Kalter Krieg Wie der verlängerte Arm der CIA gegen die DDR kämpfte

Der Historiker Enrico Heitzer hat sich mit einem weitgehend unbekannten Kapitel des Kalten Krieges befasst: mit der antikommunistischen "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit". Im Interview spricht der gebürtige Altenburger darüber, wie die KgU als verlängerter Arm des US-Geheimdienstes CIA auch in Thüringen agierte.

MDR THÜRINGEN: In den 50er-Jahren wirkte die antikommunistische "Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit" (KgU) von West-Berlin aus in die DDR hinein. Sie sammelte Informationen und plante Aktionen. Die DDR bezeichnete die KgU deshalb als "verbrecherische Agentenorganisation". Was war die KgU wirklich?

Enrico Heitzer: Die KgU war eine schillernde Organisation des Kalten Krieges gegen die DDR, unter deren Dach de facto mehrere Institutionen zu finden waren. Sie galt in Ost und West als Inkarnation des Antikommunismus und der Feindschaft gegen die DDR. Sie selbst versuchte sich vorrangig als humanitäre Organisation darzustellen, die sich um die Opfer der Diktatur in Ostdeutschland kümmerte. Das tat auch eine kleine Sektion der KgU. Doch von Beginn an finden sich Geheimdienstler in ihren Reihen, die den wichtigeren Arbeitsbereich der KgU prägten. Die Organisation kundschaftete die sowjetische Besatzungszone und später die DDR systematisch auf allen Ebenen aus. Auf dem Höhepunkt 1952 hatte die KgU über 600 V-Leute in der DDR, die aus allen Bereichen berichteten, auch Flugblätter verteilten, zeitweise aber auch andere Aktionsformen praktizierten.

Zum Repertoire der KgU gehörten Widerstandsaktionen, Sabotage, Spionage und Propaganda. Manche dieser Aktionen der KgU überschritten offenbar die Grenze zum Terrorismus, obwohl sich die KgU als humanitäre Organisation darstellte. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Offensichtlich war es so, dass mehrere politische Gruppen, aber auch Geheimdienste und Ministerien um Einfluss innerhalb der KgU kämpften. Am Anfang dominierten ehemalige Angehörige der NS-Geheimdienste, die offensichtlich vor allem Interesse an Nachrichtensammlung hatten und nicht, ihre Quellen in der DDR bei riskanten Sabotageaktionen zu opfern, deren Schadenswirkungen zudem eher begrenzt sein würden. Das änderte sich, als der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA bei der KgU einstieg. Ab 1950 übernahm dieser Dienst zunehmend die Kontrolle und drängte die Organisation Gehlen (später BND), aber auch den britischen und andere amerikanische Geheimdienste aus der Organisation. Auch eine Reihe von Mitarbeitern verließ die KgU.

Die CIA bestimmte von da an wesentlich den Kurs, der sich angelehnt an die amerikanische "Liberation Policy" (Politik der Befreiung vom Kommunismus) seit dem Ausbruch des Korea-Krieges im Sommer 1950 eine Zeitlang immer weiter verschärfte. Seitdem bauten die CIA und ein großes Netzwerk von ihr dominierter Organisationen Sabotagegruppen und geheime Apparate für den Kriegsfall ("Stay-behind") im sowjetischen Machtbereich auf und unterstützte Widerstandsgruppen finanziell und logistisch.

Sie stellen die KgU als eine durchaus zwielichtige Organisation dar. Wie professionell - oder dilettantisch - war sie?

Einerseits prägten die KgU durchaus professionelle Geheimdienstler, Angehörige des Goebbelsschen Propagandaapparats oder Deutsche aus den Reihen der "Wlassow-Armee", die sowjetische Kriegsgefangene zum Kampf gegen die Rote Armee rekrutiert hatte. Andererseits war die Gruppe zu Beginn schlecht finanziert und wurde so zunehmend zu einem Instrument von Geheimdiensten, die gewisse Summen gaben, dafür aber auch "Ergebnisse" erwarteten.

Ein Beispiel für Thüringen: Der erste mir bekannte Fall überhaupt, bei dem KgU-Kontaktleute in der DDR verurteilt wurden, betraf einen Militärspionagering. Der Gruppe gehörten ein 23-jähriger ehemaliger SS-Untersturmführer, aber auch Minderjährige an, von denen einer obendrein körperbehindert war. Es handelte sich jedenfalls nicht um professionelle Spione. Angehörige der Gruppe wurden im Herbst 1949 in Eisenach bei dilettantischen Versuchen verhaftet, Kontakte in sowjetische Militäreinrichtungen zu knüpfen. In den Fall war als V-Mann-Führer übrigens der spätere langjährige Chef des West-Berliner Landesamts für Verfassungsschutz Heinz Wiechmann verwickelt, der einige Zeit bei der KgU tätig war.

Die KgU agierte stellenweise derart dilettantisch, dass ich es beim Lesen der Akten kaum glauben konnte. Ein V-Mann-Führer der Organisation beispielsweise - ein Herr im gesetzten Alter - fand es nicht merkwürdig, als eine seiner weiblichen V-Leute aus der DDR, die nicht nur mehrere Jahrzehnte jünger war, sondern auch bis dahin seine Annäherungsversuche entschieden abgewehrt hatte, plötzlich Interesse an ihm fand. Sie gingen plötzlich nach Treffs gemeinsam tanzen und verabredeten sich in konspirativen Wohnungen der KgU in West-Berlin zu Tête-à-Têtes bei Rotwein.

Das MfS hatte die Frau zuvor enttarnt und umgedreht. Ob viel Druck dabei angewandt wurde, war den Akten nicht zu entnehmen. Die Frau ließ sich auf Geheiß des ostdeutschen Geheimdienstes auf intime Kontakte mit dem V-Mann-Führer ein. Bei einem der Treffs tat sie ihm ein starkes Betäubungsmittel in den Rotwein. Er saß dann regungslos in der konspirativen Wohnung und musste sich unter anderem eine Liste seiner V-Leute in der DDR, die er vollständig mit sich herumtrug, wegnehmen lassen. In der DDR-Presse wurde er daraufhin in den folgenden Tagen verhöhnt. Eine Kopie der V-Mann-Liste, aus der lediglich die Klarnamen ausgerissen worden waren, wurde in den Zeitungen abgedruckt.

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4 Kommentare

24.02.2015 17:32 rolf piper 4

Ein erstaunlich sachlicher und historisch richtiger Beitrag. Was das allerdings mit der Stasi zu tun hat, kann ich nicht verstehen, höchstens, dass die beschriebenen Sachverhalte zur Gründung des MfS geführt haben.
Einen Mangel hat der Bericht allerdings: er hört dort auf, wo es an konkrete Fälle geht. Als Kind habe ich miterlebt, wie im Spärherbst bei katastrophaler Ernährungslage Güterzüge mit Kartoffeln auf Abstellgleise geschoben wurden, wo man sie vergeblich suchte, so dass die Kartoffeln "in alller Ruhe" erfrieren konnten. Auch bekannt ist, dass in einem Leipziger Betrieb [...]. Der Autor dieses Artikels hat sicher unzählige Beispiele dafür, dass nicht der Staat getroffen wurde, sondern die kleinen Leute. [Nicht nachprüfbare Geschichte ohne konkreten Quellenhinweis entfernt - MDR.DE_Redaktion]

24.02.2015 11:32 Kein Wunder 3

Das ist ein wichtiger Beitrag für eine ausgewogene Geschichtsschreibung, danke! Inhaltlich überrascht es nicht. Ich empfehle jedem die Lektüre von "NATO-Geheimarmeen in Europa" des Schweizer Historikers Daniele Ganser (Verlag Orell Füssli). In ganz Europa haben rechtsextreme, faschistische "stay-behind-Gruppen" in engem Kontakt zu westlichen Geheimdiensten Terroranschläge verübt und Waffenlager für den Tag X angelegt. Manche sagen sogar, das Oktoberfest-Attentat 1980 sei von der sog. Wehrsportgruppe Hoffmann durchgeführt worden, ebenfalls einer ziemlich dubiosen Gruppe. Und das Aufklärungsbemühen von Staatsanwälten und Geheimdiensten ist bezeichnend gering - bis heute...