Schwarz-weiß Postkarte mit vier Bildern aus Neustadt im Südharz.  Man sieht den - Ratskeller -, die Freilichbühne, den Speiseraum im Ratskeller und das Weinzimmer im - Haus zur Sonne -.
Im Neustädter "Ratskeller" wurden die 300 Urlauber täglich dreimal verköstigt. Weil nur 100 Gäste in den Speisesaal passten, wurde in drei Durchgängen gegessen. Bildrechte: Frank Pojtinger

Thüringer Ferienorte früher und heute: Neustadt im Harz Bier für Pilze: Ilse Pojtinger auf Beschaffungstour für den FDGB

Sie war 36 und alleinerziehend mit vier Kindern, als sie nach Neustadt im Südharz kam. Ilse Pojtinger sollte ein HO Hotel in ein Betriebsferienheim umbauen. Umgesetzt hat die heute 81-Jährige allerdings viel mehr.

von Thomas Kalusa

Schwarz-weiß Postkarte mit vier Bildern aus Neustadt im Südharz.  Man sieht den - Ratskeller -, die Freilichbühne, den Speiseraum im Ratskeller und das Weinzimmer im - Haus zur Sonne -.
Im Neustädter "Ratskeller" wurden die 300 Urlauber täglich dreimal verköstigt. Weil nur 100 Gäste in den Speisesaal passten, wurde in drei Durchgängen gegessen. Bildrechte: Frank Pojtinger

Eines der großen Ziele für FDGB-Urlauber in Thüringen war Neustadt im Südharz. Hier setzte der FDGB auf familiäre Einzelunterbringung und auch auf über 200 betriebseigene Bungalows. Eine, die noch genau weiß, wie es damals war, ist die frühere Leiterin des Hauses "Hohnstein" Ilse Pojtinger. Die aktive 81-Jährige ist auch heute immer noch voll im Dienst des Tourismus. "Also ich hab wirklich von früh um sieben bis nachts um eins gearbeitet, da musste ich alles geben!" Ilse Pojtinger, blond getönte Haare und frecher wacher Blick ist der Beweis, dass Arbeit fit hält.

Ferienorte früher und heute in Bildern

Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Es war eines der ersten FDGB-Ferienheime, das in der DDR neu gebaut wurde: das "Theo Neubauer" in Tabarz. Hier: Der denkmalgeschützte Altbau heute. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Es war eines der ersten FDGB-Ferienheime, das in der DDR neu gebaut wurde: das "Theo Neubauer" in Tabarz. Hier: Der denkmalgeschützte Altbau heute. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Etwas abseits vom Ort entstand am Waldrand ein langgezogener Bau. So sehen die Zimmer des heutigen Tagungshotels aus. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Rezeption damals und heute: Zu DDR-Zeiten erholten sich in Tabarz auch viele ausländische Gäste. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Das Ferienheim in Tabarz nach der Erweiterung von 1974: Der Eingang im neuen Zwischentrakt zwischen Alt- und Neubau. Bildrechte: Archiv
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Diese Archiv-Aufnahme des Speisesaales im Tabarzer FDGB-Heim "Theo Neubauer" stammt aus den 1950er-Jahren. Bildrechte: Archiv
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Etwa um die gleiche Zeit wurde die Bar im Tabarzer FDGB-Heim "Theo Neubauer" fotografiert. Bildrechte: Archiv
Das einstige FDGB-Ferienheim August Bebel in Friedrichroda
Das FDGB Heim "August Bebel" in Friedrichroda war mit rund 1.500 Betten das größte in Thüringen. Es eröffnete 1980. Bildrechte: Berghotel Betriebs GmbH und Co.
Das einstige FDGB-Ferienheim August Bebel in Friedrichroda
Schon Ostern 1991, also nach nur rund drei Monaten Schließzeit, konnte das FDGB Heim "August Bebel" als "Berghotel Friedrichroda" wieder öffnen. Bildrechte: MDR/Heinz Diller
Das einstige FDGB-Ferienheim August Bebel in Friedrichroda
Aufgrund seiner Bauweise und der exponierten Lage erhielt das FDGB-Heim "August Bebel" in Friedichroda schnell Spitznamen wie "Maya-Tempel" oder "Bienenkorb". Bildrechte: MDR/Heinz Diller
Blick auf ein Plattenbau-Hotel 1996. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
1960 trainierte hier Täve Schur mit der Nationalmannschaft der Friedensfahrt, heute ... Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Eine Hotel-Rezeption im Stil des Jahres 1996. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
... ist aus dem FDGB-Ferienheime "Frankenwald" in Wurzbach das Familienhotel "Aparthotel am Rennsteig" geworden. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Blick auf eine Hotelanlage mit Treppe,Spielplatz, Gebäude. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach im jahr 1996, heute Aparthotel am Rennsteig
Das einstige Wurzbacher FDGB-Heim "Frankenwald“ bis heute ein Urlaubshotel geblieben. Diese Aufnahme stammt von 1996. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Blick in eine Hotelzimmer im jahr 1996. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
Das "Frankenwald" in Wurzbach war das letzte FDGB-Heim, das in der DDR gebaut und 1985 eröffnet wurde. Hier: Ein Blick in ein Hotelzimmer im Jahr 1996. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Weiß bezogene Betten auf rotem Teppich in einem Hotelzimmer. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig.
So sehen die Zimmer im heutigen "Aparthotel am Rennsteig" in Wurzbach aus. Bildrechte: Stefanie Reinhardt/ MDR
Blick in den Speisesaal eines Hotels 1996.  Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
Der Speisesaal des früheren FDGB-Heims in Wurzbach 1996. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Der moderne Speisesaal eines Hotels mit Roten Stühlen und weißen Tischdecken. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
Nach und nach modernisierte die Familie Neubeck aus Bayern das Hotel in Wurzbach. So sieht der Speisesaal des "Aparthotel am Rennsteig" heute aus. Bildrechte: Stefanie Reinhardt/ MDR
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1972 kam die alleinerziehende Mutter mit 36 Jahren und vier Kindern nach Neustadt im Harz. Sie sollte das "HO Hotel Hohnstein" in ein Betriebsferienheim für eine Druckerei aus Halle umbauen. Neustadt war damals eines der Zentren der Erholung in Thüringen. "Neustadt selbst ist ja für FDGB-Urlauber sehr bekannt gewesen. Es war in Nordthüringen der einzige Ort der so viel FDGB-Urlauber beherbergt hat. Wir hatten in Neustadt immer 300 Urlauber", sagt sie.

Gewohnt wurde meist in Privatunterkünften. Die Neustädter konnten sich auf diese Weise etwas hinzuverdienen. Der Tagessatz lag bei zehn Mark. "Gegessen wurde aber gemeinsam", erinnert sie sich. "Der 'Ratskeller' war unsere Verpflegungsstätte und da passten jeweils 100 Gäste rein. Und die Frühstück- , Mittag- und Abendzeiten wurden so aufgeteilt, dass alle 300 Urlauber irgendwie abgefertigt wurden."

Für Feriengäste auf Beschaffungstour

Ilse Pojtinger baute in dieser Zeit auch selbst ein Haus und vermietete gleich mehrere Zimmer. Gleichzeitig ging sie für ihr Betriebsferienheim auf Beschaffungstour. "Da bin ich nach Kohnstein bei Nordhausen und hab die Konserven geholt. Von den Konserven bin ich zum Bier gefahren. Da hab ich das Dominator-Bier herangeschafft. Das hab ich dann wieder für Pilze getauscht".

Mit der "Wende" wurde alles anders. Und Ilse Pojtinger ergriff obwohl schon weit über 50 Jahre alt die Initiative. Sie kaufte sie das Hotel "Hohnstein" und ging in sich: "Ich habe wirklich eine ganze Woche nicht schlafen können", sagt sie. Dann habe sie gedacht, jetzt hast du es bis hierher geschafft, jetzt wirst du das auch noch schaffen. Mit über 60 Jahren kaufte sie den "Neustädter Hof" noch dazu.

Nebenbei hatte sie noch fünf Jahre Ökonomie studiert. Die gelernten Kenntnisse nutzt sie nun. Drei Gästehäuser gehören ihrer Familie inzwischen in Neustadt. Beim "Neustädter Hof" flehte die Bank sie geradezu an, ihn doch bitte zu übernehmen. In den ersten Jahren war sie überaus erfolgreich. Manche Gäste kommen seit 25 Jahren regelmäßig zweimal im Jahr. Mittlerweile, mit 81, arbeitet sie nur noch vormittags und kümmert sich sonst um ihre Lamas und ihren Hund. Um den "Ratskeller" kümmert sich inzwischen ihr Sohn Frank. Er organisiert hin und wieder FDGB-Partys - mit dem früheren Sprecher der "Aktuellen Kamera" Klaus Feldmann.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN | Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 30.06.2017 | 5:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2017, 13:11 Uhr

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1 Kommentar

01.07.2017 17:16 Ute. Froebel. 1

Frau Pojtinger war niemals die Chefin des FDGB Feriendienst in
Neustadt. Sie war während der DDR Zeit
Heinleiterin des Betriebsferienheim des Zeitungsverlag Druckhaus Freiheit Halle. Aber das soll nicht
ihre Leistungen nach der Wende schmälern, jedoch muss man auch bei der Wahrheit bleiben.

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