß seiner Kritik waren vor allem die Steuergelder, die ins Reformationsjubiläum flossen. Der Staat habe gegen seine Pflicht zur weltanschaulichen Neutralität verstoßen, sagte der Mann von der Stiftung.

250 Millionen Euro vom Staat

Christian Wolff, Pfarrer im Ruhestand
Einstiger Thomaspfarrer Christian Wolff Bildrechte: Christian Wolff

Immerhin schoss der Staat seit 2010 rund 250 Millionen Euro hinzu. Die Länder Sachsen-Anhalt (80 Millionen) und Thüringen (60 Millionen) stemmten einen Bärenanteil. Sachsen war mit zehn Millionen Euro dabei. Schwätzer hielt die staatlichen Ausgaben dagegen für gerechtfertigt. "Die wunderbaren sanierten Gedenkstätten, Häuser und Kirchen sind eine gut angelegte Zukunftsinvestition." Für die zusätzlichen Mittel sei die Kirche nicht der richtige Ansprechpartner, denn die Parlamente hätten diese beschlossen. Sie persönlich halte sie aber für richtig, da es ein Fest von "Weltbedeutung" sei.

Ähnlich sahen das Thomaspfarrer Wolff als auch Journalist Lassiwe. "250 Millionen klingen wie eine gigantische Summe", sagte Wolff. Aber damit sei nachhaltig saniert worden. Außerdem: "Die Reformation im 16. Jahrhundert war nicht nur ein kirchliches Geschehen, sondern betraf die gesamte Gesellschaft in Mitteleuropa." Lassiwe verwies auf andere Großereignisse, die ebenfalls vom Staat subventioniert werden. Allerdings wünschte er sich angesichts mangelnder Organisation und schwacher Besucherzahlen, dass Kirche und Parlamente noch einmal genauer in die Organisationsunterlagen schauen mögen. Und: "Die Kirche hätte sich fragen lassen müssen, ob man vielleicht vorher hätte abbrechen müssen."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! | 09. Oktober 2017 | 22:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2017, 11:26 Uhr

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20 Kommentare

11.10.2017 23:37 part 20

...möge uns der Rummel um Luther oder ursprünglich Luder doch bald verlassen um uns wichtigeren Themen unserer heutigen Gesellschaft zu widmen für die die beiden überportional bezahleten Staatskirchen keine Antworten parat haben, da eben zuerst Aberglaube und später Subsidaritätsprinzip mit Monopolstellung.

11.10.2017 17:53 Realist2014 19

@Nr. 18: Feinbild wäre übertrieben. Ich habe nichts für diese Organisation und ihre Ideologie und Parolen übrig und insbesondere ein Problem damit, wenn die Fowid teilweise als neutrale Quelle angegeben wird. Zu Ihrer Frage: Das schwingt in Ihrem Beitrag klar mit. Wenn Sie sagen, die G. Bruno Stiftung betreibe in Wirklichkeit Aufklärung, stellen Sie sich ja offenkundig hinter Inhalte und hinter die Äußerungen dieses Vereins. Dieser vertritt die Ansicht, dass Religionen „die kulturelle Evolution der Menschheit bis heute auf unheilvolle Weise beeinflussen“ und nichts in der Geisteswissenschaften ein Sinn ergebe außer im Lichte der Biologie. Da klingt ziemlich nach absoluter Wahrheit und „alle anderen Leute sind dumm“. Der Begriff Aufklärung impliziert zudem, dass jeder, der nicht materialistischer und naturalistischer Atheist ist (trifft übrigens auf ein’ Großteil der Menschen inklusive vieler Wissenschaftler zu)unvernünftig ist und handelt und daher der Aufklärung o. g. Mitbürger bedarf

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