Zwei junge Männer sitzen auf einem Bett. An der Wand hinter ihnen hängen mehrere Fotos.
Mouctar Diallo (li.) und Siaka Diaby Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Minderjährige Flüchtlinge Erwachsenwerden in der Fremde

Allein in einem fremden Land, ohne Eltern und Familie, und das nach einer lebensgefährlichen Flucht vor Elend, Krieg und Terror - so geht es vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland. MDR THÜRINGEN hat zwei von ihnen in Gera besucht.

von Johanna Hemkentokrax

Zwei junge Männer sitzen auf einem Bett. An der Wand hinter ihnen hängen mehrere Fotos.
Mouctar Diallo (li.) und Siaka Diaby Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei Betten, ein Schrank, zwei kleine Schreibtische. So sieht das Zimmer von Mouctar Diallo, 17 Jahre, und Siaka Diaby, 16 Jahre alt, den alle "Diaby" nennen, in der Caritas-Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus. In einem kleinen Regal stehen die Fußballschuhe der beiden. An der Wand hängen blasse DIN A 4-Kopien von Fotos berühmter Fußballstars wie Christiano Ronaldo. Es gibt nur wenige persönliche Dinge, denn Mouctar und Diabys zweites Leben begann vor elf Monaten mit ihrer Ankunft in Deutschland.

Diaby: "Mouctar ist wie mein Bruder"

Mouctars Eltern sind vor Jahren durch Krankheiten gestorben, Diabys Eltern bei einem Unfall. Mouctars kleine Schwester wurde von Verwandten adoptiert, er vermisst sie, hofft, dass er sie irgendwann wiedersieht, selbst für sie sorgen kann. Über ihre lebensgefährliche Flucht allein von der Elfenbeinküste zu sprechen, fällt den beiden Teenagern sichtbar schwer. In Libyen wurden sie über Monate festgehalten, zum Teil ohne Wasser und Essen, irgendwie schafften sie es, in dem Bürgerkriegsland zu überleben, wo Schläge und Folter für Flüchtlinge an der Tagesordnung sind, schafften es schließlich auch über das Mittelmeer nach Europa. Sie sind sich auf der Flucht begegnet, sind seitdem sie unzertrennlich. Mouctar sei wie ein Bruder, sagt Diaby. "Wir machen alles zusammen." Ihre wichtigste Aufgabe im Moment: Ihr Deutsch verbessern. Mouctar hilft Diaby bei den Hausaufgaben, er zeigt die Textnachrichten auf seinem Handy. "Wir schreiben uns auf Deutsch", sagt er. "Damit wir schneller lernen."

Mouctar: "Ich wünschte, die Leute würden sehen wie wir sind"

Am meisten wünschen sich die beiden Kontakt zu Geraern. Doch das ist nicht einfach. "Es gibt Leute, die Angst vor uns haben wegen der Farbe", erklärt Mouctar und tippt auf seinen Arm. Immer wieder stoßen die beiden auf massive Ablehnung und Anfeindungen. Als er neulich im Schwimmbad war, hätten die anderen Menschen das Becken verlassen, erzählt Mouctar. Das habe ihn sehr verletzt. Ins Schwimmbad traut er sich nicht mehr. "Ich wünschte, die Leute würden sehen wie wir sind und dass nur unsere Hautfarbe anders ist."

Zwei Männer gehen über einen Parkplatz.
Auf dem Weg zum Training Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es sind die Alltagssituationen, die den Jungen zu schaffen machen. In der Straßenbahn bleiben die Sitze neben ihnen meist leer, niemand will sich neben sie setzen. Letzte Woche erst habe sich ein Mädchen demonstrativ die Nase zugehalten und sich dann weit weggesetzt. "Die Leute wollen uns nicht kennenlernen", sagt Diaby. Auch er habe Angst vor den Menschen auf der Straße. "Ich habe in meinem Leben schon viele Enttäuschungen erlebt." Oft bleibe er lieber in seinem Zimmer, in der Unterkunft - aus Angst wieder Ablehnung zu erfahren. "Ich verstehe die Leute", versucht er sich selbst die Situation zu erklären. "Aber wenn man aus einem anderen Land kommt und die Leute wollen nicht mit einem reden, dann ist das schwer." Er glaubt, dass es besser werde, wenn die Menschen sie erst kennenlernen würden. "Wir möchten gern, dass es schneller geht, aber es braucht einfach viel Zeit." Zum Kennenlernen fehle es aber an Gelegenheiten - ein Teufelskreis. "Ich kann nicht einfach auf der Straße auf jemanden zugehen und fragen: Hallo, haben Sie Angst vor mir?", sagt Mouctar hilflos. "Das geht nicht."

Sozialpädagogin: "Zum Leben gehört einfach auch Spaß"

Zwei junge Männer sitzen auf einem Bett. An der Wand hinter ihnen hängen mehrere Fotos.
Sozialpädagogin Christine ten Venne im Gespräch mit den beiden jungen Männern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anerkennung, Erfolgserlebnisse, Struktur im Alltag - dass sei wichtig für Jugendliche wie Mouctar und Diaby, sagt Unterkunftsleiterin Christine ten Venne von der Caritas Ostthüringen. In der Unterkunft gibt es feste Essenszeiten, einen Putzplan, regelmäßige Gespräche mit den Betreuern. Die Sozialpädagogin und ihre Mitarbeiter kümmern sich hier aktuell um 21 Jugendliche aus Syrien, Afghanistan und afrikanischen Ländern. Dabei müssen die Mitarbeiter den Spagat wagen: Denn mit 18 Jahren endet die Obhut des Jugendamts, das für die minderjährigen Flüchtlinge zuständig ist wie bei deutschen Jugendlichen ohne Eltern. Die Bewohner müssen dann die Unterkunft verlassen, auch wenn sie erst kurz vorher nach Deutschland gekommen sind. Oft bleibe kaum Zeit zur Ruhe zu kommen, wenn schon wieder der Auszug anstehe.

Christine ten Venne wünscht sich mehr Zeit für die Nachbetreuung, einen "weicheren Übergang" wie sie es nennt. Denn die Caritas-Mitarbeiter müssten meist sofort anfangen, die Jugendlichen auf die Selbstständigkeit vorzubereiten. Deutschlernen, Schulbesuch, Praktika, Jobsuche, Haushaltsführung, der Asylantrag, Wohnungssuche. Die Jugendlichen müssen das alles im Eiltempo lernen und bewerkstelligen, dabei haben fast alle Gewalt, Terror und Todesangst erlebt. Einige würden die Verarbeitung des Erlebten nur mit psychotherapeutischer Hilfe schaffen, sagt Christine ten Venne. "Einmal erleben wir Jugendliche, die sich zurückziehen, die niedergeschlagen sind, die deprimiert sind, dann gibt es Jugendliche, die das ganz anders ausleben, nämlich in Aktivität, also aufgedreht sein, Bewegung wollen - Mouctar und Diabi tut der Fußball unheimlich gut." Spaß und Freude seien wichtig, betont sie.

Trainer: "Beim Sport ist es egal wo man herkommt"

Mehrere Männer in schwarzer Sportkleidung trainieren auf einem Fußballplatz.
"Im Sport zählt nur die Leistung": Training beim JFC Gera Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fußball, das ist Mouctars und Diabys große Leidenschaft. Wie viele Jugendliche träumen sie von einer Profikarriere. Seit sieben Monaten trainieren die Jungen dreimal in der Woche bei den A-Junioren des JFC Gera. Dann können Mouctar und Diaby ihre Probleme vergessen. Hier stoßen sie nicht auf Ablehnung - im Gegenteil. Trainer Ronny Zimmermann hält große Stücke auf seine beiden Nachwuchstalente. "Da hat man sofort gesehen, dass da fußballerisches Talent da ist, und sie haben auch sehr viel Ehrgeiz", erzählt er. Mouctar und Djabi hätten sich gut in die Mannschaft integriert. Nur sprachlich gebe es manchmal noch Schwierigkeiten. Auch beim Vereinsfest helfen die Jungen mit. "Beim Sport ist es egal wo man herkommt und welche Hautfarbe man hat", sagt Ronny Zimmermann "Im Sport zählt die Leistung." Der Rest der Mannschaft habe schnell gemerkt, dass die beiden gut für das Team seien. Wenn es mit der Profikarriere nicht klappt, haben Mouctar und Diaby aber noch einen zweiten Traumberuf - nach der Schule wollen sie Automechaniker werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2017, 20:44 Uhr

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49 Kommentare

06.10.2017 20:50 Susan 49

@48: Gerne doch. Ich arbeite als freie Journalistin für mehrere Medien. Ich bin alleinerziehend und mein Einkommen liegt knapp oberhalb von Hartz IV. Weil die Krankenversicherung und Miete schon teuer genug sind, kann ich mir eine Rentenversicherung nicht leisten. Übrigens: Freie J. werden fast nirgendwo fürstlich bezahlt und kommen, gemessen am Arbeitsaufwand, schon mal schlechter als eine festangestellte Putzfrau weg. Beim MDR sind ja auch zahlreiche Freie - manche treffe ich manchmal ;-) Und ja, für solche Kommentare brauche ich keine fünf min, so dass das zwischendurch schon mal drin ist. Zumal ich ohnehin, wie jeder Journalist, auch mal gucken muss, was die Konkurrenz so schreibt. Dafür bin ich fast jedes WE unterwegs und arbeite so gut wie jeden Sonntag und in der Regel abends auch noch mal. Mein Privileg: Ich kann dort, wo ich schreibe, zensurfrei arbeiten. Sind Ihre Fragen damit beantwortet?3

06.10.2017 19:10 Walter 48

Hallo Susan, könnten Sie uns bitte mitteilen womit Sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das wäre für die Beurteilung Ihrer Träumereien von Bedeutung.

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