Wende im Prozess um Mafia-Schießerei Verfahren gegen Angeklagte eingestellt

von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Sie wechselten einfach nur die Seiten. Als Richter Markus von Hagen am Dienstag das Verfahren gegen die fünf Männer (*Namen sind der Redaktion bekannt) einstellte, gingen sie von der Anklage- auf die Besucherbank. Das, was sie nun noch tun müssen, ist, dem deutschen Staat Geldauflagen zu zahlen. Zwei müssen 2.500 Euro, einer 1.500 und zwei andere 1.000 Euro zahlen. Im Juristendeutsch nennt sich das "Einstellung gegen Auflage wegen geringer Schuld". Zu finden in der Strafprozessordnung unter § 153 a. Die Staatsanwaltschaft Gera, die in Thüringen den Schwerpunkt Organisierte Kriminalität bearbeitet, hat offenbar die juristische Reißleine gezogen. Ein Sprecher sagte MDR THÜRINGEN, die Chancen einer Verurteilung zu einer Haftstrafe seien zu gering gewesen. Daher sei der Antrag gestellt worden, dem das Landgericht Erfurt dann auch gefolgt sei.

20 Schüsse vor der Spielothek

Rückblick: Am 13. Juli 2014 treffen sich in einer Spielhalle im Erfurter Gewerbegebiet "An der Lache" mutmaßliche Mitglieder von armenischen Mafia-Gangs aus Erfurt, Leipzig und Berlin. Sie wollen einen geschäftlichen Streit beilegen. Was dann passierte, können Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute nicht genau rekonstruieren. Fakt ist, mehrere Männer ziehen plötzlich Waffen und feuern aufeinander. Es fallen 20 Schüsse, ein Mann wird schwer, ein weiterer leicht verletzt. Dass es keine Toten gegeben habe sei ein Wunder, so ein Fahnder zu MDR THÜRINGEN.

Zentrales Beweisstück für die Bluttat ist ein Überwachungsvideo, das Bilder aus und vor der Spielhalle zeigt. Auf diesen sind einige der Tatbeteiligten gut, andere weniger gut zu erkennen. Für den Tatnachweis im Sinne der Anklage, die unter anderem versuchter Totschlag lautet, ist aber entscheidend: Wer hat eine Waffe gehalten und wer hat mit dieser noch geschossen?

Wer hat geschossen?

Im Laufe des Prozesses hatte ein Gutachter erklärt, dass dieser Nachweis bei fünf der elf Angeklagten nicht eindeutig zu erbringen sei. Es sei nicht deutlich erkennbar, ob sie eine Waffe in der Hand gehalten und damit auch geschossen hätten. Den Männern wäre damit nur die Unterstützung einer bewaffneten Gruppe anzulasten gewesen. Für Urteile zu Haftstrafen hätte das möglicherweise nicht ausgereicht, so die Staatsanwaltschaft Gera. Deshalb habe man sich für einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldauflage entschieden.

Pikant ist:  Unter den Männern, gegen die der Prozess eingestellt wurde, befinden sich die beiden mutmaßlichen Köpfe der armenischen Mafia-Gruppe in Erfurt. Seit mindestens acht Jahren organisieren sie die Geschäfte in Thüringen. Die Männer stehen zwei armenischen Clans vor, die in Erfurt zusammenarbeiten. Ihre Brüder sitzen weiter auf der Anklagebank. Sie gehören zu denjenigen sechs Männern, gegen die es keine Einstellung gibt und die sich in dem Verfahren verantworten müssen. Ihnen wird unter anderem versuchter Totschlag und Bildung einer bewaffneten Gruppe vorgeworfen. Seit Mai vergangenen Jahres läuft das Verfahren vor dem Landgericht. Wann es zu einem Ende kommt ist offen.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2016, 05:00 Uhr

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2 Kommentare

13.10.2016 11:46 Beton 2

@Thüringer Original: (Der Aufenthaltsstatus der Herren dieser "Ehrenwerten Gesellschaft" war nicht Verfahrensgegenstand.) Im Grunde haben Sie recht. Alle gesellschaftlichen Gruppen ziehen ihren Vorteil aus dem Mangel an Beweisen. Ob das ein Vorteil hinsichtlich des Zusammenhaltes der Gesellschaft ist, werden wir erleben.

13.10.2016 07:56 Thüringer Original 1

Da sehen mal die Leute, die nicht weiter als fünf Meter denken können, dass nicht nur Anklagen gegen Asylbewerber fallen gelassen werden. Wenn man, bedauerlicherweise, nicht genügend Beweise hat, ist es besser, als einen Freispruch aus Mangel an Beweisen, weil dann noch mehr Kosten und den Staat zukommen.