Die Filmemacher im Gespräch Wir hätten gern Karl-Eduard von Schnitzler gesprochen

Wann und wie ist die Idee zu dem Film entstanden?

Rainer Erices: Wir hatten unwahrscheinlich viel recherchiert für unseren Film zum einstigen Interhotel "Erfurter Hof", hatten Unmengen von Aktenmaterial. Da lag es natürlich nahe die - man kann fast sagen - wichtigste Einzelgeschichte des Traditionshauses auch filmisch darzustellen. Den Zeitpunkt 40 Jahre danach empfanden wir zusätzlich günstig.

Jan Schönfelder: Außerdem ist uns bei den damaligen Recherchen aufgefallen, dass es in den Archiven sehr viel Filmmaterial über den Brandt-Besuch gibt. Viele Aufnahmen waren uns unbekannt. Genauso unbekannt waren uns viele Einzelheiten es Brandt-Besuches. Die aufwühlende Zugfahrt nach Erfurt oder der dissonante Buchenwald-Besuch haben uns gereizt, den "Tag von Erfurt" endlich einmal in seiner Gesamtheit zu betrachten.

Wie lange haben die Recherchen zum Thema gedauert?

Rainer Erices: Im Prinzip hatten wir mit den ersten Recherchen schon 2007 begonnen. Die Dreharbeiten begannen wir im gleichen Jahr. Uns war es wichtig, Zeitzeugen, also direkt am Treffen Beteiligte, zu finden und zu befragen. Wir sind glücklich darüber, dass viele der heute doch schon älteren Herrschaften sich noch so deutlich an dieses Ereignis vor langer Zeit erinnern konnten.

War es schwer, Zeitzeugen ausfindig zu machen und Material zu bekommen?

Rainer Erices und Jan Schönfelder mit Denkmal "Willy Brandt" von Rainer Fetting im Willy-Brandt-Haus der SPD in Berlin
Die Filmemacher Rainer Erices und Jan Schönfelder in Berlin. Bildrechte: Erices/Schönfelder

Rainer Erices: Es war vor allem eine immense Fleißarbeit. Informationen, Fakten, Briefwechsel usw. sind in verschiedenen Archiven bundesweit hinterlegt. Da mussten wir zunächst schauen, in welchen Archiven Materialien liegen konnten, dann die dortigen Archivmitarbeiter gewinnen, dass sie uns so viel als möglich Material heraussuchen und dann waren wir vor Ort und haben sie studiert. Das dauert! Es ist teilweise eine sehr trockene Arbeit, insbesondere aber, wenn wir besonders interessante Stücke gefunden haben, sehr befriedigend, wieder einen großen Sprung nach vorn zu machen.

Sehr schön war zum Beispiel das Tagebuch des Chefunterhändlers Ulrich Sahm, dessen diplomatischen Geschick eigentlich beide Seiten das Treffen zum großen Teil mitverdanken konnten. Sahm beschrieb seine Eindrücke sehr plastisch und mit viel Humor - also gerade so, wie man es landläufig vielleicht nicht von einem Diplomaten erwartet.

Jan Schönfelder: Aber natürlich stießen auch wir an Grenzen. Manche Akten sind noch heute verschlossen. So wäre es sicher sehr interessant, in den Moskauer Archiven zu lesen, wie die Sowjetunion in die Vorbereitungen für dieses erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen eingriff. Aber auch in Deutschland sind noch nicht alle Akten zugänglich. Manche Bestände der Bundesregierung oder auch der Geheimdienste sind der Forschung noch verschlossen. Und ich schließe nicht aus, dass der eine oder andere frühere Geheimdiplomat noch das eine oder andere deutsch-deutsche Geheimnis mit sich herumträgt.

Als Zeitzeugen kommen mehrere westdeutsche Journalisten zu Wort, aber keine Journalisten aus der DDR. Haben die DDR-Medien damals nicht über den Besuch berichtet oder war kein Ex-DDR-Journalist mehr ausfindig zu machen, der vor der Kamera darüber reden wollte?

Rainer Erices: Schwieriges Kapitel. Wir haben auf unserer Suche nach Zeitzeugen selbstverständlich auch im Umfeld der DDR gesucht. Hier haben wir durchaus einen Pressezuständigen gefunden, Rolf Muth. Ihn haben wir interviewt. Ansonsten haben wir uns einige Male einen Korb eingefangen. Der einstige Pressechef wollte nicht mit uns reden. Einer der noch lebenden Delegationsmitglieder verzichtete auch auf ein Interview.

Natürlich sind leider auch einige der Beteiligten verstorben. Der Chefunterhändler der DDR Gerhard Schüßler, also Sahms Gegenüber, lebt leider nicht mehr. Und ebenso Karl-Eduard von Schnitzler auch nicht. Den hätten wir natürlich gern gehabt, er kommt ja im Film auch recht viel vor, allerdings in Archivaufnahmen.

Im Film ist auch davon die Rede, dass nach dem Besuch von Brandt in Erfurt zahlreiche Einwohner der Stadt, die dem Bundeskanzler zugejubelt haben, von der Stasi verfolgt wurden. Was haben Sie über deren Schicksale herausbekommen?

Rainer Erices: Wir haben uns diesmal auf das komplexe Geschehen weniger auf die Einzelschicksale konzentriert. Also nach dem Motto, was war die große Strategie der Sicherheitskräfte, die ja das Ausmaß des Brandt-Jubels völlig unterschätzt hatten.

Wir haben also Akten der Volkspolizei, der Staatssicherheit und SED-Material ausgewertet. Und dies ergab das Bild, dass Autosperren errichtet wurden, Züge gestoppt wurden, Leute also verhindert wurden, nach Erfurt zu fahren. Rund um den Erfurter Bahnhofsvorplatz waren Kameras aufgestellt. Hunderte Fotos wurden ausgewertet und insgesamt 750 Menschen, die nun als Staatsfeinde galten, identifiziert.
Es gab im Hintergrund ja Unsicherheiten, wie stark schlägt der Staat an diesem Tag wirklich zu. Immerhin waren ja 600 Journalisten aus aller Welt vor Ort.

Es gab dann wirklich auch eine brutale Schlägerei, am Abend nicht weit vom Bahnhof entfernt. Die Sicherheitskräfte nannten das: "erstmals aktiver Widerstand" und nahmen Dutzende fest.

Jan Schönfelder: In diesem Zusammenhang darf man aber nicht vergessen, dass auch völlig "unschuldige" Menschen in das Visier von Polizei und Staatssicherheit geraten sind. Nur ein Beispiel: Die "Bild"-Zeitung durfte keine eigenen Reporter nach Erfurt schicken. Das hatte ihr die DDR verboten. Trotzdem versuchte die Zeitung, exklusive Geschichten aus Erfurt zu erhaschen. Die Hamburger Reporter nahmen also das Erfurter Telefonbuch, riefen wahllos Menschen an und fragten sie, was sie von Brandt gesehen oder gehört hätten. Manche der Angerufenen erzählten – und die Staatssicherheit schnitt mit. Anschließend überprüfte die Stasi diese Erfurter, Nachbarn und Kollegen wurden ausgehorcht und Akten wurden angelegt.

Der Film enthält auch einige neue Erkenntnisse. Dazu gehört die Episode, dass Brandts Regierungssprecher in der Nacht vor dem Überqueren der innerdeutschen Grenze einen recht unglücklichen Vergleich mit der Nacht vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen im September 1939 zog. Wenn diese Äußerung damals öffentlich bekannt geworden wäre – wäre das das vorzeitige Ende der Reise gewesen?

Rainer Erices: Conrad Ahlers hatte sicherlich ein flottes Mundwerk. Manche würden Ahlers Wesen als erfrischend bezeichnen, andere als unverschämt. Auf alle Fälle gab es im Vorfeld des Treffens um seine Äußerung, dass die DDR ein "halbwegs zivilisiertes Land" sei, einen ordentlichen Eklat. Die DDR-Medien hatten sich auf ihn eingeschossen, forderten Entschuldigung. Insofern wäre die Politik und damit das Treffen nicht unbedingt gefährdet gewesen - die DDR hätte die Äußerung aber mit Sicherheit weidlich ausgeschlachtet im Sinne der eignen Propaganda, anstatt diese unbedachte Äußerung auf den Menschen Ahlers zu projizieren.

Ich denke, dass er sich diese Äußerung als Regierungssprecher auch nicht leisten durfte, das wäre heute auch ein Skandal. So sahen es auch die mitgereisten West-Reporter - sie unterließen es, die Äußerung abzudrucken.

Was waren für Sie die beeindruckendsten Momente während der Recherchen?

Jan Schönfelder: Beeindruckend und unvergesslich sind einige Interviews mit den Zeitzeugen. Unter ihnen waren Politiker und Journalisten, die viel in ihrem Leben gesehen und erlebt haben. Und trotzdem hatten sie oft eine sehr klare und lebendige Erinnerung an den "Tag von Erfurt". Dieses Treffen hatte für sie noch einen sehr großen Stellenwert und gehört zu den Höhepunkten in ihrem Leben.

Rainer Erices: Beeindruckend ist immer, wenn sich die Dinge schließen. Wenn also Archivmaterial mit den heute gemachten Aussagen der Zeitzeugen und letztlich auch den alten Fernsehbildern von damals übereinstimmen. Dann haben wir das sichere Gefühl, die Fakten stimmen. Bemerkenswert war diesbezüglich Brandts Besuch in Buchenwald. Ost und West hatten diesen Besuch des Kanzlers ja kaum beschrieben. Wir haben heute ein klares Bild darüber, wie Brandt dort hinters Licht geführt wurde.

Welchen Stellenwert nimmt die Erinnerung an den Besuch Brandts in Erfurt Ihrer Ansicht nach heute in der Selbstwahrnehmung der Stadt ein?

Rainer Erices: Die Bewohner der Stadt wissen um die Geschichte. Vor allem jene Menschen, die damals hier gelebt haben, sind stolz auf dieses Ereignis. Interessanterweise auch jene, die damals zu den bestellten Pro-Stoph-Jublern gehört haben - das ist schon fast witzig.

Ansonsten mag es sein, dass das Ereignis außerhalb Erfurts für viele unbekannt ist. Das liegt absolut nicht an der nur regionalen Bedeutung des Treffens - das Treffen hatte eine enorme Bedeutung für die innerdeutschen Beziehungen und damit letztlich für die Geschehnisse 1989. Aber wie wir ja wissen, war die schulische Geschichtsausbildung und auch die sonstige politische Bildung in der DDR recht einseitig.

Jan Schönfelder: In Erfurt kursieren aber auch viele Legenden über das Treffen. Das war vor ein paar Jahren deutlich zu merken, als über die Leuchtschrift von David Mannstein auf dem Dach des einstigen Tagungshotels heftig debattiert wurde. Manche wollen sich daran erinnern, dass Brandt und Stoph gemeinsam aus einem Hotelfenster geschaut und gewunken hätten. Andere wollen wissen, dass Brandt in dem Erkerzimmer, aus dem er gewunken hatte, übernachtet habe. Das stimmt natürlich alles nicht. Diese Legenden hängen vielleicht auch damit zusammen, dass zwar inzwischen mit einer Leuchtschrift an das Treffen in Erfurt erinnert wird, aber eine Erläuterung für Einheimische und Gäste am Hotel fehlt. Dort hängt nur eine schlichte Tafel mit dem Brandt-Zitat "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört" - eine Aussage aus dem Jahr 1989, die mit dem Besuch von 1970 direkt nichts zu tun hat.

Zum Zeitpunkt des Brandt-Besuches waren Sie noch gar nicht auf der Welt. Was verbindet Sie persönlich mit dieser Episode der deutschen Geschichte?

Rainer Erices: Da wirke ich offenbar jünger als ich bin. Das Ereignis von Erfurt ist wegweisend für die nachfolgende deutsch-deutsche Entwicklung. Und da ich in der DDR groß geworden bin, war für mich der Widerspruch oder die wechselseitige Dynamik zwischen Ost und West eigentlich immer präsent. Da konnten wir in der DDR gar nicht ausweichen. Ich denke nur an Westfernsehen, Westgeld, Westfußball, Westbesuch - all das hat uns doch täglich brennend interessiert oder umgeben. Also abstrakt gesagt, wie so eine Art Lebenslüge - denn tatsächlich lebten wir im Osten und nicht im Westen und dass eine deutsche Einheit kommen würde, war nicht abzusehen. Insofern empfinde ich das deutsch-deutsche Wechselspiel von damals immer interessant und auch persönlich bewegend.

Jan Schönfelder: Für mich gehört der Brandt-Besuch zu den aufwühlendsten Momenten der deutschen Geschichte. An diesem 19. März 1970 haben Menschen gegen alle Widerstände ihren Gefühlen freien Lauf gelassen. Die Sympathie für einen Politiker und die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mobilisierten die Menschen. Wann hat es das je wieder gegeben?

(Die Fragen stellte Dirk Reinhardt)

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2013, 09:16 Uhr