Zwei syrische Flüchtlinge nehmen an einer Bildungsmaßnahme in der Handwerkskammer in Cottbus (Brandenburg) teil
Zwei syrische Flüchtlinge während einer Bildungsmaßnahme. Bildrechte: dpa

Integration in Thüringen Weiter wenige Flüchtlinge in Arbeit

Das Lernen der deutschen Sprache und die Aufnahme einer Arbeit gelten als Schlüssel für eine gelungene Integration. Zahlen für Thüringen zeigen nun: Noch immer sind Asylbewerber im Job die Ausnahme. Doch die Erfahrung zeigt: Vor allem gezielte Förderprojekte können die Hürden überwinden.

Zwei syrische Flüchtlinge nehmen an einer Bildungsmaßnahme in der Handwerkskammer in Cottbus (Brandenburg) teil
Zwei syrische Flüchtlinge während einer Bildungsmaßnahme. Bildrechte: dpa

Zwei Jahre nach dem großen Flüchtlingszuzug haben rund zwölf Prozent der rund 12.000 anerkannten Flüchtlinge in Thüringen einen Job. Das geht aus Zahlen der Landesarbeitsagentur vom Dezember 2016 hervor. Zu diesem Zeitpunkt gingen etwa 1.500 Flüchtlinge einer Beschäftigung nach. Etwa jeder Dritte hatte aber nur einen Minijob. Die meisten arbeiten als Zeitarbeiter, im Gastgewerbe und im Handel. Bei der Landesarbeitsagentur liegen noch keine Zahlen für 2017 vor.

Der Sitz der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt in der Arnstädter Straße.
IHK in Erfurt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr als 2.000 weitere Flüchtlinge sind derzeit bei den IHKs und den Arbeitsagenturen auf dem Weg zu einem Job. Sie beteiligen sich an verschiedenen Integrationsprojekten. Nach Angaben der Landesarbeitsagentur kommen sie aus Afghanistan, Pakistan, Syrien, Irak, Iran, Nigeria, Eritrea und Somalia. Die größte Hürde bei der Vermittlung sei die Sprache, so Sprecher Kristian Veil. Aber auch Defizite in der Schul- und Berufsausbildung müssen mit gezielten Programmen ausgeglichen werden.

Auch das Gemeinschaftsprojekt der Thüringer IHKs und Handwerkskammern "FIF" (Projekt zur Förderung der beruflichen Integration von Flüchtlingen) soll helfen, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Koordiniert wird das Projekt von acht Mitarbeitern der Kammern. Den Angaben nach wurde die Hälfte der 984 Projektteilnehmer seit dem Start im Dezember 2015 vermittelt. Die wenigsten von ihnen bekamen allerdings einen neuen Job oder eine Lehrstelle. Lediglich fünf Prozent wurden als Azubis und sieben Prozent der Flüchtlinge in ein Arbeitsverhältnis vermittelt. Der Großteil erhielt ein Praktikum oder wurde qualifiziert.

IHK rechnet mit deutlich mehr Vertragsabschlüssen

Mit Blick auf die Zukunft rechnet die IHK jedoch mit deutlich mehr Vertragsabschlüssen. Die meisten der aktuell 275 Projektteilnehmer sind den Angaben nach im besten Ausbildungsalter. Außerdem sind zahlreiche Flüchtlinge mittlerweile qualifiziert worden. Die größte Hürde für mehr Integration sind laut IHK-Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser mangelnde Sprachkenntnisse. Ohne entsprechendes Sprachniveau könne nicht vermittelt werden, so Grusser.

Ein weiteres Problem ist die Bereitschaft der Unternehmen, Flüchtlinge zu beschäftigen. So gaben beispielsweise lediglich 20 Prozent der befragten Unternehmen in einer Umfrage der IHK Südthüringen an, dass Flüchtlinge helfen könnten, den Fachkräftemangel zu lindern. 80 Prozent der Unternehmen gaben an, dass sie den Fachkräfte-Engpass nicht mit der Einstellung von Flüchtlingen kompensieren wollen.

Thomas Malcherek
Thomas Malcherek von der Handwerkskammer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch im Thüringer Handwerk ist der erhoffte Boom durch die Zuwanderung ausgeblieben. Hunderte Lehrstellen sind noch immer unbesetzt. Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Erfurt, Thomas Malcherek, verweist auf die häufigen Sprachprobleme, die eine Vermittlung in den Arbeitsmarkt schwierig machen. Zum Teil liege es aber auch an der Mentalität der Menschen. Allerdings lernten zurzeit auch viele Zuwanderer Deutsch in Sprachkursen. Die Betriebe hofften daher, dass künftig mehr Flüchtlinge als Arbeitskräfte zur Verfügung stünden, so Malcherek.

Deutsche Bahn mit Programm zufrieden

Derweil zieht die Deutsche Bahn mit Blick auf ihre Premieren-Klasse in Erfurt eine positive Bilanz. Das Unternehmen hat innerhalb eines Jahres berufserfahrene Flüchtlinge mit dem sogenannten Programm "ChancePlus" umgeschult. Zwölf von 14 Teilnehmern haben jetzt das offizielle Zertifikat der IHK in der Tasche. Damit steht ihnen der Weg für eine Ausbildung bei der Bahn offen. Zehn haben diese Chance genutzt und am 1. September mit einer Ausbildung begonnen. Die Übrigen haben aus unterschiedlichen Gründen nicht bei der Bahn angefangen. So wollte ein Flüchtling lieber Lokführer werden und ein Anderer hat eine Rot-Grün-Schwäche, die laut Bahn leider erst nach der Qualifizierungsphase festgestellt wurde. Künftig soll der entsprechende Eignungstest zu Beginn der Programme stehen. Mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres ist bereits ein neuer Integrationskurs bei der Bahn mit bis zu zwölf Flüchtlingen gestartet.

Ein Flüchtling aus Syrien (l) sitzt in der Erstaufnahmestelle in Suhl (Thüringen) in einem Büro der Agentur für Arbeit neben zwei Sachbearbeitern.
Flüchtling aus Syrien in einer Erstaufnahmestelle in einem Büro der Agentur für Arbeit. Bildrechte: dpa

Die Agentur für Arbeit in Erfurt unterstützt das Bahn-Projekt. Die sogenannte Einstiegsqualifizierung ist für jeden Unternehmer offen. "Chance Plus" gibt es schon viele Jahre. Entwickelt wurde es ursprünglich für Jugendliche, die keine Ausbildungsreife erlangt haben. Mit dem Programm, das nun für Flüchtlinge modifiziert wurde, kann ein betriebliches Praktikum absolviert werden, das sechs bis zwölf Monate dauert. Die Agentur spricht von einem sozialversicherungspflichtigen Langzeitpraktikum. Für jeden Flüchtling erhält der Arbeitgeber monatlich bis zu 231 Euro Zuschuss.

Auch das Land Thüringen will mit aktuell 41 Integrationsprojekten Geflüchtete in Lohn und Brot bringen. Fünf weitere Integrationsprojekte seien bereits bewilligt, teilte ein Sprecher des Arbeitsministeriums MDR THÜRINGEN mit. 9,3 Millionen Euro hat das Land seit dem Start der ersten Projekte im Oktober 2015 bereitgestellt. In der Summe sind auch die aktuellen Projekte, die über 2017 hinausgehen, mit eingerechnet.

Knapp 175 Millionen Euro für Asylbewerber

Derweil ist die Zahl der Asylbewerber, die sogenannte Regelleistungen vom Staat erhalten, im vergangenen Jahr in Thüringen deutlich zurückgegangen. Nach Angaben des Statistischen Landesamts waren es Ende 2016 etwa 12.000 Menschen - und damit rund 42 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor. Zugleich wurde aber mehr Geld an Asylbewerber ausgezahlt. Waren es im Jahr 2015 noch 77,5 Millionen Euro, die auf Basis des Asylbewerberleistungsgesetzes ausgezahlt wurden, waren es im vergangenen Jahr 174,7 Millionen Euro. Mehr Geld bei weniger Asylbewerbern erklärt sich dadurch, dass die große Zahl von Asylbewerbern 2015 erst in den letzten Monaten des Jahres nach Thüringen kam.

Das Durchschnittsalter der überwiegend männlichen Asylbewerber lag 2016 bei 22,5 Jahren. Knapp ein Drittel waren Kinder unter 15 Jahren, nur vier Prozent hatten das 50. Lebensjahr bereits vollendet. Die meisten kamen aus Asien, vor allem aus Afghanistan. Viele waren irakische oder syrische Staatsangehörige. Jeder Vierte stammte aus Europa. Nur jeder Zehnte kam aus Afrika. Die meisten der Asylbewerber waren Ende 2016 dezentral untergebracht, knapp 5.000 lebten in Gemeinschaftsunterkünften. Zum Stichtag am 31. Dezember 2016 besaßen gut 80 Prozent der Regelleistungsempfänger eine Aufenthaltsgestattung und knapp zwölf Prozent eine Duldung.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 28. September 2017 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2017, 11:46 Uhr

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17 Kommentare

28.09.2017 20:51 Agnostiker 17

Und wieder einmal wird Arbeitsmigration mit dem (zeitlich begrenzten) Recht auf Asyl verquickt.
Erwarten die Verantwortlichen, dass bei dauernder Wiederholung die Sinnhaftigkeit der Begrifflichkeiten von alleine verschwimmt?

Sicher sind Einige mit einer falschen Hoffnung auf Ausbildung, Arbeit und Reihenhaus aus ihrer Heimat "gefluechtet".

Wenn man die wahren "Fluchtgruende" genauer betrachtet (im Stadtpark), kommt man zu dem Ergebnis, dass bei vielen dieser "Fluechtlinge" in Wirklichkeit der Wehrdienst bzw. harte Feldarbeit einen nicht unerheblichen Anteil an den "Fluchtursachen" gehabt haben mag.

Dieses Problem koennte auf unserer Seite behoben werden, indem "Fluchtanreize" wie das Mueheloseneinkommen, Umsonstwohnung und die kostenlose medizinische Rundumversorgung fuer "Menschen, die noch nicht solange hier leben" ersatzlos gestrichen wird, und durch Essenmarken, zentrale Unterbringung und eine absolute Notfallversorgung ersetzt wird

28.09.2017 20:42 fischotter 16

@7 Nachdenklicher, genau meine Meinung. Wir reden von Schutz auf Zeit. Integration, dieses Wort mag ich eigentlich nicht hören. Wie die aussieht kann man besonders in westdeutschen Großstädten bewundern. Dort nennt man es Parallelgesellschaften. Die meisten „Schutzsuchenden“ sind Glücksritter. Der IS ist in Syrien fast besiegt, und Merkel will den Familiennachzug. Das klingt eher nach einem Plan, statt nach GG Artikel 16a. Ach ja, bevor ich es vergesse, auch die Firma Papenburg hat mit der Ausbildungsoffensive für „Flüchtige“ beste Erfahrungen gesammelt, wie der MDR kürzlich berichtete.

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