Mafia-Stützpunkt Thüringen "Erfurter Gruppe" organisiert 'Ndrangheta-Geldwäsche

Für die italienische Mafia-Organisation 'Ndrangheta ist Erfurt kein Rückzugsraum mehr, sondern ein Operationsraum geworden. Die italienische Anti-Mafia-Behörde DIA und das Bundeskriminalamt sehen hier einen grundlegenden Wandel. Denn nach Recherchen von MDR THÜRINGEN besteht der Verdacht, dass über Erfurt weite Teile der deutschen Finanzgeschäfte der 'Ndrangheta organisiert werden.

von Axel Hemmerling, Fabio Ghelli und Ludwig Kendzia

Rom ist ein wunderschöner Ort zum Essen. Nicht nur für Touristen, sondern auch für die Römer selber. Sie kennen und lieben ihre Stammlokale. Eines dieser Edel-Restaurants in der wunderschönen Innenstadt war früher eine der bekanntesten Adressen für Gourmets. Inmitten schmucker Häuser, gelegen an einem der malerischen Plätze der italienischen Hauptstadt, dinierten Schauspieler, Politiker und Intellektuelle. Dann, 2010, schloss es und blieb vier Jahre verwaist - trotz bester Lage.

2014 öffnete es plötzlich wieder seine Türen. Doch diesmal war etwas anders: Es hatte neue Besitzer. Sie kamen nicht aus Rom, sie kamen aus Erfurt. Italienische Geschäftsleute, seit Jahren in Thüringen zu Hause, investierten Geld in millionenteure römische Restaurants. Denn außer diesem Luxus-Gourmettempel kauften sie ein Café an der Piazza Venezia und ein weiteres Restaurant in idyllischer Lage nahe dem Olympiastadion. Rund 15 Millionen Euro flossen in den Kauf der drei Läden - allein in den vergangenen zwei Jahren. 

Früherer Verdacht nicht zu beweisen gewesen

Mann mit Brille in malvenfarbenem Hemd.
Fabio Ghelli, italienischer Journalist und Ko-Autor dieses Beitrags. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Dieses Geld und seine Investoren sind nach Informationen von MDR THÜRINGEN für die italienischen Behörden von Interesse. Denn schon einmal hat in etwa der gleiche Erfurter Personenkreis ein millionenteures Restaurant in Rom gekauft: Das "Alla Rampa" in der Nähe der Spanischen Treppe. Das war 2006 und damals glaubten die Fahnder in Italien: Das Geld stamme aus den Drogenkassen der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Diese Vermutung gründete sich auch auf den Verbindungen nach Erfurt. Denn es besteht der Verdacht, dass die Investoren, im wahren Leben angeblich bescheidene italienische Restaurantbesitzer in Erfurt, zum Umfeld der mächtigen 'Ndrangheta gehören. Doch trotz eines aufwändigen Prozesses konnte das nie bewiesen werden. Auch eine Geldtransaktion für den Kauf des "Alla Rampa" von 1,3 Millionen Euro über dubiose Bankverbindungen im Steuerparadies San Marino wurde nicht restlos geklärt - nachzulesen in italienischen Ermittlungsunterlagen, die MDR THÜRINGEN vorliegen.

Wer sind die Rom-Investoren aus Erfurt?

Doch mit dem aktuellen Kauf der drei neuen Restaurants kommt für die Ermittler wieder Bewegung in die Sache. Die Direzione Investigativa Antimafia (DIA), die italienische Anti-Mafia-Behörde (siehe Kasten), hat ein Auge darauf geworfen. Denn es scheint das gleiche Muster wie damals beim Kauf des "Alla Rampa". Wieder stammt das Geld aus Erfurt und das wirft die Frage auf: Wer sind diese Investoren? Seit einigen Jahren gehen DIA-Fahnder davon aus, dass sich innerhalb der Auslandsaktivitäten der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta eine sogenannte "Erfurter Gruppe" gebildet hat. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN gehören sechs Männer zum harten Kern. Mehr als zwei Dutzend sind zum Umfeld zu rechnen. In alle vier Restaurants in Rom sollen sie rund 20 Millionen Euro investiert haben - soweit bisher bekannt. Laut den italienischen Fahndern und auch nach Informationen des Bundeskriminalamtes soll die "Erfurter Gruppe" offenbar Kontakte zum 'Ndrangheta-Clan der Pelle-Romeo pflegen (siehe Kasten).

Immer wieder führen Spuren nach Erfurt

Mercedes mit Dresdner Kennzeichen in der italienischen `Ndrangheta-Hochburg San Luca in Italien.
Dresdner Kennzeichen in San Luca. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Diese Auslandsinvestitionen, zu denen auch drei Lokale in Lissabon gehören, sind besonders für die italienischen Fahnder von enormem Interesse. Denn nach Recherchen von MDR THÜRINGEN besteht nicht nur der Verdacht, dass das Geld aus dunklen Quellen stammt, sondern dass über Erfurt diese mutmaßlichen Geldwäsche-Operationen organisiert werden. Sowohl für die DIA als auch das BKA ist Erfurt nicht mehr, wie immer behauptet, Ruhezone, sondern ein Operationsraum. Das gründet sich auch darauf, dass es weitere Investitionen in Deutschland gibt. So findet sich ein ganzes Netzwerk von rund 20 Firmen und 30 Restaurants. Dazu gehören Städte wie Leipzig, Dresden, Baden-Baden, Kassel oder München. Immer wieder finden sich Spuren in internen Geschäftsunterlagen, die über Beteiligungen und Querverbindungen nach Erfurt führen. Die gesamten Investitionen in diese Struktur sollen sich auf rund 100 Millionen Euro belaufen. 

Das Firmen- und Restaurantnetzwerk der mutmaßlichen "Erfurter Gruppe" der Mafiaorganisation `Ndrangheta.
Das Firmen- und Restaurantnetzwerk der mutmaßlichen "Erfurter Gruppe" der Mafiaorganisation `Ndrangheta. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der rasante Aufstieg des heutigen Erfurter Gastro-Imperiums wurde durchgehend von Ermittlern in Italien und in Deutschland verfolgt. Bereits in den 1980er-Jahren standen zwei Mitglieder der Gruppe im Fokus von Anti-Mafia Fahndern. Dabei handelt es sich um zwei gleichnamigen Cousins aus dem kalabrischen Dorf San Luca, die mit einem der mächtigsten Mafia-Bosse Kalabriens verwandt sind und früher in Duisburg aktiv waren.

An einem Berghang stehen mehrere Wohnhäuser über das Gelände verteilt.
San Luca in Kalabrien Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Jüngere auf dem Vormarsch

Lange, schmale Straße zwischen hohem Straßendamm und zweigeschossigen Häusern.
San Luca - Heimat der mutmaßlichen Führungsmannschaft in Erfurt Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Hier sollen sie Ende der 80er-Jahre die Bekanntschaft eines Gastronomen aus der Toskana gemacht haben, mit dem sie einige Jahre später eines der ersten italienischen Restaurants in Erfurt eröffneten. Der Toskaner war zu diesem Zeitpunkt auch dem deutschen Bundeskriminalamt bekannt: Wegen Drogenhandels wurde er 1996 in Duisburg zu einem Jahr Haft verurteilt. Um diesen Personenkreis soll sich die "Erfurter Gruppe" gebildet haben. Hinzu sollen auch die Mitglieder zweier sizilianischen Familien gekommen sein, die bereits Anfang der 90er-Jahre nach Thüringen kamen. Auch ein talentierter Investor aus der italienischen Region Marche, der mehrere Lokale in der Nähe von Rimini besitzt, soll zur "Erfurter Gruppe" gehören. Im Lauf der Jahre stießen weitere, jüngere Mitglieder dazu, die meisten von ihnen aus San Luca und Umgebung. Inzwischen sollen sie die Führung der "Erfurter Gruppe" übernommen und die Investitionen in den vergangenen zwei Jahren vorangetrieben haben.

Unter den Augen von Ermittlern

ein schwarzes Auto mit einem Erfurter Kennzeichen
Erfurter Kennzeichen in San Luca. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Obwohl sie ständig im Visier der deutschen und italienischen Polizei standen, konnten die Mitglieder der Gruppe ihre Geschäfte unbehelligt ausbauen. Nur einmal schien die Luft um die Erfurter Gastronomen dünn zu werden. Als im Jahr 2007 Killer aus San Luca sechs Menschen vor dem Restaurant "Da Bruno" in Duisburg ermordeten, führte eine Spur nach Thüringen: Das Restaurant, vor dem das Massaker stattgefunden hatte, gehörte früher einem prominenten Mitglied der "Erfurter Gruppe". Die Killer von Duisburg wurden festgenommen und verurteilt, doch die grundlegende kriminelle Struktur blieb unberührt: Die Beziehungen zwischen der "Erfurter Gruppe" und dem sechsfachen Mord wurden nie aufgeklärt.

Trotz mehrfacher Anfragen von MDR THÜRINGEN wollte sich keiner der betroffenen Restaurant- oder Firmenbesitzer äußern.

'Ndrangheta Die 'Ndrangheta ist eine der mächtigsten kriminellen Vereinigungen mit einem jährlichen Umsatz von rund 53 Milliarden Euro weltweit. Ihren Ursprung hatte sie in der süditalienischen Region Kalabrien, wo sie bereits im 19. Jahrhundert dank ihrer Brutalität und starken familiären Struktur die Macht über mehrere Ortschaften ergreifen konnte.
Mit dem Kapital, das sie in den 1970er- und 1980er-Jahren vor allem durch Entführungen erwirtschaften, stiegen 'Ndrangheta-Clans wie die Morabito, Piromalli, Pelle, Nirta, Romeo, Pesce und andere ins Drogengeschäft ein - vor allem mit Kokain. Derzeit hat die 'Ndrangheta das Monopol über den europäischen Kokainhandel.
In Deutschland sieht sie das Bundeskriminalamt als “dominierende Mafiagruppierung”.

"Erfurter Gruppe" Die lose "Erfurter Gruppe" von Gastro-Unternehmern gilt Ermittlern als der 'Ndrangheta zuzurechnende Zelle. Gründungsmitglieder sollen Mitte der 1990er-Jahre aus der Region um Duisburg nach Erfurt gezogen sein. In den Jahren nach der Wende investierte die 'Ndrangheta viel Geld in den neuen Bundesländern. Ermittler vermuten, dass die 'Ndrangheta die Privatisierungswelle der 90er-Jahren nutzte, um Drogengeld durch legale Investitionen zu waschen.
Später zogen immer mehr Gastro-Unternehmer, die Ermittlern zufolge der 'Ndrangheta sehr nah stehen, nach Erfurt. Zwischen 1996 und 2006 öffneten sie in der Stadt etwa sieben Lokale und gründeten mehrere Unternehmen.
Zwei dieser Unternehmer sind seit mehr als 20 Jahren der deutschen und italienischen Polizei bekannt.: Einer von ihnen wurde Mitte der 90er-Jahre von einem Gericht in Duisburg wegen Drogenhandel zu einem Jahr Haft verurteilt und später wegen Mordversuchs verdächtigt. Ein anderer wird bereits seit den 80er-Jahren von den italienischen Carabinieri als aktives Mitglied der 'Ndrangheta beschattet. In vier Fällen ermittelten deutsche und italienische Behörden zwischen 1993 und 1996 über die zwei Männer. Nachdem sie nach Erfurt zogen, wurden sie von der Justiz nicht weiter behelligt.
Erst 2007 rückte Erfurt erneut ins Rampenlicht: Im August wurden sechs Männer aus Kalabrien vor einem Restaurant in Duisburg umgebracht. Das Restaurant gehörte früher einem prominenten Mitglied der “Erfurter Gruppe”. Gleich nach dem Mord rief laut Medienberichten ein Mitglied der ‘Ndrangheta, der von der italienischen Polizei abgehört wurde, in Erfurt an. Ein Zusammenhang zwischen dem sechsfachen Mord und der "Erfurter Gruppe" ließ sich jedoch nicht herstellen.

Was ist die DIA? Die Direzione Investigativa Antimafia ist ein Kriminalamt, in dem Ermittler aller italienischen Polizeibehörden gesammelt sind mit dem Ziel, das organisierte Verbrechen zu bekämpfen. Die Idee, dass Offiziere der Polizei, Carabinieri und Finanzpolizei (Guardia di Finanza) gemeinsam gegen die Mafia kämpfen, stammt aus der Erfahrung des sogenannten Anti-Mafia-Pools unter der Leitung vom Generalstaatsanwalt Giovanni Falcone, der 1992 einem Attentat der Cosa Nostra zum Opfer fiel.

Die DIA arbeitet derzeit vor allem im Bereich der Finanz-Ermittlungen und Vermögensabschöpfung. Seit 1992 hat die DIA Mafia-Vermögen im Wert von rund 25 Milliarden Euro beschlagnahmt und sichergestellt. Mehr als 10.000 Anhänger von Mafia-Organisationen wurden von Offizieren der DIA festgenommen. Die DIA hat zudem eine koordinierende Rolle im Rahmen der deutsch-italienischen Task Force für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens.

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2016, 06:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

47 Kommentare

05.11.2015 00:07 Austaub 47

Das ganze Land brennt wg. dieser Geschwätzigkeit im Internet.

05.11.2015 22:57 Sam 46

Schon mal in Nordhausen die Strukturen verglichen

05.11.2015 21:23 MutzurWahrheit 45

Mafia = Umsatz = Umsatzsteuer für den Staat.
ich entsinne mich an eine Reportage des MDR(?) vor Jahren, als es darum ging, dass die Rekonstruktion der Erfurter Altstadt seit 1990 schon nur über die italienische Geldwäschemafia läuft! Mir kann auch niemand weismachen, dass die (UN)Verantwortlichen bei der Stadt und beim Land Thüringen rein gar nichts mitgekriegt haben!!! In der Not frißt der Teufel eben Fliegen.....

05.11.2015 16:02 Frank Lauenstein 44

Ist ja klasse, Pannen beim Nazitrio bei den Ermittlungsorganen, der Polizei, dem LKA, dem Verfassungsschutz, dem BKA, über zwei Jahre bereits ein Gerichtsprozesse in München, Flüchtlingskrise, nun die Mafia, was eigentlich nichts Neues ist. Was haben wir überhaupt für Sicherheitsorgane? Hauptsache ein 5,-Euroknöllchen wird pünktlich bezahlt und wehe nicht...!

05.11.2015 15:41 Austaub 43

Möglicherweise beteiligt sich die Rundfunkanstalt an einem Satellitenüberwachungssystem und wähnt sich in deshalb Sicherheit.

05.11.2015 12:55 Einfach_unglaublich 42

@Zynicus, Wahrheiten und rechte Hetze in einen Topf werfen sind dann doch zwei paar Stiefel...

05.11.2015 09:28 Einfach_unglaublich 41

@Zynicus, Wahrheiten und rechte Hetze in einen Topf werfen sind dann doch zwei paar Stiefel...

05.11.2015 09:21 martin 40

Die Reisekosten bleiben für den TV Bericht am 04.11.15 prägend.
Honorare für die Gesprächspartner wurden nicht gezahlt,oder ?

05.11.2015 09:16 Juno 39

Was soll diese Mafia-Kampagne? Das Problem ist alt und bekannt, und kann nur politisch und juristisch gelöst werden. Der Fisch stinkt halt vom Kopf her! Thema beendet.

05.11.2015 06:20 lilalaunebär 38

...wenn wundern solche Veröffentlichungen denn noch wirklich. Geht man mit offenen Augen durch diese Stadt sieht man doch, was hier im Gastrobereich los ist...aber wie sagte vor Jahren einer der ehemaligen Stadtväter, "wenn vor Ihnen ein Mann mit einem Rucksack voll Geld steht und sie einen Berg an Problemen haben, dann fragen Sie nicht woher dieses Geld stammt, wenn der Unbekannte es in Ihre Stadt investieren möchte" (sinngemäß)...dazu zeigte sich ein ehemaliger Landesvater gern mit den italienischen Wirten. Mafia geht auch nur mit Politik oder benötigt zumindest dessen Wegschauen....Buenos appetito