50 Jahre Mauerbau | MDR FERNSEHEN | 13.08.2011 | 22:00 Uhr Ein sozialistischer Held: Rudi Arnstadt

Bereits unmittelbar nach dem Tod Arnstadts, so berichtet es das "Neue Deutschland", errichten Angehörige der Grenzkompanie in Wiesenfeld eine Gedenkstätte für ihren "toten Genossen". Arnstadt wird in den sozialistischen Helden-Kanon aufgenommen. Er hatte im richtigen Moment eine richtige Tat für die richtige Sache vollbracht. Das SED-Parteiblatt zitiert einen Stabsgefreiten mit den Worten: "Durch vorbildliche Disziplin wollen wir das Vermächtnis unseres toten Kompaniechefs erfüllen." Ein anderer Kamerad erklärt: "Die wahren Mörder unseres Hauptmanns heißen Strauß, Lübke und Lemmer. Wir werden dafür sorgen, dass sie nicht zum Zuge kommen." Von nun an wird bei jedem Kompanieappell der Name Arnstadt als erster aufgerufen.

Rudi Arnstadt
Rudi Arnstadt (* 3. September 1926 - † 14. August 1962) Bildrechte: Herbert Wagner

Für den neuen "Helden" Rudi Arnstadt werden in den Monaten und Jahren nach seinem Tod zahlreiche Gedenkstätten errichtet. Dies ist ganz im Sinne der DDR-Grenztruppenführung. Generalleutnant Klaus-Dieter Baumgarten erklärt 1979 den Sinn "revolutionärer Vorbilder": "Wir nutzen sie, um die sozialistischen Überzeugungen der Grenzsoldaten zu festigen und ihren Stolz darauf auszuprägen, dass sie Sozialismus und Frieden an einem wichtigen Abschnitt des Klassenkampfes zuverlässig sichern: an der 1.500 Kilometer langen Staatsgrenze der DDR zur BRD und Westberlin".

Gedenksteine und Gedenkstätten

Am 1. Mai 1963 wird am Ortsrand der Grenzgemeinde Wiesenfeld eine Gedenkstätte für Arnstadt eingeweiht. Der Gedenkstein im Zentrum eines Ehrenhaines steht in der Nähe des Tatortes, in unmittelbarer Nähe zur Grenze. Auf dem behauenen Naturstein ist eine Metallplatte angebracht. Die Inschrift: "Rudi Arnstadt, Hauptmann der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee in treuer Pflichterfüllung am 14.8.1962 beim Schutz der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik von Banditen des BGS ermordet". Die ersten Blumen legt Arnstadts Witwe nieder, danach folgen Einwohner, Sowjetsoldaten, Kalikumpel und Junge Pioniere mit Blumen und Kränzen. Ein NVA-Oberst "geißelte" in seiner Rede, so die Bezirkszeitung, "die Machenschaften der Bonner Ultras". Ihre Schüsse hätten nicht nur Rudi Arnstadt gegolten, sondern auch "dem Sehnen und Hoffen der Menschen auf Frieden". Der neue Stein solle deshalb "nicht nur von der Mordtat der Bonner Banditen künden, sondern auch mahnen".

Grab Rudi Arnstadt in Erfurt
Das Grab auf dem Erfurter Hauptfriedhof Bildrechte: MDR/Jan Schönfelder

Eine Woche nach der Einweihung des Gedenksteins in Wiesenfeld wird auf dem Erfurter Hauptfriedhof ein Gedenkstein für Arnstadt eingeweiht. Es ist ein schlichter, heller Stein: "Rudi Arnstadt - Hauptmann - 1926 - 1962" ist darauf zu lesen. Dazu das Staatswappen der DDR: Hammer, Zirkel und Ehrenkranz. Unter den Klängen des Trauermarsches "Unsterbliche Opfer", so berichtet die DDR-Nachrichtenagentur, "bewegten sich Kranzdelegationen mit einer Abordnung der SED-Bezirksleitung an der Spitze zum Grabe". Die neue Gedenkstätte, darauf wird extra hingewiesen, befinde sich in unmittelbarer Nähe des Mahnmals für die Opfer des Faschismus. Neben der Witwe Christel Arnstadt nimmt auch der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Alois Bräutigam an der Feierstunde teil.

Auch in dem Rhön-Städtchen Geisa, unweit von Wiesenfeld, wird an Arnstadt erinnert. Im Juli 1972 beschließt die SED-Kreisleitung Bad Salzungen, vor dem Kulturhaus einen Obelisken aufzustellen und das Haus nach Arnstadt zu benennen. Anlass ist der 10. Todestag. Ein "Maßnahmeplan" regelt die Details: Der Obelisk wird vom VEB Rhönkunstschnitzerei Empfertshausen angefertigt. Die Funktionäre haben sich für Entwurf Nummer vier entschieden: ohne Blumen, aber mit Opferschale. Kosten: 10.000 Mark. Die Inschrift lautet: "Rudi Arnstadt Hauptmann der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee. In treuer Pflichterfüllung am 14.08.1962 beim Schutz der Staatsgrenze der DDR im Raum Geisa von Banditen des BGS ermordet". Am Kulturhaus wird der Schriftzug "Kulturhaus Rudi Arnstadt" aus Emaille-Buchstaben angebracht.

Extra-Norm für Rudi Arnstadt

Alljährlich, an Arnstadts Geburtstag und Todestag, finden am Geisaer Obelisken - aber auch am Erfurter Grab - Appelle und Kranzniederlegungen statt. Parteien, Massenorganisationen, Pioniere und FDJler legen Kränze und Blumengebinde nieder. Die Grenztruppen ehren ihren Kameraden mit einem militärischen Zeremoniell. Arnstadts Kinder Uwe und Veronika nehmen regelmäßig an den Ehrungen teil. Auch bei anderen politischen Anlässen, wie zum Beispiel beim FDJ-Treffen von Jugendlichen aus dem Grenzkreis Bad Salzungen, gibt es Kranzniederlegungen an der Geisaer Stele. Zu dem jährlichen Treffen gehört auch ein "Rudi-Arnstadt-Gedenklauf". Am Gebäude der NVA in Geisa hängt eine Gedenktafel für den getöteten Hauptmann. Sie sei, so heißt es in einer zeitgenössischen Schrift, "den jungen Grenzsoldaten stets Mahnung und Verpflichtung, in der Wachsamkeit [...] niemals nachzulassen und unseren Friedensstaat vor den imperialistischen Kräften Westdeutschlands und ihren Söldnern wirksam zu schützen."

Neben den Gedenkstätten erhalten zahlreiche Brigaden den "Ehrennamen" Rudi Arnstadt. So trägt beispielsweise eine Brigade im nahegelegenen Kalikombinat Arnstadts Namen. Die Kumpel fördern für ihr "Ehrenmitglied" täglich eine zusätzliche Norm. Mitte der 1980er-Jahre tragen mehr als 50 Brigaden, Kampfgruppen-Einheiten, Grenztruppen-Einheiten und Schulen in der gesamten DDR den Namen des getöteten Grenzsoldaten. Seit Mitte der 1970er-Jahre treffen sich jährlich rund um den Todestag Vertreter von "Arnstadt"-Brigaden und -Einheiten in Thüringen, um ihres Vorbildes zu gedenken. Die mehrtägigen Treffen sind nicht nur Gedenkveranstaltungen, sondern dienen auch dem "Erfahrungsaustausch über Ergebnisse ihrer Initiativen im sozialistischen Wettbewerb und der Pflege revolutionärer Traditionen." Außerdem geht es darum, die Zusammenarbeit zwischen den Grenzsoldaten und der Bevölkerung zu verstärken. "Diese Partnerschaft für den Schutz der Staatsgrenze entspricht so recht dem Vermächtnis von Hauptmann Arnstadt."

Das "Vorbild" wird nicht mehr gebraucht

Nach 1989 wurde der Name
Am Kulturhaus in Geisa wurde der "Ehrenname" Rudi Arnstadt abmontiert. Bildrechte: MDR/Jan Schönfelder

Nach der Grenzöffnung verschwindet die Erinnerung an Arnstadt schlagartig. Bereits am 9. Februar 1990 meldet der Bundesgrenzschutz in seiner täglichen Grenzlagemeldung unter Berufung auf eine glaubwürdige Quelle, dass der Arnstadt-Gedenkstein im thüringischen Geisa abgebaut worden sei. Auch über die Gedenktafel in Wiesenfeld wird inzwischen diskutiert. Wiesenfelds Bürgermeister Jürgen Busch sagte einem hessischen Radioreporter: "Wir haben im Rat uns über diese Tafel schon unterhalten, und wir sind der Meinung, dass dies nicht mehr zu dieser heutigen Zeit hingehört und dazu passt, und dass es abgemacht wird. Dass wir evt. ein neues Schild anbringen, was die wirklichen Tatsachen anspricht." Mitte Februar meldet der BGS, dass auch die Gedenktafel in Wiesenfeld abgebaut worden sei. Ein neues Schild bringt die Gemeinde am Ehrenhain nicht an. Dafür sorgen später alte Kameraden.

Zuletzt aktualisiert: 12. August 2011, 13:43 Uhr