Interview zum Papstbesuch in Thüringen : Auch das Trennende ansprechen
Anderthalb Tage wird das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Benedikt XVI., im Rahmen seines Deutschland-Besuches in Thüringen weilen. Ein wichtiger Programmpunkt ist die Begegnung am 23. September mit Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Erfurt, bei der über den aktuellen Stand der Ökumene gesprochen werden soll. Ist das alles nur Symbolik oder steckt echter Wille dahinter, das christliche Miteinander über Konfessionsgrenzen hinweg zu fördern? Darüber sprachen wir mit dem Journalisten Matthias Drobinski. Er ist Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" und beschäftigt sich seit Jahren mit den Themenfeldern Kirche und Religion.
Herr Drobinski, welche Signale will der Papst mit seinem Besuch in Thüringen aussenden?
Matthias Drobinski: Es sind im Grunde zwei Signale: Das eine ist die Stärkung der katholischen Enklave im Eichsfeld. Der Besuch in Thüringen ist sein erster Besuch der neuen Bundesländer, und da spielt es eine große Rolle, dass er die Katholiken hier stärken will.
Das zweite Signal ist der ökumenische Teil seines Besuches: Er hat bewusst die Begegnung mit dem Ratsvorsitzenden der EKD im Augustinerkloster in Erfurt gesucht - dem Kloster, in dem Martin Luther sein Ordensgelübde abgelegt hat.
Was hat Benedikt XVI. bewogen, ausgerechnet nach Thüringen und nach Erfurt zu kommen - immerhin ist das hier das Kernland der Reformation. Wollte er provozieren?
Ich glaube, das ist ein positives Zeichen. Er kommt nicht hierher um zu sagen: Werdet alle katholisch. Den Ort der ökumenischen Begegnung hat die evangelische Kirche vorgeschlagen. Der Papst selbst hat in einem Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD bewusst gesagt, dass er mehr Zeit für diese Begegnung haben möchte. Das wird eine halbe Stunde sein, was für das eng gestrickte Programm schon viel Zeit ist.
Außerdem wird das Gespräch in relativ kleinem Rahmen stattfinden. Das bedeutet: Er will offenbar tatsächlich in kleinem Kreis offen reden. Deshalb kann man schon sagen, dass ihm der Dialog wichtig ist. Im Jahr 2005 in Köln war das noch anders. Da hatte die katholische Kirche eingeladen und die Zeit der Begegnung war nur kurz. Da fühlte sich die evangelische Kirche schon ein bisschen wie eine Kirche zweiter Klasse behandelt. Diesen Eindruck versucht man heute zu vermeiden. Beide Seiten achten darauf, auf Augenhöhe miteinander umzugehen.
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Zweites Vatikanisches Konzil
Ein Konzil ist die Versammlung von Bischöfen zur Klärung grundsätzlicher theologischer und juristischer Fragen. Am Zweiten Vatikanischen Konzil nahmen Bischöfe aus mehr als 130 Ländern teil. Es dauerte - mit Unterbrechungen - von 1962 bis 1965. Mit diesem Konzil stellte die römisch-katholische Kirche unter anderem ihre Haltung zu anderen christlichen Konfessionen und zu anderen Religionen klar. Dazu heißt es in einer der Erklärungen zum Konzil: "Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet."
Ökumenisches Treffen auf dem Weltjugendtag 2005 in Köln
Auf dem katholischen Weltjugendtag im August 2005 in Köln kam es zu einem von der katholischen Kirche initiierten Treffen von Papst Benedikt XVI., der damals erst wenige Monate im Amt war, und Vertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland. Hier betonte Benedikt, die Einheit der Christen zu einer Priorität seines Pontifikats machen zu wollen. Beide Seiten erklärten, man wolle den Dialog von Katholiken und Protestanten befördern. Auf evangelischer Seite war man jedoch skeptisch, da Benedikt fünf Jahre zuvor - noch als Kardinal Ratzinger - in der Erklärung "dominus jesus" den Protestanten den Status einer eigenständigen Kirche abgesprochen hatte.
