Kommunalwahlen

Mitgliedersuche : Parteien werben um die nächste Generation

Es ist Kommunalwahlkampf in Thüringen. Landauf, landab werben die Kandidaten und ihre Helfer auf den Straßen und in Diskussionsforen um Stimmen. Und die ungezählten Kontakte mit Bürgern bieten Chancen, auch neue Mitglieder für ihre Parteien zu gewinnen. Doch bisher hat der Kommunalwahlkampf keine Eintrittswelle in die Thüringer Parteien gespült.

von Loréne Gensel

"Unserem Kandidaten in Heiligenstadt ist es gelungen, neue Mitglieder zu gewinnen." Die Antwort von Gerhardt Martin, Geschäftsführer des CDU-Kreisverbandes Eichsfeld, auf die Anfrage des MDR THÜRINGEN ist untypisch. Wie viele neue Mitglieder der CDU-Bürgermeisterkandidat in Heiligenstadt Holger Montag nun genau gewonnen hat - das stand nicht in der Antwortmail. Die CDU in Thüringen veröffentlicht Zahlen zur Mitgliederentwicklung nur sehr vorsichtig. Konstant zirka 12.000 - mit dieser Angabe operiert die Landesgeschäftsstelle seit Jahren. Auf Nachfrage präzisiert Mitarbeiter Sebastian Lenk:  Seit Oktober 2011 hat die Partei  rund 50 Mitglieder verloren, in den letzten fünf Jahren zwischen 300 und 400.  Vier Fünftel der Verluste sind durch Todesfälle bedingt. Der Rest zieht weg oder nennt politische Gründe für den Austritt. Inzwischen sind die mitgliederstarken Jahrgänge zwischen 45 und 65 Jahre alt.  Deshalb wirbt die CDU eigentlich immer und überall - nicht nur vor der Wahl.

Demografie ist stärker als politische Programme

Die Linke in Thüringen hat im Kommunalwahl-Wahlkampf ganz gezielt neue Mitglieder geworben. Bis jetzt verstärken bereits 40 Neue die  Reihen. Doch der demografische Wandel ist stärker als der Sog des politischen Programms: Den Genossen sterben so viele Mitglieder weg, dass Neueintritte das seit langem nicht mehr kompensieren. Von den 590 Abschieden im letzten halben Jahr sind 310 Todesfälle. Ende März hatte die Thüringer Linke noch 5.950 Mitglieder. Dass vier Fünftel aller Thüringer, die in den letzten Monaten einen Aufnahmeantrag ausgefüllt haben, jünger als 40 sind, ist für die Partei ein Lichtblick. Denn der Trend, dass Mitglieder an der Schwelle zum Ruhestand der Partei verstärkt den Rücken kehren, schmerzt zusätzlich.

Dieser Trend wurmt auch die Mitarbeiter in den Geschäftsstellen der FDP Thüringen: Die treuen Mitglieder aus der DDR-Zeit gehen beruflich und politisch in Rente. 100 Mitglieder haben die Partei seit Oktober 2011 verlassen. Auch hier haben Kandidaten und Helfer alle Wahlkampf-Gelegenheiten genutzt, neue Mitglieder zu gewinnen. Die Erfolge sind begrenzt, aber regional zum Teil beachtlich. So haben die Liberalen im Landkreis Schmalkalden-Meiningen seit etwa zwei Jahren stabile Zuwächse und allein in diesem Jahr sieben neue Mitglieder aufgenommen - 81 Namen stehen jetzt in der Kartei. Und aus Weimar schreibt Kreisgeschäftsführer Dirk Heinze: "Es gibt Zuzug von Bürgern insbesondere aus Westdeutschland nach Weimar, die hier auch politisch eine Heimat finden wollen." Ende März hatten die Freien Demokraten in Thüringen noch 1.430 Mitglieder.

Genossen sind in der Verjüngungskur

René Lindenberg, Landesgeschäftsführer der Thüringer Sozialdemokraten, klagt nicht über zu alte Genossen oder ausgeprägte Verluste. "Wir liegen in den letzten Jahren immer zwischen 4.300 und 4.400 Mitgliedern landesweit.“ In den letzten sechs Monaten hat die Partei 35 Austritte und 106 Neuzugänge verbucht. "Über 75 Prozent der neu eingetretenen Mitglieder sind jünger als 35 Jahre. Gemeinsam mit Sachsen hat Thüringen damit den jüngsten Altersschnitt bei Neueintritten." Auch seine Partei habe im Kommunalwahlkampf kräftig geworben - schließlich gehe es da ja besonders leicht. In Oberhof habe sich der Gastronom Nico Pfannschmidt, der schon als Einzelbewerber am Start war, nachträglich noch für eine Mitgliedschaft in der SPD entschieden. Der Landtagsabgeordnete Thomas Hartung, der der Fraktion Die Linke im Sommer 2010 den Rücken gekehrt hatte, ist bei den Sozialdemokraten seit Ende 2011 nicht nur Fraktions-,  sondern auch vollwertiges Parteimitglied. Ende März gab es in der Thüringer SPD 4.350 Mitglieder.

Zuspruch kommt bei jungen Parteien in Wellen

Bei Bündnis 90/Die Grünen in Thüringen ist die Eintrittswelle nach dem Atom-Gau von Fukushima schon wieder abgeebbt. Landesgeschäftsführer Stefan Gröhlert hat seit Herbst 2011 weitere 37 Neuzugänge registriert. Die Mitgliederzahlen entwickeln sich regional unterschiedlich. So spürt Stefanie Erben als Geschäftsführerin des Kreisverbandes Saalfeld-Rudolstadt vor Ort ein gestiegenes Interesse von Bürgern an der Arbeit der Partei. "Aber wir wollen diese Leute erst mal als unsere Wähler gewinnen und werben nicht offensiv mit Aufnahmeanträgen." In zweieinhalb Jahren hat der eher ländlich geprägte Kreisverband seine Mitgliederzahl auf 32 verdoppelt. 710 Mitglieder haben Bündnis90/Die Grünen insgesamt zurzeit in Thüringen.

Die Piratenpartei zählt derzeit jeden Tag neu. Und wer möchte, kann mitzählen: Auf der Internetseite der Partei sind die aktuellen Mitgliederzahlen aller Bundesländer nachzulesen.  Landesvorsitzender Bernd Schreiner erinnert sich an 185 offiziell registrierte Thüringer Piraten im letzten Herbst. "Damals lag der Altersdurchschnitt bei unter 30. Die Übermacht der 18- bis 20-Jährigen war groß. Inzwischen sind aber auch viele Mitglieder über 50 dazugekommen.“ Mitte 2011 hatte die Partei in Thüringen noch eine Werbekampagne gestartet, wurde dann aber nach der Berlin-Wahl förmlich von Neuanträgen überschwemmt. Auf 500 war die Zahl Ende März schon angewachsen. Das engagierte Angebot eines Thüringers, in Nordthüringen gleich einen neuen Ortsverband zu gründen, hat viele Thüringer Piraten kürzlich sehr amüsiert: Der Bewerber habe erst kurz davor als Mitglied einer etablierten Partei eine Wahlschlappe erlitten. Bernd Schreiner sagt nicht, wer das war: "Datenschutz!“

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2012, 15:49 Uhr

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