Entgleister Waggon ragt in die Luft.
Verheerende Bilder am Unglücksort: Ein entgleister Wagon ragt senkrecht in die Luft. Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Haltestelle Kleinfurra Ausweichen unmöglich

Eine Horrorvorstellung: Auf der eingleisigen Strecke kommen sich zwei Züge entgegen. Am 5. Juni 1996 wurde dieses Szenario Realität. Bei Kleinfurra stießen zwei Regionalbahnen zusammen, drei Menschen starben, darunter auch die beiden Lokführer.

von Sabine Cygan

Entgleister Waggon ragt in die Luft.
Verheerende Bilder am Unglücksort: Ein entgleister Wagon ragt senkrecht in die Luft. Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Die Regionalbahn 6655 ist von Nordhausen nach Erfurt unterwegs, um 7:55 Uhr erreicht sie den Bahnhof in Kleinfurra. Hier müsste der Lokführer die Ankunft der Regionalbahn 6652 auf der Fahrt nach Nordhausen abwarten. Doch die hat an diesem Morgen eine Verspätung von sieben Minuten. Weil die Abfahrtzeit der RB 6655 gekommen ist, gibt der Zugführer seinem Lokführer das Signal zur Weiterfahrt. Beide beachten weder ein Haltesignal, noch die geöffneten Bahnschranken. Und so stoßen etwa 800 Meter nach dem Bahnhof Kleinfurra in einer leichten Rechtskurve die beiden Züge zusammen. Das MDR THÜRINGEN JOURNAL berichtete am Unglückstag von den Bergungsarbeiten. Rund 200 Hilfskräfte waren im Einsatz.

Entgleister Zug, Rettungskräfte und Rettungsfahrzeuge aus der Luft.
Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Sabine Cygan

Die Führerhäuschen der beiden Dieselloks sind zertrümmert, ein Wagon ist entgleist, das Vorderteil eines anderen Wagens ragt senkrecht in die Luft. 4.000 Liter Diesel sickert aus den Tanks der Lokomotiven in den Boden.

Der 34-jährige Lokführer des verspäteten Zuges wird tot geborgen, der andere Lokführer ist schwer verletzt und wird seine Verletztungen nicht überleben. Zwölf der insgesamt 20 Fahrgäste werden in Krankenhäusern gebracht. Eine 79-jährige Frau wird dort ebenfalls ihren Verletzungen erliegen. Die Bergungsarbeiten dauern auch den nächsten Tag an. Das MDR THÜRINGEN JOURNAL ist vor Ort und spricht mit Verletzten.

Polizist und Helfer vor schwer beschädigtem Waggon.
Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Sabine Cygan

Bewährungsstrafe wegen Mitschuld

Viele Helfer und Feuerwehrleute mit Leitern und Gerät an entgleisten Zug.
100 Feuerwehrmänner, 60 Polizisten, vier Hubschrauber und ein Bergepanzer der Bundeswehr aus Sondershausen waren im Einsatz. Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Im Dezember 1997, eineinhalb Jahre nach dem Unglück, wurde der damals 40-jährige Zugführer zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Das Amtsgericht Nordhausen verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung. Durch seine fehlerhafte Entscheidung den Bahnhof Kleinfurra zu verlassen, sei das Unglück ausgelöst worden. Doch auch beim getöteten Lokführer lag eine Mitschuld, befand das Gericht. Auch er hätte die gesperrte Strecke erkennen und handeln müssen.

Der Fahrdienstleiter im Stellwerk in Kleinfurra hatte noch über Funk versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Er habe "Anhalten! Anhalten!" gerufen. Der Lokführer antwortete jedoch: "Ich verstehe nichts" und beendete die Funkverbindung, berichtete damals die Nachrichtenagentur dpa.

Eine Zugbeeinflussungsanlage hätte das Unglück wohl verhindern können und die RB 6655 bei der Weiterfahrt gestoppt. Doch diese Technik ist nur für Strecken mit Geschwindigkeiten über 100km/h Pflicht. Und so lag die Verantwortung auf menschlichen Schultern, die dieses eine Mal versagten.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN JOURNAL | MDR FERNSEHEN | 02.06.2017 | 19:00 Uhr
MDR THÜRINGEN - Das Radio | 05.06.2017 | ab 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2017, 14:11 Uhr

Alle Haltestellen von Nordhausen bis Erfurt

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Bildrechte: MDR/ Sabine Cygan

An ihr kommt kein Zug vorbei: Nach 20.000 gefahrenen Kilometern muss auch die Nordthüringenbahn einen Abstecher in die Werkstatt in Erfurt machen.

Di 23.05.2017 09:35Uhr 02:26 min

http://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/video-108316.html

Rechte: Sabine Cygan/MDR

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Bildrechte: MDR/ Sabine Cygan

An ihr kommt kein Zug vorbei: Nach 20.000 gefahrenen Kilometern muss auch die Nordthüringenbahn einen Abstecher in die Werkstatt in Erfurt machen.

Di 23.05.2017 09:35Uhr 02:26 min

http://www.mdr.de/thueringen/nord-thueringen/video-108316.html

Rechte: Sabine Cygan/MDR

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