Übergriffe am 1. Mai 2015 in Saalfeld Mindestens 40 Tatverdächtige aus Neonazi-Szene

von Johanna Hemkentokrax und Axel Hemmerling

Am 1. Mai 2015 kam es am Rande von Demonstrationen zu einem brutalen Angriff auf ein Gruppe junger Leute. Es gibt Verletzte. Bis heute ermittelt die Polizei. MDR THÜRINGEN hat nun Augenzeugenberichte und Videomaterial ausgewertet. Das Ergebnis: Die mutmaßlichen Täter stammen aus der Neonazi-Szene.

Saalfeld am 1. Mai 2015. Am Kundgebungsplatz der Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" sammeln sich mittags die Teilnehmer. Polizeieinheiten führen mehrere hundert Neonazis vom Bahnhof dorthin.

Ein Mann mit Kapuzenpullover ist sitzend an einem Tisch von hinten zu sehen. Gegenüber sitzt Christina Büttner von der Opferberatungsstelle ezra.
Christina Büttner von der Opferberatungsstelle ezra Bildrechte: MDR / Johanna Hemkentokrax

Am Bahnhof ist kaum noch Polizei, als eine 80-köpfgige Nachzügler-Gruppe ankommt. Die Neonazis ziehen unbegleitet in Richtung Sammelpunkt. Um dorthin zu kommen, führt der kürzeste Weg quer durch die Innenstadt. Dort finden zur selben Zeit ein Familienfest und weitere Gegenveranstaltungen, wie die "Meile der Demokratie", statt. In der Saalstraße treffen die Rechtsextremisten unvermittelt auf eine kleine Gruppe junger Punks. Ein Augenzeuge filmt den Anfang des folgenden brutalen Angriffs der Rechtsextremen. Dann versucht er, Hilfe zu holen.

Diese Straße liegt direkt am Marktplatz. Da waren Kundgebungen und auch verschiedene Stände auch viele Kinder. Wir wollten uns dann auf den Weg nach Hause machen und unmittelbar nach dem wir den Marktplatz verlassen hatten, ist uns dann eben diese Gruppe entgegengekommen.

Arne, Opfer des Neonazi-Angriffs

Film- und Fotoaufnahmen führen zu mutmaßlichen Angreifern

Sein Video ist nur wenige Sekunden lang. Trotzdem lassen sich einige Details darauf erkennen. Anhand dieses Videos und weiterer Filmaufnahmen, die ein MDR-Kamerateam von der Gruppe nach dem Angriff gemacht hatte, sowie mehrerer Fotostrecken des Aufmarschs im Internet, lässt sich rund die Hälfte der 80 Rechtsextremisten identifizieren.

Ich war durch den Angriff sehr mitgenommen, Ich hatte eine Gehirnerschütterung und auch sehr viele Prellungen am ganzen Körper. Denn mir wurde ja mehrmals mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen. Ich wurde auch getreten, selbst als ich auf dem Boden lag, als ich für eine Sekunde bewusstlos war, wurde auf mich eingetreten.

Arne, Opfer des Neonazi-Angriffs

Nach MDR THÜRINGEN-Recherchen handelt es sich bei einem der mutmaßlichen Haupttatverdächtigen um einen Dresdner Rechtsextremisten, der bereits wegen Körperverletzung polizei- und gerichtsbekannt ist und im Security-Bereich tätig war. Der junge Mann hat Kontakte zu Funktionären der rechtsextremen NPD in Sachsen. In seinem Freundeskreis finden sich weitere polizeibekannte Neonazis, die an dem Angriff beteiligt waren. Die Dresdner Gruppe, von denen mehrere für Sicherheitsunternehmen arbeiten, nimmt regelmäßig an Neonazi-Aufmärschen teil. Einige von ihnen waren zwei Monate nach dem Angriff in Saalfeld an den Ausschreitungen an der Dresdner Flüchtlingszeltstadt beteiligt.

Ich habe heute noch mit psychischen Einschränkungen zu kämpfen, zum Beispiel fühle ich mich in großen Menschenmengen sehr unwohl, aber das schlimmste ist wohl, dass mein Finger immer noch nicht hundert Prozent wieder einsatzfähig ist und dass durch die Narbenbildung, das Greifen, teilweise sehr schmerzhaft ist.

Arne, Opfer des Neonazi-Angriffs

Landeskriminalamt will Zahl der Tatverdächtigen nicht nennen

Insgesamt hat MDR THÜRINGEN rund 40 tatverdächtige Männer und Frauen namentlich oder mit Facebook-Alias-Namen recherchiert. Dafür wurden Videos des Angriffs sowie im Internet frei zugängliche Film- und Fotoaufnahmen ausgewertet. Die Angreifer stammen unter anderem aus Dresden, Merseburg, Weißenfels, Naumburg, Halle, Mittweida und dem Erzgebirge und tauchen immer wieder bei rechtsextremen Demonstrationen auf. Einige waren nach MDR-Informationen Ordner bei den fremdenfeindlichen LEGIDA-Aufmärschen in Leipzig. Das Thüringer Landeskriminalamt wollte dem MDR die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen auf Anfrage nicht nennen.Die Behörde bestätigte lediglich, dass gegen mehrere Leute aus dem rechtsextremen Spektrum ermittelt wird. Auch wie viele Mitarbeiter der Sonderermittlungsgruppe "Zesar" sich seit einem dreiviertel Jahr mit dem Fall befassen, lässt das LKA "aus polizeitaktischen Gründen" offen.

Opfer Arne Arne* möchte unerkannt bleiben. Bis heute leidet der junge Mann psychisch und physisch unter den Folgen des Angriffs am 1. Mai 2015 in Saalfeld. Aus einer Gruppe von rund 80 Neonazis heraus wurden er und seine Freunde zusammengeschlagen und zum Teil schwer verletzt.

*Name geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2016, 16:14 Uhr

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19 Kommentare

18.02.2016 19:48 Danielo 19

Der MDR recherchiert schlecht. Der Herr Hemmerling ist nur noch peinlich. Die Aussagen zur Ausrüstung der Polizei sind genauso falsch wie dieser Beitrag. ;-)

18.02.2016 12:16 Heini 18

@ Heine: So wie die 2 überdeutschen Spezialisten die besoffen dümmlich in Gröditz krakeelt haben? Relativieren ist was tolles, oder? :D

18.02.2016 10:22 Heino 17

Aus meiner Sicht grenzt das schon an Hetze was hier durch Herrn Hemmerling veranstaltet wird. Natürlich muss auch die Polizei als dämlich hingestellt werden. Warum die drei "linken" jedoch auf die 80 Personen starke "rechte" Gruppierung zuliefen anstatt umzudrehen und auf den angeblich soooo nahe gelegenen Marktplatz zurück liefen, der ja zu diesem Zeitpunkt mit bürgerlichem Gegendemonstrationsklientel gefüllt war ist nicht nachvollziehbar. Deshalb wohl eher ein Fall von selbst Schuld oder "wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um". Vielleicht waren die Sinne drei "linken" aber einfach nur durch Alkohol oder andere Mittel getrübt?

17.02.2016 23:26 Querdenker 16

Gewaltbereite Rechtsextremisten sind genau so eine Pest wie gewaltbereite Linksextremisten oder gewaltbereite Islamisten. Unser Rechtssystem ist viel zu lasch vor allen auch gegen Wiederholungstäter. Wir brauchen nicht nur ein Wohnungsbauprogramm sondern auch ein Gefängnisbauprogramm. Der gewaltbereite und kriminelle Bodensatz unserer Gesellschaft gehört nicht auf die Straße sondern vor Gericht und ins Gefängnis und sofern Ausländer danach abgeschoben mit dauerhaftem Einreiseverbot.

17.02.2016 13:52 Pfingstrose 15

Die Täter von Ballstaedt laufen auch noch frei herum obwohl es alles der Polizei bekannte Nazis sind und es geht nicht vorwärts in den Prozess, da wird wohl auch bei diesen Übergriffe am 1. Mai 2015 in Saalfeld die Mühlen des Gesetzes wieder langsam laufen und vieles wird wieder wie üblich unter den Tisch gekehrt und die Rechtsanwälte dieser Nazischläger werden wieder auf Bewährung plädieren. Die Opfer stehen wie immer im Regen. Nur der kleine Mann oder Bürger bekommt bei kleinsten Vergehen eher eine Strafe aufgebrummt als diese Halunken

17.02.2016 12:52 Kevin 14

Wenn Justizia in der BRD noch eine Binde trägt, dann wird sie die Rechtsextremisten genauso bestrafen, wie die Linksextremisten in Connewitz und anderswo, d.h. die Leute haben nichts zu befürchten - alles andere wäre Willkür und eines "Rechtsstaates" unwürdig.

17.02.2016 12:39 Thüringer 13

@12: Man sollte nicht nur die Kommentare, sondern auch den dazu gehörigen Artikel lesen :-) Als kleine Unterstützung: Unter dem zweiten Opferberichtet stehts. Vom MDR recherchiert. Also glaubwürdig.

17.02.2016 12:08 Theo W. 12

@ 1. Thüringer : "Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Dresden". Haben Sie dafür auch Beweise oder stand dies in der "Bild" oder "Huffingtonpost" ? Dann natürlich muss es wahr sein, denn die würden das ja nicht schreiben, wenn es nicht wahr wäre.

17.02.2016 11:34 Clemens Neumüller 11

Polizei und Justiz in den östlichen Bundesländern waren schon immer mehr oder minder "rechts-affin". Es dauert 9 Monate, bis bestehendes Foto- und Video-Material ausgewertet wird - und wie lange es dann dauert, bis Anklageerhebung oder sowas erfolgt, steht in den Sternen. Und wenn nicht jetzt eine Opfer-Anwältin aufgetaucht wäre, würden die Untersuchungen irgendwann "im märkischen Sand" verlaufen. ...

17.02.2016 11:27 Pjotr 10

@Zweifler: relativieren hilft nicht. "Herr Richter, andere haben doch auch schon gemordet"...