Mitte/West-Thüringen

Festakt in Erfurt : Gedenken an Sturm auf Stasi-Zentralen 1989

Erfurter haben am Freitag an die erste Erstürmung einer Stasi-Bezirkszentrale vor 20 Jahren erinnert. Mutige Bürger wollten verhindern, dass Akten vernichtet werden. Ihrem Beispiel folgten Proteste in anderen Regionen. Am gleichen Tag traten die Häftlinge des Stasi-Gefängnisses Bautzen in einen Hungerstreik - und lösten weitere Demonstrationen im Wende-Herbst aus.

Mit einem Festakt im Thüringer Landtag ist am Freitag an die erste Erstürmung eine Stasi-Bezirkszentrale erinnert worden. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht bat dabei die Zeitzeugen, ihre Erfahrungen weiterzugeben: "Es darf keinen Schlussstrich geben", sagte sie. Einer Verklärung der DDR müsse entgegengewirkt werden. Landtagspräsidentin Birgit Diezel sprach von einer "außergewöhnlich mutigen Tat des Herbstes 1989". Der Jugend müsse vermittelt werden, was Diktatur heißt, aber auch, wie es zum Wunder der friedlichen Revolution gekommen sei. Am Morgen des 4. Dezember 1989 stürmten Erfurter Bürger die Stasi-Zentrale der Stadt und besetzten sie. Noch am gleichen Tag folgten Aktionen in Suhl und Magdeburg.

Rauchende Schornsteine als Warnsignal

Vor 20 Jahren versiegelten die Besetzer Panzerschränke, kontrollierten Aktentaschen der Mitarbeiter sowie deren Autos. So sollte verhindert werden, dass die Stasi kurz nach dem Mauerfall Akten und Beweise vernichtete. Auslöser für die Aktionen waren rauchende Schornsteine, Ascheteile in der Luft und Medienberichte, die darauf hindeuteten, dass die Stasi in großem Umfang Unterlagen verbrannte. Eine Bürgerwache hielt die Zentrale in Erfurt anschließend mehrere Wochen lang besetzt. Heute ist bekannt, dass es mindestens einem Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi trotzdem gelang, sich unter die Initiative zu mischen und Unterlagen beiseite zu schaffen.

Beispielhafter Kampf gegen Unterdrückungsapparat

Diezel sagte, im Jubiläumsjahr des Mauerfalls sei häufig von Mut, Risikobereitschaft und Zivilcourage die Rede. Gerade die Besetzungen der Stasi-Zentralen hätten solche Eigenschaften erfordert – und damit ein Beispiel dafür gegeben, dass Menschen gemeinsam auch gegen "einen scheinbar übermächtigen Unterdrückungsapparat" vorgehen können.

Die letzten Stasi-Häftlinge erinnern sich

Ebenfalls am 4. Dezember 1989 traten die Häftlinge des Stasi-Gefängnisses Bautzen II in einen Hungerstreik. Sie hatten in Haft den Wendeprozess verfolgt und fühlten sich vergessen. Im Interview bei MDR INFO erinnert sich Peter Naundorf, damals Gefangener in Bautzen, an die Ungewissheit jener Tage: "Wir wussten nicht, was mit uns passieren würde und wollten auf uns aufmerksam machen", sagte er. Demonstrationen, die sich spontan vor der Halftanstalt bildeten, hätten ihm Hoffnung gegeben. Es dauerte allerdings noch bis kurz vor Weihnachten 1989, bis Naundorf aus der Haft entlassen wurde.

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2010, 13:39 Uhr

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