Zalando-Logistikzentrum in Erfurt.
Zalando-Logistikzentrum in Erfurt. Bildrechte: dpa

Erfurt Onlinehändler finden kaum noch Arbeitskräfte

Für die zahlreichen Onlineversender und Logistiker im Raum Erfurt wird die Mitarbeitersuche zum ernsten Problem. Die Branche blickt deshalb bereits skeptisch auf weitere Neuansiedlungen wie den Modehändler Lesara. Lediglich die Mitarbeitersuche im Ausland verschafft den Firmen noch etwas Luft. Das Wirtschaftsministerium spricht dagegen von einem "großen Reservoir an Arbeitsuchenden" in der Region.

von Karsten Heuke

Zalando-Logistikzentrum in Erfurt.
Zalando-Logistikzentrum in Erfurt. Bildrechte: dpa

Für den Buchhandelslogistiker KNV war es "schwieriger als gedacht" am Standort Erfurt die 1.000-Mitarbeiter-Schwelle zu knacken. Der geschäftsführende Gesellschafter Oliver Voerster, sagte MDR THÜRINGEN, es sei überraschend gewesen, dass es trotz einer recht hohen Arbeitslosenquote "in Thüringen kaum möglich ist, geeignete Mitarbeiter zu finden".

Arbeitslose aus anderen Regionen Thüringens anzuwerben sei beispielsweise aufgrund "begrenzter Mobilität" schwierig. Bei Führungskräften und Spezialisten dauere eine Stellenbesetzung manchmal deutlich länger als ein halbes Jahr. KNV suche deshalb auf vielen Wegen nach Mitarbeitern, unter anderem mit Werbung auf Straßenbahnen, Bäckertüten, Flyern und Radiospots. Für Voerster ist klar, "für weitere Unternehmen, die sich hier niederlassen wollen, wird es immer schwieriger, genügend Mitarbeiter mit der passenden Qualifikation zu finden".

Porträtaufnahme von Oliver Voerster, Geschäftsführer des Buchhandels-Logistikunternehmen KNV
KNV-Geschäftsführer Oliver Voerster Bildrechte: KNV

Umso wichtiger ist es, gefundene Mitarbeiter dauerhaft zu halten. Die Fluktuation und Wechselwilligkeit ist angesichts der vielen Jobangebote sehr hoch, sagen Branchenkenner. Der Buchgroßhändler setzt deshalb seit dem Start auf unbefristete Festverträge, ständige Schulungen und nach eigenen Angaben "gute Aufstiegschancen". Außerdem bietet KNV Mitarbeiterrabatte auf sämtliche Bücher und Medien im Sortiment, familienfreundliche Schichtmodelle, Gesundheitsmanagement und ein Betriebsrestaurant.

Jobticket und 40-Prozent-Rabatt für Mitarbeiter

Für den Modehändler Zalando mit etwa 3.000 Mitarbeitern in Erfurt sei der Wettbewerb um Arbeitskräfte ebenfalls zunehmend ein Thema, bestätigt Sprecherin Julia Zweigle MDR THÜRINGEN. So erleichtere Zalando mit Carsharing von Kleinbussen und mit Busverbindungen unter anderem nach Apolda und Sondershausen, den Weg zur Arbeit. Auch das Jobticket gibt es vergünstigt. Die Mitarbeiter werden mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Sportangeboten und einem 40-Prozent-Rabatt auf das Zalando-Sortiment gelockt.

Um sich Bewerber zu sichern, öffnet Zalando unter anderem seine Tore bei sogenannten "Hiring Days" und nimmt am "Tag der Logistik" oder auch der "Langen Nacht der Wissenschaft" teil. Ein Indiz dafür, wie wertvoll Mitarbeiter in der Region sind ist auch die Entfristungsquote. In Erfurt, am größten Zalando-Standort, haben nach Unternehmensangaben mehr als 70 Prozent unbefristete Verträge. Das ist die höchste Quote verglichen mit den Zalando-Standorten in Brandenburg (>60%) und Nordrhein-Westfalen (>40%).

Eine Frau auf einem Laufband
Einige Firmen bieten sogar einen Zuschuss fürs Fitnessstudio. Bildrechte: Colourbox.de

Viele Unternehmen der Branche setzen auch auf Personaldienstleister und Zeitarbeitsvermittler, um Arbeitskräfte zu finden. Sie decken damit Auftragsspitzen wie im Weihnachtsgeschäft ab oder nutzen die Agenturen, um über die Leiharbeit feste Mitarbeiter zu gewinnen. Seit zehn Jahren im Geschäft ist der Erfurter Personalvermittler Steffen Manegold. Der Personalbedarf ist seiner Meinung nach praktisch jetzt schon nicht abzudecken, es herrsche eine" klare Unterdeckung". Es dauere mittlerweile zwei bis drei Monate, um für Logistiker neue Mitarbeiter oder Zeitarbeiter anzuwerben. "Der Arbeitsmarkt ist praktisch leer, auch wenn es drastisch klingt, wir fischen im Bodensatz", sagte Manegold MDR THÜRINGEN. Früher habe er um Aufträge gekämpft, heute könne er nicht mehr alle Personalgesuche annehmen. Es finde ein starker Verdrängungswettbewerb fast ausschließlich über den Lohn statt. Mittlerweile erhielten Facharbeiter mehr als 20 Euro pro Stunde und ungelernte Helfer schon teilweise bis zu 17 Euro. Und viele Unternehmen, "die es begriffen haben", lockten mit zusätzlichen Prämien, betrieblicher Altersversorgung, Jobtickets oder auch Fitnessstudiozuschuss. 

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. November 2017 | 19:00 Uhr

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44 Kommentare

21.11.2017 10:38 Möwe 44

Leute lest doch richtig. Es steht überhaupt nicht da, dass ungelernte Logistiker 17 EUR bekommen. Es steht ersten "bis zu" und der Satz bezieht sich meiner Meinung nach auf den Arbeitsmarkt allgemein. Das kann schon sein, aber eher in der Industrie mit Tarifvertrag. Wenn diese Stundensätze Realität wären, vorausgesetzt es kommt auch in der Lohntüte an(Stichwort Norm), hätte diese Branche kein Problem.

20.11.2017 22:40 Rainer Quast 43

Mancher hier scheint nicht so wissen, dass es so wenige Arbeitslose gibt, wie noch nie. Die Thüringer Quote ist die niedrigste im Osten und liegt auch noch unter vielen Westländern. Also, das bedeutet dann: Es gibt wenige neue Mitarbeiter für neue Firmen.

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