In eigener Sache Wirklich gescheitert?

Das Oberlandesgericht Dresden hat entschieden: Der MDR darf seinen Film "Provinz der Bosse – Mafia in Mitteldeutschland" in der Ursprungsversion nicht mehr zeigen:

Damit ist der MDR mit dem Versuch gescheitert, den brisanten Film über die Aktivitäten der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta‘ und anderer krimineller Gruppierungen in Mitteldeutschland künftig wieder in unveränderter Fassung zeigen zu dürfen. Die Dokumentation war in der Sendereihe "Exakt die Story" im November 2015 ausgestrahlt worden und zog einen langwierigen juristischen Streit nach sich.

Vorwurf: Verletzung von Persönlichkeitsrechten

Das Oberlandesgericht Dresden hat kürzlich die Berufung des Senders zurückgewiesen und das Urteil der Vorinstanz, des Landgerichts Leipzig, ohne irgendeine Abänderung bestätigt. Demnach hat der Film der Kollegen Axel Hemmerling, Ludwig Kendzia und Fabio Ghelli die Persönlichkeitsrechte eines italienischen Gastronomen verletzt. Der Mann sei im Film trotz aufwendiger Anonymisierung wiedererkennbar; außerdem gebe es für den im Film transportierten Verdacht zur Rolle des Mannes innerhalb des kriminellen Netzwerks keine hinreichenden Belege.

MDR-Anwalt: Formal bietet Urteil wenig Angriffspunkte

Trotzdem verzichtet der MDR auf weitere juristische Schritte. Formal biete das Urteil auch wenig Angriffspunkte, sagt der MDR-Anwalt. Die OLG-Richter haben ihr Votum untersetzt mit einer großen Anzahl von juristischen Kommentaren und Urteilen von Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof, bis hin zu Oberlandesgerichten in Köln, Düsseldorf, Stuttgart und München aus den Jahren 1969 bis 2011. Um dagegen etwas vorzubringen, brauche es sehr gute Argumente, sagen die Juristen.

Noch nicht ausgestanden

Damit stehen die Autoren des Films in einer Reihe mit etlichen anderen Medien und Journalisten, die sich um Berichterstattung zu den Mafia-Strukturen und ihren Drahtziehern in Deutschland bemühen und in fast jedem Fall postwendend mit juristischen Auseinandersetzungen überzogen werden. Der Anwalt des italienischen Gastronomen hat angekündigt, dass sein Mandant auch noch Schadensersatzansprüche gegen den MDR geltend machen wolle.  

Positive Aspekte

Mit dem Urteil des OLG Dresden ist eine anonymisierte personenbezogene Verdachtsberichterstattung über mutmaßliche Mitglieder von OK-Gruppen in Zukunft wiederum schwerer geworden, sagen Kendzia, Hemmerling und Ghelli. Trotzdem war die langwierige juristische Auseinandersetzung ihrer Meinung nach aus journalistischer Sicht eine spannende und lehrreiche Erfahrung. "Dabei mussten wir als Autoren immer wieder versuchen, die Dinge nicht persönlich zu nehmen, sondern die professionelle Distanz zu wahren." Das Urteil habe aber auch positive Seiten. "Denn das Gericht hat anerkannt, dass die Berichterstattung über die Mafia schwierig und kompliziert ist. Das Urteil besagt auch, und das ist das Wichtigste, dass es sich durchgehend um eine zulässige Verdachtsberichterstattung handelt". Das ist für weitere Recherchen und Veröffentlichungen nicht nur hilfreich, sondern unterstreiche auch die Wächterfunktion der Presse.

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016, 13:36 Uhr

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9 Kommentare

29.09.2016 19:15 Franz-Josef Murnau 9

@Matteo: Ja, ich verstehe schon. Ich wollte auch eigentlich nur sagen, daß ich einen 30-minütigen Film innerhalb weniger Tage mit meinem Videoschnittprogramm vollständig bearbeite. Und daß es sicher kein Problem für die Profis ist, wenn tatsächlich EIN JEDER das Urteil akzeptiert. Ich hoffe sehr, daß ich den Film mal irgendwann zu sehen bekomme ... Gruß an Alle!

29.09.2016 16:22 Matteo 8

@franz-josef murnau
mag sein, dass Sie sich in der Materie "Mafia" gut auskennen, ich bezog mich aber auf die Arbeit der Journalisten und vorallem auf ihr Beschreibung des Mitteldeutschen Rundfunks, die völlig realitätsfern scheint.
Der MDR soll einer der erfolgreichsten und finanzstärksten Sender sein, dass ist mitnichten so und seine Technik hat der Sender schon lange, zum größten Teil, ausgegliedert. Vielleicht kommen Sie ja irgendwann in den Genuss, diesen tollen Film zu sehen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Viele Grüße Matteo