Junge Frauen gehen lächelnd über einen vermatschten Weg im Zeltlager
Pioniere und FDJler lebten im Straußberger Pionierlager "Gheorgiu Dej" sehr spartanisch. Das ganze Lagerleben spielte sich in Zelten ab. Einen Speisesaal gab es nicht. Bildrechte: Ferienpark Feuerkuppe

Ferienorte früher und heute: das Straußberger Pionierlager "Gheorgiu Dej" "Wer Läuse hatte, bekam eine Glatze"

Kinder und Jugendliche sollten hier einst für die sozialistische DDR begeistert werden: Im Straußberger Pionierlager "Gheorgiu Dej" standen Aufmärsche und Appelle auf der Tagesordnung. Heute weht dort ein anderer Wind.

von Katharina Melzer

Junge Frauen gehen lächelnd über einen vermatschten Weg im Zeltlager
Pioniere und FDJler lebten im Straußberger Pionierlager "Gheorgiu Dej" sehr spartanisch. Das ganze Lagerleben spielte sich in Zelten ab. Einen Speisesaal gab es nicht. Bildrechte: Ferienpark Feuerkuppe

Seit dem Sommer 1951 gibt es den Ferienpark Feuerkuppe in Straußberg im Kyffhäuserkreis. Aber so, wie ihn die Gäste heute kennen, war er zur Gründung noch lange nicht. Gegründet wurde der Park als Zentrales Pionierlager "Gheorgiu Dej", benannt nach einem rumänischen Arbeiterführer. Tausende Kinder aus der DDR verbrachten dort regelmäßig 14 Tage ihrer Ferien.

"Ursprünglich sollte das Lager in Benneckenstein im Harz eröffnet werden", erinnert sich der ehemalige erste Vorsitzende, Georg Schäfer. "Da es dort aber technische Schwierigkeiten und Probleme mit der Versorgung gab, fiel die Entscheidung schließlich auf Straußberg." Dort wurde sofort mit dem Bau der wichtigsten Gebäude begonnen: Küche, Waschräume, Materialbaracke sowie Lagerleitung und ein medizinischer Versorgungspunkt. Finanziert wurde dies durch den Trägerbetrieb IFA Motoren in Nordhausen. Unter sehr einfachen Bedingungen entstand mit Zelten das erste Ferienlager auf der Feuerkuppe.

Ferienorte früher und heute in Bildern

Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Es war eines der ersten FDGB-Ferienheime, das in der DDR neu gebaut wurde: das "Theo Neubauer" in Tabarz. Hier: Der denkmalgeschützte Altbau heute. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Es war eines der ersten FDGB-Ferienheime, das in der DDR neu gebaut wurde: das "Theo Neubauer" in Tabarz. Hier: Der denkmalgeschützte Altbau heute. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Etwas abseits vom Ort entstand am Waldrand ein langgezogener Bau. So sehen die Zimmer des heutigen Tagungshotels aus. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Rezeption damals und heute: Zu DDR-Zeiten erholten sich in Tabarz auch viele ausländische Gäste. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Das Ferienheim in Tabarz nach der Erweiterung von 1974: Der Eingang im neuen Zwischentrakt zwischen Alt- und Neubau. Bildrechte: Archiv
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Diese Archiv-Aufnahme des Speisesaales im Tabarzer FDGB-Heim "Theo Neubauer" stammt aus den 1950er-Jahren. Bildrechte: Archiv
Ehemaliges FDGB-Heim Theo Neubauer in Tabarz
Etwa um die gleiche Zeit wurde die Bar im Tabarzer FDGB-Heim "Theo Neubauer" fotografiert. Bildrechte: Archiv
Das einstige FDGB-Ferienheim August Bebel in Friedrichroda
Das FDGB Heim "August Bebel" in Friedrichroda war mit rund 1.500 Betten das größte in Thüringen. Es eröffnete 1980. Bildrechte: Berghotel Betriebs GmbH und Co.
Das einstige FDGB-Ferienheim August Bebel in Friedrichroda
Schon Ostern 1991, also nach nur rund drei Monaten Schließzeit, konnte das FDGB Heim "August Bebel" als "Berghotel Friedrichroda" wieder öffnen. Bildrechte: MDR/Heinz Diller
Das einstige FDGB-Ferienheim August Bebel in Friedrichroda
Aufgrund seiner Bauweise und der exponierten Lage erhielt das FDGB-Heim "August Bebel" in Friedichroda schnell Spitznamen wie "Maya-Tempel" oder "Bienenkorb". Bildrechte: MDR/Heinz Diller
Blick auf ein Plattenbau-Hotel 1996. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
1960 trainierte hier Täve Schur mit der Nationalmannschaft der Friedensfahrt, heute ... Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Eine Hotel-Rezeption im Stil des Jahres 1996. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
... ist aus dem FDGB-Ferienheime "Frankenwald" in Wurzbach das Familienhotel "Aparthotel am Rennsteig" geworden. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Blick auf eine Hotelanlage mit Treppe,Spielplatz, Gebäude. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach im jahr 1996, heute Aparthotel am Rennsteig
Das einstige Wurzbacher FDGB-Heim "Frankenwald“ bis heute ein Urlaubshotel geblieben. Diese Aufnahme stammt von 1996. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Blick in eine Hotelzimmer im jahr 1996. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
Das "Frankenwald" in Wurzbach war das letzte FDGB-Heim, das in der DDR gebaut und 1985 eröffnet wurde. Hier: Ein Blick in ein Hotelzimmer im Jahr 1996. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Weiß bezogene Betten auf rotem Teppich in einem Hotelzimmer. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig.
So sehen die Zimmer im heutigen "Aparthotel am Rennsteig" in Wurzbach aus. Bildrechte: Stefanie Reinhardt/ MDR
Blick in den Speisesaal eines Hotels 1996.  Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
Der Speisesaal des früheren FDGB-Heims in Wurzbach 1996. Bildrechte: Aparthotel am Rennsteig
Der moderne Speisesaal eines Hotels mit Roten Stühlen und weißen Tischdecken. Es ist das einstige FDGB-Heim Wurzbach, heute Aparthotel am Rennsteig
Nach und nach modernisierte die Familie Neubeck aus Bayern das Hotel in Wurzbach. So sieht der Speisesaal des "Aparthotel am Rennsteig" heute aus. Bildrechte: Stefanie Reinhardt/ MDR
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Vor allem in den 50er-Jahren waren die Bedingungen noch sehr spartanisch. Geschlafen wurde auf Strohsäcken, die später durch Doppelstockbetten ersetzt wurden. Der 73-jährige Alfons Jarmuszewski war 1952 zum ersten Mal als Kind dort und erinnert sich noch gut: "Es gab keinen Speisesaal, gegessen wurde vor den Zelten, auf Bänken. Das Essen wurde aus einer Küche geholt. Es war immer ein täglicher Kampf mit den Wespen. Wir als Kinder hatten immer eine Zwiebel oder ein Stück Würfelzucker dabei. Und wenn die Wespe gestochen hat, hat man das drauf gelegt und es ging weiter."

Eine junge Frau in Sommerbekleidung schöpft mit einer Kelle Suppe in eine Tasse
Bildrechte: Ferienpark Feuerkuppe

Der Tag begann um 6 Uhr früh. Nach dem Wecken wurden die Decken ausgeschüttelt, dann gab es Morgengymnastik und Frühstück, den Fahnenappell und tägliche Gruppenarbeiten. Am Abend wurden Filme im Freilichtkino vorgeführt oder für die Abschlussveranstaltung geprobt, die nach 14 Tagen Ferienlager aufgeführt wurde.

Jede Gruppe durfte einen Programmpunkt beisteuern. Der beste Programmpunkt gewann beispielsweise eine zusätzliche Banane. Familien mit einem Kind bezahlten für die 14 Tage acht Mark, für kinderreiche Familien war die ganze Fahrt sogar kostenlos. "Als ich zum ersten Mal dort war, wollte ich überhaupt nicht weg von meiner Mama", lacht Alfons Jarmuszewski. "Aber dann bin ich jedes Jahr wieder gekommen. Seit 1972 arbeite ich auch ehrenamtlich im Park und das mache ich noch heute. Aber es hat sich schon viel verändert."

Während heute große Parkplätze zur Verfügung stehen, kam Alfons Jarmuszewski bis zum Bahnhof nach Kleinfurra. "Der ist fünf Kilometer entfernt. Die Kinder sind gelaufen, nur das Gepäck wurde gefahren. Dann mussten wir vorne vor dem Lagertor warten und erstmal zur ärztlichen Untersuchung. Wer Läuse hatte, bekam eine Glatze - auch Mädchen - und musste in einem Sonderzelt schlafen."

Aufmärsche und Appelle im Sinne der DDR

Die Staats- und Parteiführung der DDR verfolgte mit der Errichtung des Lagers den offensichtlichen Zweck, die Kinder und Jugendlichen für die Pionierorganisation bzw. für die FDJ und somit für die Ziele des Staats zu begeistern. Aufmärsche und Appelle mit Pionier- und FDJ-Kleidung sowie Fahnen und entsprechende Musik waren an der Tagesordnung. Trotz der wenigen Mittel versuchte das Stammpersonal, den Kindern Abwechslung zu bieten, zum Beispiel mit Schlammschlachten im Dauerregen. Auch Sport spielte damals schon eine große Rolle. Regelmäßig wurden Sportfeste veranstaltet und seit den 70er-Jahren die DDR-Meisterschaften im Hockey der Kinder. Noch heute kommen Hockeymannschaften aus Potsdam jedes Jahr in den Ferienpark.

Erst im Jahr 1984 wurden die Zelte durch Bungalows ersetzt. Nach der "Wende" wurde aus dem Pionierlager ein "Kindererholungszentrum". Die Spuren der DDR wurden nach und nach beseitigt und das Lager ging in den Besitz des Landkreises über. Die staatliche abgesicherte Finanzierung gab es mit dem Ende der DDR nicht mehr.

Kein Geld mehr für das Lager

IFA Motoren meldete Insolvenz an und es kam die Frage auf: Wie kann das Lager erhalten werden? Die Lösung: eine Vereinsgründung. Dank anfänglicher Unterstützung von Land und Kreis finanziert der Verein den Ferienpark heute fast komplett selbst. Investiert wurden rund sieben Millionen Euro. Ein Speisesaal entstand, ein Spielplatz, ein Freibad, ein Kletterturm mit Kletterhalle, ein Kino, eine Bowlingbahn und vieles mehr. Über 30 Freizeitaktivitäten stehen zur Auswahl. Mittlerweile gibt es 50 Bungalows mit 600 Betten, viele davon schon barrierefrei.

Angebote für behinderte Kinder

Gelbe Bungalows in einer Reihe stehen an einem Weg.
Bildrechte: MDR/Katharina Melzer

Der Ferienpark will mitgehen mit den Trends und der Zeit. Geschäftsführerin Ina Seichter ist stolz auf das, was ihre Vorgänger geschafft haben und will den Park weiterentwickeln: "Wir sind heute eine vom Land anerkannte Jugendbildungsstätte und durch die außerschulische Jugendbildung, die themenbezogenen Klassenfahrten und die Jugenderholung überregional bekannt. Im letzten Jahr gab es einen enormen Besucherrekord von fast 67.000 Übernachtungen."Ganz wichtig ist dem Ferienpark heute die Inklusion. Viele Angebote wurden extra auf behinderte Kinder abgestimmt. Die Wege wurden komplett barrierefrei umgestaltet und viele Bungalows behindertengerecht umgebaut. "Wir passen uns an die Bedürfnisse der Zeit an. Mittlerweile können wir auch Gäste in der Nebensaison empfangen, weil unsere Bungalows beheizt sind. Die Sommerferien sind oft schon ein Jahr im Voraus komplett ausgebucht. Wir hatten zum Ende der letzten Saison schon wieder 50.000 Übernachtungen für diese Saison angemeldet. Das ist eine Erfolgsgeschichte und die Leute kommen schon seit vielen Jahren immer wieder gerne hierher."

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN | Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 28.06.2017 | 5.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2017, 19:42 Uhr

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1 Kommentar

28.06.2017 15:14 Karin 1

Der Speisesaal entstand nicht erst nach der Wende. Den gab es Anfang der 70iger Jahre auch schon! Da waren wir jedes Jahr mit dem BMK Erfurt zum Trainingslager und haben im Speisesaal gegessen. Ja und wer zu diesen Zeiten dort war, der kennt noch die "EULE"!

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