Kommunalwahlen

Nachwende-Politiker hören auf : Generationswechsel in Thüringer Amtsstuben

Wenn am 22. April in Thüringen neue Landräte, Oberbürgermeister und hauptamtliche Bürgermeister gewählt werden, geht mancherorts eine Ära zu Ende. Politiker, die seit dem Fall der Mauer die Entwicklung in Thüringen geprägt haben, gehen in Ruhestand. Abenteuerliche Geschichten aus der aufregenden Wendezeit haben die meisten zu erzählen - und den ein oder anderen Tipp für den Nachfolger.

von Regina Lang

"Du kannst reden. Bewirb Dich doch!" Die klare Aufforderung von politischen Mitstreitern gab 1990 den Ausschlag: Bernd Leube bewarb sich um den Posten des Bürgermeisters von Kahla, wurde gewählt und wieder gewählt. 22 Jahre lang. Jetzt will er das Feld Jüngeren überlassen. So wie etliche andere Kommunalpolitiker, die Thüringen nach der Wende geprägt haben. Barbara Rinke aus Nordhausen gehört dazu, der Sömmerdaer Landrat Rüdiger Dohndorf oder Ralf Luther aus Schmalkalden-Meiningen.

Barbara Rinke verlässt das Nordhäuser Rathaus nach 18 Jahren mit einem guten Gefühl: "Ich habe am Anfang nicht gedacht, dass so viel möglich sein wird. Wir haben das Gesicht der Stadt verändert." Die SPD-Politikerin kann sich noch gut an die Anfangsjahre erinnern. Ihr sei es wichtig gewesen, möglichst viele Nordhäuser in die Meinungsbildung einzubeziehen. Bürgerbeteiligung, wie sie heute selbstverständlich ist, habe es damals noch nicht gegeben.

Auch Bernd Leube ist stolz auf das Erreichte. "Wir hatten null DM, aber viele Chancen." Leubes Lieblingsbeispiel ist das Gewerbegebiet: "Nehmen Sie vier Pfähle und stecken Sie Ihren Claim ab", das habe er einem Investor gesagt und kurz darauf die Ansiedlung perfekt gemacht. Heute sei das so nicht mehr möglich.

Bürgernähe an der Wursttheke

Rinke, Leube und Dohndorf gehören zu den dienstältesten Kommunalpolitikern im Freistaat. Ihre Erfolge führen sie vor allem auf eines zurück: Kontakt zu den Bürgern. "Das Ohr an der Masse", nennt es Leube hemdsärmelig. Und Rinke sagt: "Als Frau habe ich es einfach. Ich gehe in die Kaufhalle und weiß, was die Bürger denken." Damit steht Rinke nicht alleine: Den Wocheneinkauf im Supermarkt nutzt auch der CDU-Politiker Dohndorf für die politische Meinungsbildung.

Die Thüringer Erfahrungen decken sich mit denen vieler anderer Stadtoberhäupter in der Bundesrepublik. In einer Studie "Beruf Bürgermeister" haben die Bertelsmann-Stiftung und der Städte- und Gemeindebund die Arbeit der Kommunalpolitiker unter die Lupe genommen. Bürgernähe und Glaubwürdigkeit geben 80 Prozent der Befragten als notwendige Eigenschaft für ihre Arbeit an.

24-Stunden-Job

Kommunalpolitik ist kein 40-Stunden-Job. "Das Amt kann man nicht an der Garderobe abgeben", resümiert Landrat Dohndorf. Nach dem Tag im Amt geht es zu Bürgerversammlungen, zu Vereinen und Unternehmen. Hier ein Grußwort, da eine Schirmherrschaft, dort ein runder Geburtstag. Wer sich auf einen solchen Job einlässt, muss wirklich Lust darauf haben, sagt Barbara Rinke. Die Familie muss mitmachen. Vielleicht regieren deswegen so wenig Frauen in den Rathäusern. Auch um den Posten von Barbara Rinke bewerben sich bisher ausschließlich Männer. Das passt in den deutschen Durchschnitt. Der typisch deutsche Bürgermeister ist männlich, über 50 und verheiratet, so hat es die Studie ermittelt. Und ganz wichtig: Fast alle befragten Bürgermeister Deutschlands sind höchst zufrieden mit ihrem Beruf! Auch Bürgermeister Leube und Landrat Dohndorf würden eigentlich gern noch mal antreten.

Amtsstuben sind attraktiv

Die Wahlämter sind begehrt. Deutlich mehr Bewerber als bei den vorherigen Wahlen haben ihre Kandidatur bei den Kreiswahlleitern angemeldet. Insgesamt bewerben sich mehr als 250 Kandidatinnen und Kandidaten um die 16 Landrats- , 9 Oberbürgermeister- und 117 Bürgermeister-Posten. Die meisten von ihnen haben ein Parteibuch oder werden von einer Partei unterstützt - manchmal sogar von mehreren. Andere haben Verwaltungsjobs oder sitzen als Abgeordnete in Kreistagen, Stadträten oder im Thüringer Landtag. Doch auch Polit-Neulinge wollen es wissen. In Erfurt tritt beispielsweise ein Mitglied der jungen Piratenpartei an, in Eisenach ein leitender Polizeibeamter, in Weimar ein Unternehmer, im Saale-Holzland-Kreis eine 24-jährige Einzelbewerberin.

Flaute bei den Frauen

Apropos Frauen - die wenigen Bewerberinnen gehen in der Menge der männlichen Bewerber fast unter. Und machen sich dann auch noch gegenseitig Konkurrenz: Im Kyffhäuserkreis treten vier Frauen gegen den amtierenden Amtsinhaber Peter Hengstermann (CDU) an. Der CDU-Politiker Benno Kaufhold im Ilm-Kreis wird von drei Frauen herausgefordert: Eleonore Mühlbauer (SPD), Petra Enders (Linke) und Madeleine Henfling (Grüne). Die drei sehen sich nicht als Konkurrenz, sie haben einen Pakt geschlossen und wollen Kaufhold in die Stichwahl treiben. "Dann unterstützen wir gemeinsam seine Gegenkandidatin", sagt Eleonore Mühlbauer. Ob der Plan aufgeht, entscheidet sich am 22. April oder dann zur Stichwahl am 6. Mai. Ein ungewöhnliches Experiment ist es auf jeden Fall. 

Kommunales Hauptthema: Geldsorgen

Ein wichtiges Motiv für Amtsinhaber und Herausforderer ist die Chance, zu gestalten und verändern. Ob die Nachfolger der Wende-Kommunalpolitiker noch so viel Gestaltungsfreiraum bekommen? Denn letztlich dreht sich alles ums Geld. Da sind sich alle einig: Das Geld zu gestalten und zu investieren fehlt. Was also brauchen die Neuen? Auf Inhalte konzentrieren, nicht auf die Außendarstellung, fordert Noch-Landrat Dohndorf. Er klingt ein bisschen wehmütig, wenn er sagt: "Kurz nach der Wende gab es wirklich Probleme, heute kämpfen wir eher gegen bürokratische Hürden." Was brauchen die Neuen noch? Gute Berater vor allem in Finanzfragen, sagt Leube. Und bloß nicht auf einen davon verlassen.

Gute Ideen, wie, auf legalem Weg natürlich, Geld für die Stadt beschafft werden kann, diese Fähigkeit wünscht auch Barbara Rinke ihrem Nachfolger. Außerdem ist Verwaltungserfahrung nach ihrer Einschätzung ganz ganz wichtig. Der Oberbürgermeister führe eine Verwaltung und leite städtische Betriebe. "Wer da keine Verwaltungskenntnisse besitzt, ist hoffnungslos verloren."

Der Gemeinde- und Städtebund, der die Thüringer Kommunen als Verband vertritt, hofft auf eine hohe Wahlbeteiligung. Zumindest in den großen Städten spüre er wachsendes Interesse an der Wahl, sagt Geschäftsführer Ralf Rusch. Die Bürgermeister hätten es verdient, dass ihnen ihre Bürger den Rücken stärken.

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2012, 11:00 Uhr

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