Feature | MDR FIGARO | 16.07.2011 | Zum Nachhören : Wenn plötzlich die Erde rutscht
Nachterstedt, Schmalkalden und die Rätsel in der Tiefe
Immer wieder kommt es zu Erdrutschen in Bergbaufolgelandschaften. Doch wie können sich die Anwohnen dieser Regionen gegen die Katastrophen schützen? Das Feature von MDR FIGARO erzählt von den Unglücken und lässt Anwohner und Experten zu Wort kommen.
Ein Sommermorgen 2009, an einem Tagebau-Restloch in Sachsen-Anhalt: Eine Böschung rutscht weg, mehrere Hundert Meter breit, einhundert Meter tief. Ganze Häuser werden mitgerissen und mit ihnen drei Menschen. Sie bleiben für immer auf dem Grund des Concordiasees. Drei Tage vor dem Unglück gab es noch Grund zum Feiern. Aus den bis dahin unabhängigen Orten Nachterstedt, Hoym, Friedrichsaue, Frose und Schadeleben wurde durch eine Gebietsreform die Stadt "Seeland". Das Vorharzstädtchen zwischen Aschersleben und Quedlinburg will sich zum maritimen Ausflugsort mausern. Mittelpunkt und Attraktion der neuen Kleinstadt in Sachsen-Anhalt mit ihren rund 10.000 Einwohnern ist das Restloch des Tagebaus, der Concordiasee.
Für die Sanierung der Bergbaufolgelandschaft rund um den Concordiasee ist die LMBV zuständig, die Lausitzer Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft. Schon 2003 hatte die LMBV einen Teil der Seeufer freigegeben. Am Nordrand des Sees entstehen ein Badestrand, eine Schiffsanlegestelle und ein Ausflugslokal.
Ursache ungeklärt
Bis 2018 – so die ursprünglichen Planungen - sollte der See auf einen Wasserstand von 103 Metern geflutet sein. Doch sofort nach dem Erdrutsch wird der Wasserzufluss gestoppt. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg ermittelt und gemeinsam mit dem Land Sachsen-Anhalt geben sie ein Gutachten in Auftrag, das die Hintergründe des Unglücks klären soll. Und auch die LMBV versucht, die Ursachen des Erdrutsches herauszufinden. Sie verspricht den Anwohnern: Bis zum Jahresende 2009 solle das Unglück aufgeklärt sein. Aber bis heute sind die Ursachen der Katastrophe von Nachterstedt ungeklärt.
Raubbau an der Natur
Eineinhalb Jahre später geraten nördlich von Hoyerswerda Kippenböden ins Rutschen. Ein ganzes Waldstück sackt ab und hinterlässt vier Meter hohe Abbruchkanten. Bei diesem Erdrutsch sterben 80 Schafe. Fünf Lastwagen stürzen ab. Die Fahrer können sich gerade noch in Sicherheit bringen. Die Lausitz ist wie das Harzvorland ein traditionelles Bergbaugebiet. 1924 begann hier die Braunkohleförderung im Tagebau. 136 Dörfer mussten seither den Baggern weichen, übrig blieb eine ausgeräumte Landschaft. Rächt sich jetzt der Raubbau an der Natur?
Erdfall in Schmalkalden
Im November 2010 überrascht ein gewaltiger Erdfall die Anwohner im thüringischen Schmalkalden im Schlaf. 20 Meter tief tut sich ein Loch in der Erde auf und mehr als 1.000 Lkw-Fuhren Kies sind nötig, um es wieder zu verfüllen. Doch Erdrutsche sind im Land keine Seltenheit. Allein in Thüringen werden 30 bis 40 Erdfälle im Jahr registriert, doch sie werden sie kaum bemerkt. Der Erdrutsch von Schmalkalden ist gewaltiger. Doch man hat Glück im Unglück.
Bürgermeister Thomas Kaminski sagt, Schmalkalden sei jetzt in der Welt bekannt, sogar das japanische Fernsehen habe über den Erdfall berichtet. Doch für die Betroffenen der Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern sei es schlimm gewesen.
Folgen für die Anwohner
Bei jedem Erdrutsch bleiben verstörte, aufgeschreckte Menschen zurück. Wie kann es zu solchen Katastrophen kommen? Und wie können sich die Bewohner von Bergbaufolgelandschaften dagegen wappnen? Das Feature von MDR FIGARO nimmt uns mit auf eine Reise an die Unglücksorte und befragt Anwohner und Bergbauexperten.
Angaben zur Sendung:
Wenn plötzlich die Erde rutscht
Nachterstedt, Schmalkalden und die Rätsel in der Tiefe
Feature von Charly Kowalczyk
(Ursendung)
Regie: Henry Bernhard
Produktion: MDR 2011
Erzählerin: Janine Strahl-Osterreich
Sprecher: Axel Thielmann
