Siegel "Geprüfte Qualität aus Thüringen"
Bildrechte: Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft

Mehr Thüringer Zutaten verlangt Wenig Interesse an Lebensmittelsiegel

von Karsten Heuke

Siegel "Geprüfte Qualität aus Thüringen"
Bildrechte: Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft

Der Neustart des staatlichen Lebensmittelsiegels "Geprüfte Qualität aus Thüringen" läuft zurückhaltend an. Erst wenige Hersteller zeigen Interesse an dem verschärften Qualitätszeichen. Das Siegel fordert ab kommendem Juli einen Anteil von 90 Prozent an Thüringer Zutaten. Bislang reichen 50,1 Prozent aus. Aktuell "ca. zehn Unternehmen" seien erstmals an dem Thüringer Siegel interessiert, sagte die Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums Antje Hellmann MDR THÜRINGEN.

Zum Interesse der 114 momentanen Lizenzinhaber sagte sie lediglich, dass "einige interessiert" seien und andere abwarteten. Einzelne hätte unter anderem mit Verweis auf Zertifizierungskosten abgewinkt, so Hellmann. Außerdem hätten bislang vier Unternehmen das Übergangssiegel "Geprüfte Qualität hergestellt in Thüringen" beantragt, für das 50,1 Prozent Thüringer Zutaten ausreichen. Dieses zusätzliche zweite Siegel nach alten Kriterien soll bis Ende 2021 parallel vergeben werden. Über die Jahre haben immer weniger Unternehmen für weniger Produkte mit dem Thüringer Qualitätszeichen geworben. Nach Angaben des Ministeriums sank die Zahl von 145 Betrieben mit 462 Produkten im Jahr 2007 auf jetzt 114 Betriebe mit 287 Produkten. Dazu zählen unter anderem Bier, Brot, Eier, Fleisch, Säfte, Kartoffelprodukte, Schnaps, Tiefkühllebensmittel oder auch Zierpflanzen.

Thüringer Lebensmittelhersteller sehen Verschärfung skeptisch

Mann in weißem Hemd und rot-weiß gemusterter Krawatte vor einer Fotocollage aus verpackten Thüringer Lebensmitteln und dem Erfurter Domberg
Matthias Gaida vom Thüringer Ernährungsnetzwerk Bildrechte: Thüringer Ernährungsnetzwerk

Matthias Gaida, der Vorsitzende des Herstellerverbands "Thüringer Ernährungsnetzwerk", sagte MDR THÜRINGEN, schon jetzt sei absehbar, dass viele, vor allem größere Hersteller, die 90-Prozent-Vorgabe nie erfüllen können. Viele Zutaten gebe es in Thüringen nicht oder nicht ganzjährig in den benötigten Mengen, sagte Gaida. Das gelte beispielsweise für Fleisch oder auch für Haselnüsse. Deshalb dürften die Unternehmen aber keinesfalls unterschiedlich behandelt oder gefördert werden, Gaida warnt vor "Firmen 1. und 2. Klasse". Das Thüringer Ernährungsnetzwerk vertritt knapp 40 Thüringer Lebensmittelhersteller.

Generell sei es aber eine gute Sache dem Verbraucherwunsch nach regionalen Lebensmitteln stärker nachzukommen, sagte Gaida. Langfristig lasse sich der Anteil regionaler Zutaten möglicherweise erhöhen. Als Voraussetzung sei aber eine Ist-Analyse der in Thüringen produzierten und verarbeiteten landwirtschaftlichen Rohstoffe dringend nötig. "Importe" und "Exporte" aus und nach Thüringen müssten gegenüber gestellt werden. So eine Analyse sei bereits angedacht und müsse nun auch sehr schnell erarbeitet werden.

Nicht als Verbandschef, sondern als Geschäftsführer des Wurstherstellers "Die Thüringer", rechnet Gaida mit schwindender Bekanntheit des Thüringer Qualitätszeichens. Denn wenn vor allem große Hersteller auf das Siegel verzichteten, dann ergebe sich ein überproportionaler Verlust, weil Siegel-Produkte in großen Mengen wegfielen. Das Qualitätszeichen wäre dann seltener in den Ladenregalen zu sehen und die Bekanntheit würde sinken. Gleichzeitig müsste das Siegel aus seiner Sicht mit "hohen sechsstelligen Summen jährlich" beworben werden, um eine Nachfrage bei den Verbrauchern zu erzeugen. Dann stelle sich die Frage, wie sinnvoll das ist, wenn Verbraucher enttäuscht werden, weil sie kaum Siegel-Produkte kaufen könnten.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums sind für das Qualitätszeichen in den kommenden vier Jahren jeweils 150.000 Euro für Werbung vorgesehen, unter anderem auf Straßenbahnen, Heißluftballons und bei Messen. Zunächst für die kommenden beiden Jahre soll eine Werbekampagne konzipiert werden. Das Landwirtschaftsministerium setzt darauf, dass Hersteller und Verbraucher langfristig das neue Thüringer Qualitätszeichen als nützlich wahrnehmen und das schrittweise zu einer steigenden Nachfrage auf beiden Seiten führt.
Der Aufwand um das verschärfte 90-Prozent-Siegel verwenden zu dürfen steigt jedenfalls deutlich. Sämtliche Güte- und Prüfbestimmungen wurden für mehr als 30 Produkte komplett überarbeitet. Hersteller müssen ihre Produktion teilweise erst gezielt darauf umstellen. Vier Labore hat das Land für die Zertifizierungen gefunden, mit denen nun entsprechende Vereinbarungen abgeschlossen werden. Jede einzelne Siegelvergabe mit Betriebs- und Warenkontrollen wird nach Angaben des Ministeriums mindestens zwei bis drei Monate dauern.

Offizieller Startschuss für das verschärfte Thüringer Qualitätszeichen ist eine Jubiläumsveranstaltung am 14. November 2017 im Erfurter Steigerwaldstadion. Das regionale Qualitätssiegel gibt es seit genau 25 Jahren und es soll die Vermarktung von Thüringer Produkten unterstützen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. November 2017 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2017, 05:00 Uhr

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5 Kommentare

15.11.2017 09:02 Klarsichtbrille 5

Bei uns wahr es doch auch so, da wurde Bier "Brauerei zum Falken" diese seit Jahren bereits vor 1989 geschlossen wurde und weder ein Gebäude auf dem Rennsteig existierte in Oberfranken gebraut und mit deren Etikettenschwindel am Rennsteig in Thüringen verkauft als einheimisches Produkt. Die meisten Produkte kommen doch alle aus den Billiglohnländern und werden hier auf dem Markt verkauft und kommen nicht aus Thüringen. Auch die Waldfrüchte am Rennsteig gibt es seit der Einheit schon lange nicht mehr, dank, 28jähriger rückwirkender Geschichte. Hier darf doch laut unseren EU- Umweltschützern und Grünen nur vereinzelte Produkte angebaut werden, für brachliegende Flächen gibt es doch mehr Geld.

14.11.2017 17:25 Normalo 4

Ist nicht von größerem Interesse wie die Verbraucher das Siegel aufnehmen? Was soll die Schummelei? Natürlich haben Produzenten kein Interesse an einheimischen teureren Rohstoffen wenn man sie billig und eklig produziert auch woanders herbekommt? Es gibt sicher viele Thüringer die es sich leisten können und wollen einheimisch und etwas teurer zu kaufen. Für diese einheimischen Produzenten sollte es Fördermittel geben.

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