Thüringen

Umstrittene Späh-Aktion : Polizei hat über 50 Politiker ausgeforscht

Bei der Suche nach einem "Leck" in der Thüringer Polizei hat die Kriminalpolizei in Suhl persönliche Daten von mehr als 50 Politikern erfasst und überprüft. Nach Informationen des MDR THÜRINGEN sind davon aktive und ehemalige Landtagsabgeordnete von CDU, SPD, Linken und Grünen sowie Kabinettsmitglieder betroffen. Von ihnen wurden unter anderem private E-Mail-Adressen, Telefonnummern und biografische Angaben beispielsweise zu Familienstand, Religion und Ausbildungsweg erfasst. Die Daten stammen aus dem Handy eines Polizisten, der der Weitergabe von Informationen an Journalisten und Politiker verdächtigt wird. Gegen den Beamten wird wegen Geheimnisverrat ermittelt. Er wird beschuldigt, interne Einsatzpapiere zum Papstbesuch in Thüringen im Jahr 2011 an den MDR weitergegeben zu haben.

Diezel fordert von Landesregierung Aufklärung

Bisher war bekannt, dass Daten von zwei Landtagsabgeordneten der Partei Die Linke in den Ermittlungsakten auftauchten. Darunter war eine Nachricht der Landtagsabgeordneten Martina Renner an den beschuldigten Polizisten im Social Network "Facebook". Ob diese Datenerhebung legal war, wird derzeit juristisch geprüft.

Wegen der von der Polizei erfassten Daten von Abgeordneten hat sich Landtagspräsidentin Birgit Diezel (CDU) an die Landesregierung gewandt. Ein Landtagssprecher sagte, man wolle Auskunft über das Vorgehen von Polizei und Justiz haben. Eine Kopie des Schreibens sei an alle Fraktionschefs und den Thüringer Datenschutzbeauftragten gegangen. Ein weiterer Brief Diezels, den die Parlamentspräsidentin Mitte Oktober wegen der Ausspähung der beiden Linke-Abgeordneten an Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) geschrieben hatte, ist nach Angaben der Landtagsverwaltung bisher nicht beantwortet worden. Darin hatte Diezel Auskünfte über die Ausspähung der beiden Abgeordneten gefordert.

Linke will rechtliche Schritte prüfen

Die Linke-Fraktion teilte dem MDR THÜRINGEN auf Anfrage mit, dass sie nun rechtliche Schritte prüfen werde. Bisher seien die betroffenen Abgeordneten weder von der Staatsanwaltschaft Meiningen noch von der Kriminalpolizei in Suhl über die Datenspeicherung informiert worden. Das sei ein klarer Rechtsbruch. Ein Sprecher der CDU-Landtagsfraktion teilte dem MDR mit, der Fraktion sei nicht bekannt, dass gegen Abgeordnete ermittelt werde. Daher gebe es keinen akuten Handlungsbedarf. Die SPD-Fraktion will sich an den Justiz- und den Innenminister wenden. Sie teilte zudem mit, dass der Datenschutzbeauftragte des Landes eingeschaltet worden sei. Der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Dirk Adams, sagte dem MDR: "Ich hätte nie gedacht, dass die Polizei Daten über Abgeordnete speichert."

Ermittlungen gegen MDR-Journalisten kritisiert

Die Ausspähung von Politikern und Journalisten war bereits am 17. Oktober Thema einer heftigen Debatte im Landtag. Abgeordnete sprachen von einem Skandal und warfen der Polizei Verstöße gegen diverse Gesetze vor. Justizminister Holger Poppenhäger (SPD) hatte erklärt, dass die Rechte von Abgeordneten bei den Ermittlungen nicht verletzt worden seien.

Von der Ausspähung waren auch die MDR-Journalisten Ludwig Kendzia und Axel Hemmerling betroffen. Der Direktor des MDR LANDESFUNKHAUSES THÜRINGEN, Werner Dieste, hatte dazu erklärt, der Schutz der Quellen habe oberste Priorität. Journalisten könnten ihren Dienst nur tun, wenn ihre Quellen wüssten, dass auf sie Verlass sei. Wer die Rechte von Journalisten willkürlich einschränke oder leichtfertig als "Kollateralschaden" preisgebe, beschädige die Rundfunkfreiheit.

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2012, 20:03 Uhr

10. H.Ewerth:
In Anbetracht, der jetzt bekannt gewordenen Bespitzelung und Abermillionen Postsendungen nicht etwa, wie ja bekannt war, in der ehemaligen DDR, sondern in der ehemaligen BRD. Tag für Tag wurden millionen von Sendungenaufgebrochen, ausgewertet und teilweise vernichtet. Millionen und Abermillionen Telefonate wurden abgehört. Von und im Auftrag der ehemaligen Besatzungsmächte, aber auch von den Westdeutschen selbst. Nahezu alle eingehende Post aus der DDR und massenweise Briefe und Pakete aus anderen osteuropäischen und kommunistischen Staaten wurden angehalten und zensiert. Die Telefon- Fernschreib- und Telegrafenleitungen von und zur DDR, nach und von Berlin und in die übrigen osteuropäischen Staaten, aber auch innerhalb der Bundesrepublik, ins westliche Ausland und Durchgangsleitungen von Ost nach West wurden systematisch überwacht und abgehört. Die alte Bundesrepublik zwischen 1949 und 1989 war ein großer, effizienter und effektiver Überwachungsstaat
15.11.2012
16:58 Uhr
9. vermuter:
vielleicht sollte man den/die (Polizei)Vorgesetzten, welche Fachaufsicht führen(!), fragen wann diese/-r letzmalig eine einschlägige Aus- und Fortbildung erhalten hat oder ihm ermöglicht wurde. Sollte es möglich sein, dass Vollzugsbeamte jahrelang ohne jegliche Aus- und Weiterbildung ihren Dienst versehen müssen? Aber immerhin liegen solche Maßnahmen unter richterlicher Aufsicht - Datenerhebungen beruhen (so denke ich jedenfalls) immer auf einen Gerichtsbeschluss - oder!?
14.11.2012
21:04 Uhr
8. Georg:
Tja, wenn der Papst kommt, ist nichts mehr heilig... ! Die Polizei ermittelt gegen sich selbst. Deshalb werden Ermittlungsakten über Politiker und Journalisten angelegt. Offenbar dürfen weder Politik noch Bevölkerung etwas über die Polizei erfahren. Was ist denn dieses etwas, diese wichtigen Geheimnisse wegen der soviel Aufwand betrieben wird? Illegale Ermittlungen? Illegale Einsatzpläne? Illegale Datensammlungen? Illegales Abhören von Telefongesprächen und massenhafte Speicherung von Personendaten? Geht es um V-Männer des Verfassungschutzes bei der Polizei? Mich würde nichts davon überraschen, nachdem was bereits alles bekannt wurde.
14.11.2012
18:52 Uhr
7. Frager:
@robby Vielleicht hat die Thüringer Polizei auch zu viele Parteibuch-Karrieristen aus dem Westen an den Schaltstellen. ;)
14.11.2012
12:56 Uhr
6. robbyy:
Offensichtlich hat die Thüringer Polizei zuviele Staatsdiener aus der DDR übernommen und diese nicht genügend in der freiheitlich demokratischen Grundordnung geschult.
14.11.2012
02:01 Uhr
5. Anstrengende politische Höchstleistung:
Es genüge doch wenn man ab und zu die Gesinnung und die Autoschilder wechsele... Das hat schon Priorität! Toll, bin begeistert! Schwitz, schwitz...kein Witz!
13.11.2012
22:19 Uhr
4. hanfiey:
"Holger Poppenhäger (SPD) hatte erklärt, dass die Rechte von Abgeordneten bei den Ermittlungen nicht verletzt worden seien." Na dann ist ja alles rechtlich einwandfrei gelaufen, und ich hatte schon gedacht unsere Demokratie ist in Gefahr. Nun bin ich aber beruhigt, puh, das ist nochmal gutgegangen!.
13.11.2012
21:50 Uhr
3. Eugen:
Ja, wenn Politiker ausgespäht werden, ist die Empörung groß... Aber der normale Bürger darf dann wohl ausgespäht werden (VDS, ACTA usw.)? Schämt euch!
13.11.2012
21:19 Uhr
2. Zahnlose Tiger:
Täglich regiert das Chaos im Headquarter! Die Schreckensmeldungen nehmen kein Ende. Die Abfolge der unglaublichen Meldungen wird immer kürzer. Alles wird dennoch als normal abgetan. Keiner übernimmt dann auch die Verantwortung. Der sich gar nicht mehr wundernde Journalist wendet sich ab, legt sich wieder hin oder nimmt es hin. Offensichtlich ist keiner mehr in der Lage dem Irrsinn ein Ende zu bereiten. Die Kuschelopposition blickt bei der Pannenserie auch nicht mehr durch. Die Kuschelregierung kuschelt auch. Alle haben sie ihre dritten Zähne auf das Nachtkästchen gelegt.
13.11.2012
19:52 Uhr
1. Dresdner:
Da gab es mal ein Land ,in dem auch wie im o.g. Beitrag gegen "nicht Linientreue" durch die Staatsorgane "Erhebungen" durchgeführt wurden.Dies wurde von dem anderen Land ,wozu jetzt des Land was es nicht mehr gibt gehört verurteilt und als undemokratisch angeprangert.Wenn ich nun den og. Artikel lese und weitere Sachverhalte die in die gleiche Richtung laufen erfahre,stellte sich mir die Frage ,ist das nun Demokratie oder auch nicht???
13.11.2012
18:57 Uhr

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