Auf einem silbernen Tablett liegen Kautabakreste. Daneben liegen Tabak-Blätter und eine Packung Krause-Kautabak auf dem Holztisch.
Auf dem Silbertablett: Kautabak aus dem Hause "Grimm & Triepel" Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

Grimm & Triepel Nordhausen Das Ende der letzten Kautabak-Fabrik

Die Kautabak-Fabrik "Grimm & Triepel" war einst die größte in ganz Deutschland. Doch Kautabak ist längst aus der Mode und auch der Gesetzgeber macht dem Unternehmen Probleme. Deshalb endet jetzt eine Nordhäuser Tradition nach 167 Jahren.

von Thomas Kalusa

Auf einem silbernen Tablett liegen Kautabakreste. Daneben liegen Tabak-Blätter und eine Packung Krause-Kautabak auf dem Holztisch.
Auf dem Silbertablett: Kautabak aus dem Hause "Grimm & Triepel" Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

In Witzenhausen an der Werra  endet in diesen Tagen eine  Nordhäuser Tradition: Die Kautabak-Fabrik "Grimm & Triepel" ist Deutschlands letzte Kautabakfabrik. Doch nun muss sie schließen. Der Betrieb existierte insgesamt 167 Jahre.

Vom kleinen Betrieb zum Marktführer

Gegründet wurde das Unternehmen 1849 in Nordhausen von Theodor Grimm. Im Jahr 1858 wurde Adolf Triepel Teilhaber und Mitnamensgeber des Kautabakherstellers. 

In einem Regal stehen mehrere alte Behälter, von denen einer die Aufschrift "Grimm & Triepel Kau-Tabak Nordhausen" trägt.
Einst eine Institution: "Grimm & Triepel" Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

1882 hat Otto Kruse die Firma von den beiden Männern übernommen und aus dem 350-Mann-Betrieb Deutschlands größte Kautabakfabrik mit rund 1.500 Mitarbeitern gemacht. Hauptsitz war immer Nordhausen. Den Namen "Grimm & Triepel" behielt Kruse. Denn der war damals ein Markenname, wie beispielsweise "Tempo" heute.  Es gab Filialen im Eichsfeld aber auch eine Zigarrenfabrik in Mannheim, die zu "Grimm & Triepel" gehörte.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Firma sogar Europas größter Kautabakfabrikant. Und das, obwohl es allein in Nordhausen mehr als 30 Kautabakhersteller gab, reichsweit sogar rund 120 Unternehmen. Bei "Grimm & Triepel" wurden jährlich 65 Millionen Packungen bzw. Stücke hergestellt: in Rollen, Stangen, Streifen, Würfeln oder Platten.

Das Firmengeheimnis: Spezialrezepte

Auf einer Wandtafel mit der Aufschrift "Kautabak" sind zehn kleine Behälter mit Zutaten für Kautabak befestigt.
Einige der Kautabak-Zutaten Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

Die Blütezeit des Kautabaks war zwischen den beiden Weltkriegen: Bauern, Bergleute, Seeleute oder Kraftfahrer hatten schlicht keine Hand frei zum rauchen. Auf See und unter Tage war Feuer zudem eine große Gefahr. Deswegen wurde "gepriemt". Nur am Wochenenede wurde der getrocknete und ausgelaugte Priem auch mal in die Pfeife gestopft.

Auch wenn es der Name vermuten lässt, wird Kautabak nicht gekaut, sondern zwischen Zähnen und Wangen hin und her geschoben und nur kurz angekaut, wenn der Geschmack nachlässt. Die Herstellung des Priem ist ziemlich aufwendig: Neben den nikotinhaltigen Rohtabaken, entsteht der spezielle Geschmack durch Süßholz, Honig, Rum Pflaume oder spezielle Weine, sowie Lakritz und andere Stoffe. Der Tabak wurde dazu in den Spezialsoßen über Wochen eingelegt.

Eine Frau dreht an einer Werkbank Tabakblätter zu einer Art Tabak-Würstchen.
Kautabak-Herstellung: In Deutschland werden die Tabakblätter gesponnen. Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

Bernd-Otto Kruse ist der letzte Firmenchef. Er erzählt, dass sein Großvater, wenn er den Betrieb eines Konkurrenten übernahm, immer darauf geachtet habe, dass vor allem das Rezeptbuch dabei ist. Heute sei das Rezept nicht mehr so ein Geheimnis, sagt Kruse. Dennoch gehören insgesamt 70 Zutaten zur Herstellung.

Der deutsche Kautabak wird - anders als beispielsweise die schwedische Variante, bei der der Snus genannte Kautabak gemahlen und in Säckchen gestopft wird - in Deutschland gesponnen. Das heißt, die Blätter werden zu einem "endlosen" Seil gedreht - ähnlich wie bei der Zigarrenherstellung.

Von Thüringen nach Hessen

In jüngerer Vergangenheit existierte "Grimm & Triepel" nur noch als eine kleine Firma in Witzenhausen, die ihren Kautabak auch unter dem Namen "Kruse" angeboten hat. Außerdem wurde eine spezielle Sorte für saarländische Bergleute hergestellt: die Schnecke.

Ein Fot in einem Fotoalbum, das einen blauen Truck zeigt.
Erinnerung im Fotoalbum: Als Bernd Otto Kruse die Kautabak-Maschine 1999 nach Nordhausen brachte. Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

Nach der Enteignung zu DDR-Zeiten siedelte das Unternehmen zunächst nach Unterrieden/Werra in Hessen um und machte dort weiter. Firmenchef Bernd-Otto Kruse erinnert sich, dass sein Vater immer Chef des Nordhäuser Heimatvereins im hessischen Witzenhausen war. Fast jedes Wochenende wurden Päckchen für Freunde und Verwandte in Nordhausen gepackt.

Nach der Wende bliebt es bei der Enteignung. Die Familie hat aber das Familiengrab zurück erhalten. Zum 150. Jubiläum von "Grimm & Triepel" im Jahr 1999 hat Bernd-Otto Kruse die Kautabak-Maschine nach Nordhausen gebracht. Mit der stellte er auf dem Rolandsfest Kautabak her. Und er hat weiterhin engen Kontakt zu verschiedenen Kautabakhändlern in Nordhausen. Einige seiner Maschinen werden deshalb künftig im Tabakspeicher in Nordhausen ausgestellt.

Produktionsstätte trifft Museum

Die Firma hat sich in  Unterrieden bei Witzenhausen in den Jahren gewandelt. Kruse begann zusätzlich eine Verpackungsmaterial zu produzieren, was inzwischen auch sein eigentliches Geschäft geworden ist. Aufgrund des ständig schrumpfenden Absatzes von Kautabak hatte "Grimm & Triepel" nur noch weige Mitarbeiter. Sie arbeiteten in einem alten Fachwerkhaus in Witzenhausen, das Museum und Produktionsstätte gleichzeitig war. Eine Mitarbeiterin war von ihrem 16. bis zum 76. Lebensjahr bei Kruse beschäftigt.

Auf einem Holztische liegen Tabakblätter und eine Packung mit "Schnecken" - dem speziellen Kautabak für Bergleute im Saarland.
Die "Schnecken" waren speziell für die Bergleute im Saarland. Bildrechte: MDR/Thomas Kalusa

Und nun will Kruse, der selbst bald 70 wird, die Firma zum Jahresende schließen. Das liegt unter anderem auch an den Regelungen der Europäischen Union, die in ihrer 2. Tabakproduktionsdirektive so genaue Vorgaben macht, dass Kruse einen Lebensmittelchemiker einstellen müsste. Die Fabrik, die schon in den letzten Jahren mit nur noch drei Beschäftigten mehr ein Museum war, will Kruse an die Stadt Witzenhausen übergeben.

Doch so ganz verschwindet der Kautabak noch nicht aus Nordthüringen: In Nordhausen gibt es noch zwei Geschäfte die Kautabake anbieten: Georg Ullrich Aschenbrenner am Kornmarkt und Heinrich Bötel in der Bochumer Straße. Zudem gibt es eine Tradition Kautabaktöpfe zu sammeln. Manche Sammler besitzen an die 1.000 Stück. Und jedes Jahr im Mai gibt es im Museum Tabakspeicher in Nordhausen die Kautabakbörse mit Sammlern aus ganz Deutschland.

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2016, 13:56 Uhr

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2 Kommentare

28.12.2016 21:11 Helmut Kassner 2

Danke für den Artikel, noch größeren Dank an die Firmeninhaber dieses traditiongewerbe bewahrt haben, aber der größte Dank gilt der EU die die endgültige Schließung befördert hat. Nun weiß ich endlich wozu die EU gut ist. Danke. Helmut Kassner aus Halle (S.)

27.12.2016 06:59 Butterwiese 1

Auch wenn das Thema an mir vorbei geht. Ein Schöner und gut geschriebener Artikel.
Danke dafür.