Studie : Sexueller Missbrauch geringer als vor 20 Jahren
In der Öffentlichkeit war in den vergangenen zwei Jahren immer wieder von sexuellem Missbrauch die Rede. Vor allem die Katholische Kirche geriet in den Fokus. Nun ergab eine Studie des niedersächsischen kriminalistischen Instituts, dass die Fälle zurückgegangen sind. Opfervertreter Denef kritisierte die Ergebnisse.
Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen. Dies geht aus einer Studie hervor, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan und der Kriminologe Christian Pfeiffer am Dienstag vorgestellt haben.
Weniger Missbrauchsfälle - Täter vor allem im Familien- und Bekanntenkreis
Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen erklärte, bei einer repräsentativen Befragung von rund 11.500 Menschen hätten 6,4 Prozent der Frauen und 1,3 Prozent der Männer angegeben, vor ihrem 16. Geburtstag mit Körperkontakt missbraucht worden zu sein. 1992 hatten in einer ähnlichen Studie noch 8,6 Prozent der Frauen und 2,8 Prozent der Männer über einen Missbrauch bis zum 16. Lebensjahr berichtet. Wie die Studie weiter ergab, findet der Missbrauch überwiegend in der Familie und im Bekanntenkreis statt. 48,3 Prozent der Frauen gaben an, von männlichen Bekannten missbraucht worden zu sein. 41 Prozent der Frauen nannten Väter, Stiefväter und Onkel. Bei den männlichen Opfern nannten 28 Prozent einen Bekannten als Täter, 42 Prozent einen männlichen Familienangehörigen. Jedes zwölfte Opfer nannte als Täter Lehrer an der Schule. Der sexuelle Missbrauch durch Priester oder Ordensleute spielt inzwischen eine völlig untergeordnete Rolle. Pfeiffer sagte, nur eine Person habe angegeben, von einem katholischen Priester durch Körperkontakt sexuell missbraucht worden zu sein.
Pfeiffer: Ermutigende Ergebnisse - kein Grund, sich zurückzulehnen
Pfeiffer nannte die Ergebnisse ermutigend. Sie seien aber kein Grund, sich zurückzulehnen. Der frühere Innenminister von Niedersachsen führte die Entwicklung darauf zurück, dass die öffentliche Aufmerksamkeit und Anteilnahme für die Leiden der Opfer gestiegen sei. Auch seien die Opfer häufiger bereit, die Täter anzuzeigen. In den 80er-Jahren habe nur etwa jeder zwölfte Täter damit rechnen müssen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Heute sei es jeder dritte. Das habe offenbar eine abschreckende Wirkung. Zudem hätten Internate, Schulen, Sportvereine und kirchliche Einrichtungen häufig Maßnahmen umgesetzt, um Kinder besser zu schützen. Dadurch wüssten potenzielle Täter, dass sich das Risiko einer Tataufdeckung erhöht hat.
Opfervertreter lehnen diese Studie ab
Der Vorsitzende des Netzwerkes Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef, bezweifelte, dass Opfer bei Befragungen überhaupt einen Missbrauch angeben. Damit ergebe die Studie kein repräsentatives Ergebnis. Pfeiffer hält dagegen, die Gruppe derer, die so schwer traumatisiert seien, dass sie im Fragebogen kein Kreuzchen machen oder machen könnten, sei klein. Er räumte aber ein, dass es keine Kontrolle darüber gebe, ob die Antworten wahrheitsgemäß gemacht wurden.
Die Kriminalstatistik Thüringens weist für 2010 insgesamt 102 Gerichtsverfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern aus. Das sind 13 mehr als 2009.
Schavan will Thema Missbrauch wissenschaftlich untersuchen
Schavan fügte hinzu, die Ergebnisse der Studie könnten helfen zu beurteilen, welche Strukturen Missbrauch begünstigten und wie Kinder besser geschützt werden könnten. Die Ministerin plädierte dafür, das Thema Missbrauch durch die Einrichtung von Juniorprofessuren und durch Forschungsprojekte weiter in der Wissenschaft zu etablieren. Bereits jetzt fördert ihr Ministerium Forschungsprojekte zu Missbrauch und sexualisierter Gewalt mit insgesamt 30 Millionen Euro. Das war ein Ergebnis des Runden Tisches der Bundesregierung zu sexuellem Missbrauch.
Telefonische Anlaufstelle für Opfer 0800 22 55 530
Mo 8 bis 14 Uhr
Die, Mi, Fr 16 bis 22 Uhr
So 14 bis 20 Uhr
(kostenfrei)
