Willy Brandt im Gespraech mit Egon Bahr, 1972
Bildrechte: dpa

Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen 1970 BND beim Brandt-Besuch in Erfurt mit dabei

Der Bundesnachrichtendienst hat 1970 beim Willy-Brandt-Besuch in Erfurt die DDR-Führung gezielt abgehört. Das geht aus geheimen Unterlagen des BND hervor. Willy Brandt wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Willy Brandt im Gespraech mit Egon Bahr, 1972
Bildrechte: dpa

Die Bundesregierung unter Willy Brandt ließ die DDR-Führung beim ersten deutsch-deutschen Gipfeltreffen im Jahr 1970 in Erfurt gezielt abhören. Das geht aus bislang geheimen Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor, die MDR THÜRINGEN exklusiv einsehen konnte.

Der BND wusste aus abgehörten Telefonaten, dass die SED Menschenaufläufe vor dem Tagungshotel "Erfurter Hof" befürchtete. Dem Dienst war es gelungen, ein entsprechendes Gespräch zwischen dem Mitglied des SED-Zentralkomitees, Albert Norden, und dem Erfurter SED-Bezirkschef Alois Bräutigam mitzuschneiden. Als BND-Präsident Gerhard Wessel zwei Tage vor der DDR-Reise Bundeskanzler Willy Brandt über die Erkenntnisse informierte, schlug Brandt-Berater Egon Bahr das Abhören vor.

Willy Brandt am Fenster. Menschen jubeln ihm zu.
Willy Brandt steht 1970 am Fenster des Tagungshotels "Erfurter Hof". Bildrechte: BStU

Während des Gipfeltreffens sollten die Gespräche zwischen Brandts Gegenüber, DDR-Ministerpräsident Willi Stoph und dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, mit Richtstrahlern abgehört werden. BND-Präsident Wessel erklärte, dass dies bereits geplant sei. Ob die Gespräche zwischen Stoph und Ulbricht dann tatsächlich abgehört wurden, lässt sich aus den jetzt vom BND vorgelegten Akten nicht entnehmen.

Brandt zeigte sich grundsätzlich an allen Erkenntnisse des Geheimdienstes zum Gipfeltreffen interessiert. Sie sollten ihm vom BND-Präsidenten noch während der Reise in den Regierungszug übermittelt werden. Der BND lieferte unter anderem Berichte über die Stimmung in der Bevölkerung. Der spontane Jubel vor dem Tagungshotel "Erfurter Hof" mit den "Willy Brandt als Fenster!"-Rufen dürfte den Kanzler deshalb nicht vollkommen überrascht haben. Bereits vor dem Gipfeltreffen hatte der Bundesnachrichtendienst Berichte nach Bonn geschickt, wonach DDR-Bürger nach Erfurt anreisen wollten, "damit man den Bundeskanzler begrüßen und ihm zujubeln könne." Gleichzeitig hatte der Nachrichtendienst von Plänen der SED berichtet, "Kleinbürger" aus der Gegend um das Tagungshotel "Erfurter Hof" abzudrängen und 1.000 parteitreue Genossen aufmarschieren zu lassen.

Nach dem Gipfeltreffen zeigte sich die Bundesregierung zufrieden mit der "ausgezeichneten Leistung" des BND. Kanzleramtsminister Horst Ehmke bezeichnete in einem Dankschreiben die Leistung als "sehr wertvoll".

Der Nachrichtendienst lieferte der Bundesregierung auch noch nach dem Gipfeltreffen Informationen aus Erfurt, unter anderem Zahlen über Verhaftete. BND-Präsident Wessel lehnte es allerdings ab, die Weltpresse über die Verhaftungen in Erfurt zu informieren. Dadurch könne die Situation der Menschen weiter verschlechtert werden, argumentierte er. Das Gipfeltreffen am 19. März 1970 in Erfurt war das erste Treffen der Regierungschefs der beiden deutschen Staaten seit der Teilung Deutschlands. Tausende DDR-Bürger hatten den Platz vor dem Tagungshotel gestürmt und mit einem Sprechchor "Willy Brandt ans Fenster!" gefordert. Der Brandt-Besuch in Erfurt gilt heute als ein Grundstein für die Wiedervereinigung Deutschlands.

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2013, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

2 Kommentare

18.12.2013 16:31 Tamico 2

Sehr geehrter Herr Jürgen P. ich weiß zwar nicht woher sie ihr Wissen beziehen aber entweder haben sie im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst oder sie beziehen es ausschließlich aus der Bildzeitung?

18.12.2013 09:53 Jürgen P. 1

Angesichts der Lage (DDR) hatte hier wenigstens der BND mal etwas gutes für die Allgemeinbildung und Einschätzung vieler DDR Bürger getan. Die Erkenntnisse hätte man damals schon veröffentlichen sollen dann wäre die später erfolgte Wiedervereinigung vielleicht nicht erst nach 19 Jahre geschehen und beide deutsche Staaten wären finanziell um einiges besser gestellt gewesen als 1989. Einen Großteil der Bürger wäre vielleicht die heutige Armut erspart geblieben.